Berglen

Weiter Baugebiet erschließen oder damit aufhören: Berglener sind bei einer Umfrage zur Bürgermeisterwahl dazu gespalten

Rettersburgneubau
Das Gebiet Hanfäcker in Rettersburg ist fast aufgesiedelt, das nächste Wohngebiet wird in Steinach sein. © Gaby Schneider

Bei der öffentlichen Kandidatenvorstellung der Gemeinde zur Bürgermeisterwahl am 4. Juli kamen, für manchen vielleicht überraschend, viele Nachfragen, die kritisch die Wohnraumpolitik der Gemeinde in den vergangenen Jahren, die Ausweisung von Neubaugebieten und den einhergehenden „Landschaftsverbrauch“ thematisierten. Eine Politik, die der bisherige Bürgermeister Maximilian Friedrich und auch sein Vorgänger Wolfgang Schille keineswegs im Alleingang betrieben oder gegen großen Widerstand durchsetzen mussten, sondern die der Gemeinderat, bis auf punktuelles Aufbegehren der SPD, wenn es um die Größe der Gebiete ging, mittrug, ja ausdrücklich guthieß – und letztlich ja auch beschloss.

In einer Umfrage, bei der die Teilnehmer nach dem Zufallsprinzip ausgewählt wurden, hatte der Zeitungsverlag Waiblingen zuvor gefragt, ob angesichts weiterhin fehlender Wohnungen die Gemeinde mit dem Ausweisen von Baugebieten fortfahren soll. Dafür wurde die Antwort „angeboten“, dass man das richtig fände, weil es dazu keine Alternative gebe, die innerörtlichen Baulücken zu schließen, würde nicht ausreichen. Oder dass der „Flächenfraß“, die immer weitere Versiegelung der Landschaft, aufhören müsse. „Halbe halbe“ ist dabei herausgekommen. 42 Prozent halten die erste Antwort für richtig, knapp 45 Prozent die zweite. Die Berglener Bevölkerung ist also bei dieser wichtigen, strukturellen Frage gespalten.

Eigentlich ist es verblüffend, dass angesichts des teilweise lautstarken „Gegenwinds“ zu dieser Politik, fast die Hälfte der Befragten diese nach wie vor unterstützt. Es wird also eine Herausforderung für den neuen Bürgermeister (oder die neue Bürgermeisterin), da einen gemeinsamen Nenner zu suchen, die Balance zu finden. Wobei mit dem erschlossenen Abrundungsgebiet in Hößlinswart und dem geplanten Neubaugebiet in Steinach schon Weichen gestellt sind, die in die neue Amtsperiode hineinreichen. Für die Zeit danach stellt sich aber die Frage, wie es weitergehen soll.

Eine weitere Frage, die mit der vorherigen eng verbunden ist, war, ob Berglen weiterhin wachsen soll, ob die Entwicklung der letzten Jahrzehnte, nämlich immer weiter weg vom einst dörflichen Charakter, weitergehen soll. Nun wäre wohl zu erwarten gewesen, dass sich auch hier „die Geister scheiden“, nämlich das Ergebnis ähnlich „gespalten“ ausfallen wird. Aber siehe da: Ganz klare Mehrheit, fast zwei Drittel( (knapp 65 Prozent), haben sich der Antwort angeschlossen, dass Berglen „nicht seinen besonderen Reiz, seine Eigenheit, die es ausmacht, verlieren darf“ und dass es deshalb dort ein Innehalten brauche. Knapp 28 Prozent haben die Antwort „angekreuzt“, dass es keine Alternative gebe, alles Andere rückwärtsgewandte Nostalgie sei. Das ist also, wenn man so will, eine deutliche Willensbekundung, die allerdings nur schwer vom neuen Rathauschef (oder -chefin) und auch dem Gemeinderat mit dem ambivalenten Ergebnis auf die erste Frage in Einklang zu bringen sein dürfte. Anders gesagt: Bauen ermöglichen, ohne weiterer Modernisierung Vorschub zu leisten, ist geradezu ein Widerspruch in sich.

