Berglen

Wo Tupper ein Auslaufmodell ist: Der plastikfreie Waldkindergarten in Berglen

Waldkindergarten
Vorbildlich ausgerüstet, auch fürs Vesper gleich. © ALEXANDRA PALMIZI

Teamleiterin Sandra Rehm hat an der Schutzhütte auf dem Stückle nahe des Kottweiler Waldspielplatzes eine kleine Ausstellung für das Gespräch mit der Zeitung vorbereitet. Die will es nämlich genauer als in der Pressemitteilung des Trägervereins geschildert wissen, wie der Waldkindergarten „plastikfrei“ geworden ist. Oder wird. Er ist es noch nicht gänzlich. Immerhin hat er beim Ideenwettbewerb „Klimaschutz zum Mitmachen“ des Rems-Murr-Kreises, den zweiten Platz belegt. Die Einrichtung ist vom Landesverband der Waldkindergärten entsprechend zertifiziert.

Alles mit oder aus Plastik auf einen Schlag wegwerfen, wäre auch nicht nachhaltig

Im September 2020 waren die Erzieherinnen bei einer Fortbildung zum Thema Plastikfreiheit, wobei einige von ihnen eh daheim längst sich auf den Weg dorthin gemacht hätten, sie selbst auch, betont Sandra Rehm. Als junge Mutter hat sie selbst nie zu Pampers gegriffen, sondern zu nachhaltigen Stoffwindeln. Nun wird mancher sagen, na ja, Waldkindergarten und kein Plastik, das liegt doch auf der Hand. Auch die Teamleiterin sagt: „Gerade weil wir uns in der Natur aufhalten, stehen wir da schon in der Pflicht“. Aber ganz so einfach ist es nicht, wie sich noch zeigt. Nachdem der Gedanke ins Team „getragen“ wurde, gab es „rege Diskussionen“, wie sie sagt. Denn alles mit Plastik einfach wegwerfen, auswechseln, wäre ja auch nicht nachhaltig. Plastikfreiheit ist auch kein ganz neuer Gedanke, „wir haben also schnell erkannt, dass wir das Rad nicht neu erfinden müssen.“ Kreativität sei gleichwohl verlangt. Sie fingen an, auf Flohmärkten und Basaren nach Ersatz zu suchen, Gebrauchsgegenständen wie Löffel oder Schaufeln aus Metall. Der Vorteil: stabiler, halten länger, hochwertiger vom Umgang damit. Die Kinder hätten das sofort angenommen, toll gefunden. Die Eltern wurden angeschrieben, steuerten Küchenutensilien wie Siebe und Kellen bei. Das Ziel Plastikfreiheit „sickerte“ so in die Familien ein, weil der Nachwuchs auch dort danach verlangt. Der Reiz von Plastik, die Farbigkeit, trete für die Kinder allmählich in den Hintergrund, so Sandra Rehm.

Im Team machten sich die Erzieherinnen bei, genauer gesagt vor Neuanschaffungen Gedanken, ob diese überhaupt Sinn machen. Fürs Aufbewahren, Frischhalten von Lebensmitteln sind Schraubgläser statt Plastikfolien „wiederentdeckt“ worden. Oder Brötchen im Karton statt in der Tupperdose. Biologisch abbaubare Seife, aber der Seifenspender aus Plastik: ein Widerspruch in sich. Die Alternative: Kernseife raspeln und aufbewahren in ehemaligen Gewürzdöschen. Während der Corona-Zeit hatten sie „Aktionswege“ im Wald angelegt, für die Familien, mit Aufgaben auch für die Eltern. Die Zettel dazu waren in laminiertem Plastik, auch da kamen nun stattdessen die guten alten Weckgläser zum Einsatz. Die Erzieherinnen nähten und wachsten Täschchen (um sie wasserdicht zu bekommen) als Geburtstagsgeschenke für die Kinder. Sandra Rehm hat selbst einen selbst genähten Rucksack dabei im Wald.

