Berglen

Steinacher Geschichte(n) in Person: Rundgang mit Diethard Fohr

Diethard Fohr
Diethard Fohr mit einem Bild von Paul Haag vor dem ehemaligen Wagner-Haus. © Gabriel Habermann

Eine „geballte Ladung“ Heimatkunde verkörpert in einer Person erwartet die Teilnehmer eines Rundgangs am Samstag, 22. Oktober, in Steinach (Teilnahme kostenlos, Anmeldung erbeten unter 0 71 95/6 43 22 oder Mail an diethardfohr50@aol.com, Start 15 Uhr an der Schule, Abschluss gegen 16.30 Uhr mit frischen Salzkuchen aus dem Backhäusle im evangelischen Gemeindehaus, ab 17 Uhr werden dort alte Fotos gezeigt und Geschichten dazu erzählt).

Aber was heißt hier eine Person? Es ist Diethard Fohr, einst Vorstand des SSV Steinach-Reichenbach und der Baugenossenschaft Winnenden, mittlerweile Stadtrat in Winnenden, dort Mitinitiator für ein Stadtmuseum, Anstifter und Organisator der Mistelaktion im Raum Winnenden-Berglen, Aktiver im Berglener Heimat- und Museumsverein . . . Es ist eigentlich kaum zu fassen, dass von einem Einzelnen die Rede ist.

Fohr ist gebürtiger Steinacher und aufgewachsen in dessen historischem Kern rund um die Kirche. Wer dort mit ihm einen Radius von nicht mehr als 100 Metern abschreitet, der wird mit einem schier unaufhörlichen Fundus an hörenswerten Anekdoten belohnt.

Die Familie stammte aus dem Sudetenland, dem Altvatergebirge, das in Tschechien nahe der polnischen Grenze liegt und laut Fohr dem Schwarzwald ähnelt. Seine Eltern kamen 1946 mit den Großeltern und Geschwistern als Vertriebene zunächst nach Kottweil. Und hatten das Glück, dort für sich ein ganzes Haus zu haben. Anderen Vertriebenen ging es bekanntlich anders. 1950 zogen sie um nach Steinach, im April, im Oktober wurde Diethard geboren, einer von zwei Söhnen, der ältere. Selbst da gab es Unterschiede zu den Einheimischen, es war nämlich eine Hausgeburt.

Auf der Gass war so viel los, das Beobachten war das Dorfkino

Es ging auch danach eng zu. Er und der Bruder schliefen im Wohnzimmer, auf Couch und Klappbett, mussten also immer warten, bis der Besuch gegangen war, ehe sie schlafen durften, wobei sie als Buben das natürlich nicht als "mussten" empfanden. Dazu muss man wissen und er erzählt es auch, ohne jeden Groll, dass von Nichtraucherschutz, auch nicht für Kinder, noch keine Rede sein konnte. Er weiß auch noch, dass eine Lieblingsbeschäftigung seinerzeit war, einfach aus dem Fenster vorne rauszugucken, mit dem Kissen auf dem Fensterbrett, auf „die Gass“.

Das Herstellen der Räder für Leiterwagen war ein Mordsspektakel

Da war einiges „geboten“ im „Dorfkino“, Fernsehen gab es damals noch nicht. Auf ganz engem Raum spielte sozusagen das Leben und Langeweile dürften die Buben dort gewiss nicht gekannt haben. Es gab einen Wagner und wenn der die Räder für einen Leiterwagen herstellte, war das mit Gezische, Gedampfe und offenem Feuer im Freien immer ein „Mordsspektakel“. Leider kam das nur etwa alle halbe Jahr' vor. Der Weg hieß im Volksmund „Mühle“, in der Erinnerung daran, dass dort einst, bis Anfang der 1900er, wirklich eine Mühle gestanden hatte. Und ein paar Meter weiter stand immer noch die Sägemühle. Das Holz wurde mit Pferden und Fuhrwerk dorthin gebracht. Die Vierbeiner mussten das so oft machen, dass sie bald wussten, was ihnen an Plackerei bergauf bevorstand, und so „erleichterten“ sie sich regelmäßig so zuverlässig am Fuß des Anstiegs, dass die benachbarten Hausfrauen schon bereitstanden, um die als Dünger und Mist wertvollen Rossbollen einzusammeln. Irgendwann wurde eine Seilwinde installiert, um die Schufterei etwas abzumildern.

Stets Aufruhr im Quartier, wenn das Ungetüm Dreschmaschine kam

In dem Quartier wohnte und arbeitete auch ein Schmied. Dieser, Wagner, Sägmühle, alles nah beieinander, das passte. Auf der Rückseite des Fohr’schen Elternhauses fuhr einmal im Jahr die Mietdreschmaschine vor und hinten rein, bis das Ungetüm richtig stand, das war eine rechte Kugelfuhr und auch Anlass für helle Aufregung rundherum. Ach so, und der Wagner, Fohrs Gedächtnis läuft zur Hochform auf, ohne im Geringsten selbst Ortsunkundige zu langweilen, der hatte einen imposanten, Kinder sehr respekteinflößenden Bart. Auch dass der Bartträger sie als Kinder immer zum Stumpenkaufen schickte, beim Bäcker unten im Flecken, ist nicht vergessen. Und gegenüber gab es noch eine Tankstelle und einen Quelle-Laden und und und.

Fohr muss sich nun selbst bremsen, er will schließlich nicht über die Zeitung schon vorher alles verraten, er wüsste noch viel mehr. Er ist 72, plant er eine Reihe heimatgeschichtlicher Spaziergänge? Also, für Steinach werde der eine Samstag sicher nicht reichen. Für Kottweil und Hößlinswart kann er es sich auch vorstellen, ein ehemaliger KTSV-Vorsitzender und der Wirt vom „Hirsch“ waren Onkels von ihm, er weiß von beiden Orten viel, wenn auch von Steinach gewiss mehr.

Fürs Aufschreiben sei er noch zu aktiv, später vielleicht mal

Aber warum macht er immer weiter? Also das viele Wissen wolle er schon noch erzählen, bevor es verloren gehe. Er trage sich seit einigen Jahren mit diesem Gedanken, sei aber von Corona ausgebremst worden. Er könnte das doch auch aufschreiben, dann würde es auf jeden Fall erhalten, für ein weiteres Heft der „Rückblicke“ des Heimat- und Museumsvereins sollte sein Fundus locker reichen. Er schüttelt den Kopf, das wäre zu viel G’schäft, dafür sei er noch zu aktiv, als Stadtrat, als Wanderer, Radfahrer und Übungsleiter beim SSV für Wirbelsäulengymnastik. Also später vielleicht, wenn das alles nicht mehr geht?

Eine „geballte Ladung“ Heimatkunde verkörpert in einer Person erwartet die Teilnehmer eines Rundgangs am Samstag, 22. Oktober, in Steinach (Teilnahme kostenlos, Anmeldung erbeten unter 0 71 95/6 43 22 oder Mail an diethardfohr50@aol.com, Start 15 Uhr an der Schule, Abschluss gegen 16.30 Uhr mit frischen Salzkuchen aus dem Backhäusle im evangelischen Gemeindehaus, ab 17 Uhr werden dort alte Fotos gezeigt und Geschichten dazu erzählt).

Aber was heißt hier eine Person? Es ist Diethard

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