Eine gewisse Zentralisierung in Oppelsbohm finden 50 Prozent gut

Eine ebenfalls „grundsätzliche“ Frage der Umfrage, galt der Struktur der Gemeinde, ihrer Dezentralität mit rund 30 Teilorten und der Stellung des (nirgends förmlich dazu jemals erklärten, aber faktisch unzweifelhaften) „Hauptorts“ Oppelsbohm. Ob denn dieser bei der Infrastruktur (Kitas, Schule, Läden, Arztpraxen) in den vergangenen Jahren „zu stark bevorzugt“ worden sei, so die Frage. Etwa die Hälfte sagte dazu „Nein“, schloss sich der Auffassung an, eine gewisse Zentralisierung sei richtig, Oppelsbohm sei nun mal der größte Ort in Berglen. Rund 27 Prozent halten dagegen die Aussage, dass andere, nicht viel kleinere Orte wie Rettersburg, Steinach und Hößlinswart, bei der Infrastruktur vernachlässigt worden seien, für richtig. Immerhin rund 15 Prozent gaben an, dass sie zu dieser Frage keine Meinung haben. Was lässt sich daraus für den künftigen Amtsinhaber (oder Amtsinhaberin) und den Gemeinderat schließen? Dass die Berglener Bürger überwiegend der Auffassung sind, wie es im Wahlkampf schon zu hören war, dass nicht jeder Flecken unbedingt „alles braucht“, dass die „Ausstattung“ der Orte durchaus unterschiedlich sein darf, dass man es bei der „Differenzierung“ aber nicht übertreiben sollte und vor allem, dass nicht Orte das Gefühl haben dürfen, dass das, was anderswo geschaffen, angesiedelt wird, auf ihre Kosten geht, sie also vernachlässigt werden.

Eine Frage, die „nur“ temporär, hoffentlich vorübergehend wichtig ist, bei der aber nicht ausgeschlossen ist, dass sie irgendwann wiederkehrt, und bei der es sehr direkt, unmittelbar um das „Lebensgefühl“, ja die Lebensqualität geht, war die, wie die Arbeit der Gemeindeverwaltung in der Corona-Krise beurteilt wird. Knapp 70 Prozent „kreuzten“ die Antwort an, diese habe richtig reagiert, man habe sich von ihr gut informiert gefühlt. 15 Prozent schlossen sich der Meinung an, es sei zu viel eingeschränkt worden, was zusammen auch der Anteil derer ist, die dazu nicht geantwortet haben oder keine Meinung haben.

Direkt, ja unverblümt, sozusagen „Arbeitsauftrag“ ans neue Gemeindeoberhaupt, schließlich die Frage, was der oder die „unbedingt angehen“ sollte. Hier „passt“ der Tenor zur Mehrheitsantwort bei der Frage zur Weiterentwicklung von Berglen. 40 Prozent sind der Meinung, beziehungsweise haben diese Antwort angekreuzt, dass der Erhalt der berglentypischen Landschaft (Wald, viele Streuobstwiesen, dazwischen Landwirtschaft, mehr Umwelt- und Naturschutz) ganz oben auf der Agenda stehen sollte. Etwa gleichauf liegen die Erwartung an die Gemeinde, einen Kinderarzt/eine Kinderärztin nach Berglen zu holen (knapp 16 Prozent) , aus der Nachbarschaftsschule wieder eine weiterführende Schule (mit Sekundarstufe) zu machen (knapp 14 Prozent) und mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen (ebenfalls knapp 14 Prozent). Wenn das repräsentativ ist, dann ist, vorsichtig formuliert, das Wohnungsproblem aus Sicht der Berglener nicht das drängendste.

Bei der öffentlichen Kandidatenvorstellung der Gemeinde zur Bürgermeisterwahl am 4. Juli kamen, für manchen vielleicht überraschend, viele Nachfragen, die kritisch die Wohnraumpolitik der Gemeinde in den vergangenen Jahren, die Ausweisung von Neubaugebieten und den einhergehenden „Landschaftsverbrauch“ thematisierten. Eine Politik, die der bisherige Bürgermeister Maximilian Friedrich und auch sein Vorgänger Wolfgang Schille keineswegs im Alleingang betrieben oder gegen großen Widerstand

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