Berglen

Nach SEK-Einsatz in Berglen-Öschelbronn: Wie die Anwohner die Lage bewerten

Bedrohungslage, Berglen-Öschelbronn, 12.01.2023.
Das gepanzerte Spezialfahrzeug und das Rettungsdienstfahrzeug waren vorsorglich vor Ort. © Benjamin Beytekin

Wie geht es nach dem massiven Polizei- und SEK-Einsatz vom vergangenen Donnerstag weiter? Das Aufgebot vor Ort war enorm, aber letztlich ließ sich der Mann, der einen Gerichtsvollzieher und laut Polizei Beamte von ihnen mit laufender Kettensäge bedroht hatte, widerstandslos und ohne dass Waffengewalt eingesetzt werden musste, festnehmen. Gott sei Dank, muss man sagen. Er wurde anschließend aufgrund seines „psychischen Ausnahmezustands“, so die Polizei, in eine psychiatrische Klinik gebracht und befindet sich dort, wie sie sagt, „in fürsorglicher Unterbringung“. Man kann davon ausgehen, dass es sich wohl um das ZfP in Winnenden handelt, wobei weder die Polizei noch das ZfP aus Datenschutzgründen das bestätigen.

Polizei-Aufgebot übetrieben? Das sagt das Präsidium in Aalen

Nun gibt es Leute, die die Armada, die da aufmarschierte, für übertrieben halten. Die Pressestelle im Polizeipräsidium Aalen wiederholt dazu auf neuerliche Anfrage, der „Kräfteansatz wurde entsprechend der durchgeführten Lagebeurteilung samt Erfahrungswerten gewählt. Aufgrund des in der Situation schwer kalkulierbaren Gefährdungspotenzials mit offenem Ausgang“ sei der Polizeieinsatz richtig und der Situation angemessen gewesen.

Eine weitere Frage, die sich stellt, ist, geht von dem Mann (weiterhin) Gefahr aus? Darüber gehen die Meinungen im Ort auseinander. Die Polizei verweist darauf, dass diese Beurteilung nicht ihr obliege.

Noch eine Frage ist, wessen genau hat sich der 58-Jährige, der allein auf einem Aussiedlerhof lebt, der ihm nicht mehr gehört und der eben an diesem Morgen zwangsgeräumt werden sollte, schuldig gemacht, was wird ihm vorgeworfen?

Vorwurf der Bedrohung, Nötigung und Bedrohung von Vollstreckungsbeamten

Letztlich wird darüber ein Gericht befinden, wenn und falls es zu einem Prozess kommt. Da könnte es aber auch um die Schuldfähigkeit des Mannes im medizinischen und damit juristischen Sinne gehen. Zunächst ermittelt die Polizei, laut ihr wegen Bedrohung, Nötigung und tätlichem Angriff auf Vollstreckungsbeamte. Die Akten dazu befinden sich noch bei ihr. Hat sie fertig ermittelt, gehen die an die Staatsanwaltschaft und die entscheidet, ob und wegen was Anklage erhoben wird.

An diesem aufregenden Morgen, der in Öschelbronn wohl lange in Erinnerung bleiben wird, hatte eine Anwohnerin auf Nachfrage am Telefon den Mann als jemanden geschildert, der im Ort als aggressiv gefürchtet sei, der bedrohlich sein könne, um den man einen weiten Bogen mache, den man meide. Die Käufer und damit neuen Besitzer des Anwesens, er habe dort wohl ein befristetes Wohnrecht gehabt, seien vor ihm regelrecht geflüchtet. Bürgermeister Holger Niederberger sprach von ihm als jemandem, der Hilfe brauche, der große Probleme habe.

Man wollte ihm nicht begegnen und ging ihm auch schleunigst aus dem Weg

Eine junge Frau, die über viele Jahre mehrmals in der Woche an dem Haus vorbei musste, erzählt, dass der Mann im Bekanntenkreis dort „berühmt-berüchtigt“ sei und man sich auch nicht unbedingt auf den Wiesen in Sichtweite des Hauses aufhalte, weil es sonst nämlich nicht lange bis zu einer von ihnen nicht gewünschten Begegnung mit ihm dauere. Dass man ihm bei einer zufälligen Begegnung schleunigst aus dem Weg gehe, auch wenn er ihr gegenüber noch nie direkt aggressiv geworden sei. Allerdings habe er einen immer nicht gerade freundlich angestarrt, wenn man vorbeikam. Also sie habe ihn als durchaus bedrohlich empfunden, beziehungsweise „dass er nicht richtig tickt“, das sei aber auch allen im weiteren Umfeld bekannt gewesen.

Auf den Zeitungsbericht hin meldet sich ein Bekannter des Manns aus Ödernhardt, ebenfalls telefonisch. Seine eigenen Erfahrungen mit diesem seien andere und deshalb halte er, was von Seiten der Polizei an dem Morgen aufgefahren wurde, für weit überzogen. Der Mann könne zwar verbal aggressiv werden, aufbrausend sein, auch mal „ausrasten“, „das habe ich selbst auch schon erlebt“, aber er würde nie jemandem etwas antun, versichert der Bekannte. Im Zusammenhang mit dem Verkauf des Anwesens und einem Maschinenkauf vorher, bei dem er sich finanziell übernommen habe, habe der Mann sicher Fehler gemacht, sei aber auch in die Enge getrieben worden. Der Bekannte glaubt, dass das massive Aufgebot an Einsatzkräften nicht nötig gewesen sei. „Das wäre sicher auch anders gegangen.“