Adventskalendersüßigkeiten in Gläschen, zum Wiederbefüllen im nächsten Jahr

Auch die Adventskalendersüßigkeiten kommen in Gläschen, die im nächsten Jahr wieder befüllt werden können. Es gibt weder Osterhasen noch Nikoläuse in den üblichen Alufolien. Die Schokolade für sie wird selbst gegossen, auch Gutsle sind selbst gemacht. Für die Nikolausstiefelchen gab es Apfelchips aus einem landwirtschaftlichen Betrieb im nahen Kottweil. Pappschachteln statt Plastikhüllen fürs Sammeln von „Waldschätzen“, Vesperdosen aus Alu statt Tupper. Die Isomatten, die die Kinder unterwegs als Unterlagen dabei haben, sonst üblicherweise aus Styropor, sind bei ihnen aus Schafwolle gefilzt, nachdem das mit den Eltern und Erzieherinnen geübt wurde. Die sind schnell trocken, sind leicht, individuell, weil jede anders ist, gehen kaum kaputt, halten eigentlich ein Leben lang, zählt Sandra Rehm auf.

Die Hoffnung sei natürlich auch, dass die Kinder ihre Eltern und Geschwister „mitnehmen“. Es gehe aber alles nur mit Überzeugung, ohne Zwang: Wenn ein Kind eine Matschhose oder -jacke aus Kunststoff habe, werde das selbstverständlich akzeptiert. Sie geht davon aus, dass auf Dauer die besseren (aber auch teureren) Alternativen aus Wolle oder in Mischung mit Baumwolle sich eh durchsetzen. Sandra Rehm näht selbst, wenn Hosen und Jacken gekauft werden, müsse man eben bereit sein, etwas mehr auszugeben. Aber noch mal: Alles sei freiwillig „und wir wollen ja auch niemanden zwingen, das Bisherige wegzuschmeißen, sondern anregen, bei Neuanschaffungen drüber nachzudenken oder vorher das Alte doch noch mal zu reparieren, zu flicken.“ Die Alternativen werden bei Elterninfoabenden vorgestellt, ihre Vorteile erklärt. „Aber ob es dann auch so gemacht wird, muss jeder(r) selbst entscheiden für sich. Das Thema begleitet uns ja ständig, im Alltag und im ganzen Jahresablauf.“

Der Ansatz sei „lebenspraktisch, ganzheitlich“. Die Kinder sollen einen „fürsorglichen“ Umgang nicht nur mit der Natur, sondern auch mit Gegenständen und Werkzeug lernen. Dazu gibt es Projektgruppen, Aktionstage, es wird zum Beispiel gezeigt, wie man einen Tisch einölt. Die Kinder gehen im Wald an Müll, den Dreckspatzen dort hinterlassen, nicht mehr einfach vorbei. Sie haben Brottüten aus Papier zum Einsammeln dabei, mit gekreuzten Holzstöckchen als Zangen, um das Zeug aufzupicken. Bei einem Aktionstag fanden sich ein ausrangierter Rasenmäher, eine ausgediente Kloschüssel und ein defekter Drucker im Wald. Das habe die Kinder arg berührt, erinnert sich Sandra Rehm. Bei ihr zu Hause: Natürlich kein Wäschetrockner, noch feuchte Wäsche wird grundsätzlich aufgehängt. Kein Fernseher, Kühlschrank ja. Sie arbeitet seit 20 Jahren im Waldkindergarten. Ja, in der langen Zeit habe sich viel geändert, die Outdoorwelle mit viel Kunststoffeinsatz, dabei sei Wolle vom Tragegefühl her doch viel besser.

Mittlerweile ist Frühstückszeit. An dem nahen Sammelplatz dafür stehen die Kinder an zum Händewaschen, sie sagen selbst „Waschstraße“ dazu, die geraspelte Kernseife kommt zum Einsatz. Einige haben sogar unverwüstliche Lederhosen an, von den anderen sind keineswegs alle aus Baumwolle. Und nicht alle Vesperbehältnisse sind nicht aus Plastik. Kein Problem bei den Kindern und den Erzieherinnen. Jetzt wird gemeinsam gevespert und sonst nichts.

Teamleiterin Sandra Rehm hat an der Schutzhütte auf dem Stückle nahe des Kottweiler Waldspielplatzes eine kleine Ausstellung für das Gespräch mit der Zeitung vorbereitet. Die will es nämlich genauer als in der Pressemitteilung des Trägervereins geschildert wissen, wie der Waldkindergarten „plastikfrei“ geworden ist. Oder wird. Er ist es noch nicht gänzlich. Immerhin hat er beim Ideenwettbewerb „Klimaschutz zum Mitmachen“ des Rems-Murr-Kreises, den zweiten Platz belegt. Die Einrichtung ist

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