Ernst Eisenmann: Vor dem muss man keine Angst haben

Ernst Eisenmann – einst langjähriger Gemeinderat und stellvertretender Bürgermeister, im Hauptberuf selbstständiger Landschaftsgärtner, Vorsitzender der Teilnehmergemeinschaft der Flurbereinigung, von all dem her jemand, der in Berglen fast jeden kennt und dessen Stimme Gewicht hat – äußert sich auf Nachfrage ganz ähnlich. Angst müsse man vor dem Mann auf keinen Fall haben. „Das wäre weit überzogen, so etwas zu behaupten.“ Er selbst sei mit dem immer sehr gut ausgekommen und dieser habe im Zuge der Flurbereinigung schon oft geholfen. Bei dem, was jetzt passiert sei, seien „verschiedene Faktoren“, „Umstände“ zusammengekommen. Ja, der Mann habe oft schlechte Laune, „aber so ist er nun mal“. Im Grunde sei der ein „armer Tropf“. Der Mann sei vereinsamt und darüber zum Eigenbrötler geworden. Was stimme, sei, dass er sich wehre, wenn er in die Enge getrieben werde, sich zumindest so fühle. Das sei wohl auch jetzt der Fall gewesen.

Chefarzt: Psychisch krank bedeutet nicht automatisch gefährlich

„Psychische Ausnahmesituation“ sei zunächst auf jeden Fall keine psychiatrische Diagnose, sondern eine Umschreibung eines Zustands, betont Dr. Christopher Dedner, Chefarzt des ZfP auf Nachfrage. Die Polizei gehe bei dieser Standardformel davon aus, dass bei einem bestimmten Verhalten eines Menschen „etwas Psychisches dahintersteckt“, gleichzeitig drücke diese Formulierung eine gewisse Unsicherheit bei ihr aus. „Da geht es eher um Symptome. Es bedeutet also nicht zwingend, automatisch, dass eine psychische Erkrankung bei dem- oder derjenigen vorliegt.“ Dieses Verhalten könne sich in Belastungssituationen ganz unterschiedlich äußern. Komme der oder die Betreffende ins ZfP, versuche man dort, „in Kontakt“ zu kommen, eine Umgebung zu schaffen, die den/die Eingelieferte beruhige. „Ob das gelingt, hängt aber auch davon ab, was im Vorfeld passiert ist, in welcher Situation jemand zu uns kommt.“

Prinzipiell sei jeder erst mal freiwillig bei ihnen, aber es gebe Ausnahmen im Sinne des Eigenschutzes der Betroffenen (etwa Suizidgefahr), oder aus erkennbarer Sorge, derjenige könne anderen etwas antun, so Dedner weiter. Ihn oder sie dazubehalten, auch gegen seinen/ihren Willen, sei für einen ganz begrenzten Zeitraum, als „letztes Mittel“, möglich. Was über diesen Zeitraum hinausgehe, darüber entscheide ein Richter, freilich auch unter Berücksichtigung der Stellungnahme des ZfP, nach Selbstanamnese und nachdem sie sich dort ein möglichst breites Bild von dem betreffenden Menschen und möglichst auch seinem Umfeld gemacht haben.

Ja, es gebe psychische Erkrankungen, wo man diese Sorge haben müsse. „Aber psychisch krank heißt nicht automatisch gefährlich, auch wenn die Leute auf andere bedrohlich wirken, das ist oft eine subjektive Wahrnehmung.“

Es gebe also prinzipiell drei Möglichkeiten, so Dedner. Erstens: Die Ärzte kommen zum Ergebnis, mit dem oder der Eingelieferten sei alles in Ordnung, dann werde er/sie auch wieder entlassen, aus dem ZfP wohlgemerkt. Zweitens: Es liegt eine psychische Erkrankung vor, dann wird seitens des ZfP die Unterbringung beantragt, über die ein Richter entscheidet.

Vorläufige Unterbringung, wenn es die öffentliche Sicherheit erfordert

Drittens: Es ist von einer (geschehenen) Straftat auszugehen (oder mehreren), beziehungsweise diese wird ihm/ihr vorgeworfen und diese hat einen psychischen Hintergrund, beziehungsweise davon ist laut ZfP auszugehen. Dann kann der- oder diejenige in den Maßregelvollzug oder ins Justizkrankenhaus überstellt werden (nach Paragraf 126a Strafprozessordnung). Den Antrag darauf stellt die Staatsanwaltschaft, die Entscheidung trifft ebenfalls ein Richter.

In dem Paragrafen heißt es, das Gericht kann einen Menschen, dem eine rechtswidrige Tat vorgeworfen wird, vorläufig in einem psychiatrischen Krankenhaus oder einer Erziehungsanstalt unterbringen, wenn es die „öffentliche Sicherheit erfordert“. Hierfür müssen „dringend“ Gründe für die Annahme vorhanden sein, dass diese Tat im Zustand der Schuldunfähigkeit oder verminderten Schuldfähigkeit begangen wurde.

Wie geht es nach dem massiven Polizei- und SEK-Einsatz vom vergangenen Donnerstag weiter? Das Aufgebot vor Ort war enorm, aber letztlich ließ sich der Mann, der einen Gerichtsvollzieher und laut Polizei Beamte von ihnen mit laufender Kettensäge bedroht hatte, widerstandslos und ohne dass Waffengewalt eingesetzt werden musste, festnehmen. Gott sei Dank, muss man sagen. Er wurde anschließend aufgrund seines „psychischen Ausnahmezustands“, so die Polizei, in eine psychiatrische Klinik gebracht

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