Fellbach

CDU zwischen Selbstinszenierung und gärender Verunsicherung

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Thomas Strobl, Annegret Kramp-Karrenbauer und Susanne Eisenmann. © Ramona Adolf

Jahr um Jahr war dieser Politische Aschermittwoch in Fellbach vor allem eins: eine Machtdemonstration.

Die in Corporate-Identity-Orange leuchtenden Banner und die Tonkrüge auf urigen Biertischen unterm Fachwerkdach, die Großleinwände und das Tschinderassa des Spielmannszugs, die Werbehinweise auf CDU-Auftritte bei Instagram, Flickr, Facebook, Twitter und die Janker, die viele Männer zur Jeans tragen, die ganze süffige Mischung aus Hightech und Folklore – etwas saftstrotzend Selbstbewusstes geht aus von diesem Treffen der Landes-CDU in der Alten Kelter mit Tausenden von Partei-Anhängern, angereist aus allen Badener und Württemberger Landstrichen: Das macht uns keiner nach, wir sind Moderne und Tradition, wir sind Die Volkspartei. In Großbuchstaben.

So ist es auch diesmal; und doch ganz anders. Die Schande von Thüringen hallt nach: Der dortige Landtagsfraktions-Tross, halb zog es ihn, halb sank er hin, stimmte mit der AfD. Dann ist da der Führungsstreit, hinter dem ein ausgewachsener Richtungsstreit lauert: Friedrich Merz, der Wirtschaftsliberale mit dem Faible für Innere Sicherheit? Oder der Merkelianer Armin Laschet? Und unter all den aktuellen Nöten gären grundsätzliche: Die vorherrschende Haarfarbe in der Alten Kelter ist grau, die CDU genießt, wie die Europawahl offenbarte, bei Jungwählern wenig Rückhalt und gilt, wie die Hamburgwahl brutal gezeigt hat, in weiten Kreisen der urbanen Gesellschaft als schwer vermittelbar.

Ein weißer Elefant steht im Raum – die heimliche Leitfrage dieses Politischen Aschermittwochs 2020, die Frage, die keiner offen ausspricht, sie lautet: Passt diese pralle Inszenierung noch zu Rang und Status einer tief verunsicherten Partei?

Merz, Merz, Merz: Oder doch Laschet? Eine Umfrage

„Ich werde für Friedrich Merz stimmen“ – das sagt, beim Pressefrühstück vorm großen Saalauftrieb: Thomas Strobl, der Landesvorsitzende. „Merz“ – das sagt: Susanne Eisenmann, Spitzenkandidatin für die Landtagswahl 2021. Und Generalsekretär Manuel Hagel: Die CDU brauche derzeit „vor allen Dingen auch Führung. Ich werde Friedrich Merz wählen.“

Einen Konflikt zwischen Annegret Kramp-Karrenbauer und Friedrich Merz bestreitet die CDU-Führung im Land. Als ein Journalist während der Pressekonferenz danach fragt, wird er von Strobl und Eisenmann der Fehldeutung geziehen. „Beide arbeiten sehr gut zusammen.“ Der Bundestagsabgeordnete und CDU-Kreisvorsitzende Joachim Pfeiffer beginnt gar gleich zu bruddeln, dass die Presse einen internen CDU-Zwist wohl „gerne hätte“, bis Eisenmann ihn mit dringlichen Grimassen zum Schweigen drängt.

Danach auf dem Gang legt Pfeiffer nach: „Zu behaupten, Merz habe am Stuhl von AKK gesägt, ist einfach falsch.“ Auch die Stilisierung von Merz als Judas, der jetzt erneut aus der Deckung komme, sei falsch. „Ich stehe in persönlichem Kontakt zu Merz. Er hat sich damals als Demokrat ehrlich geschlagen gegeben, seither aber mit AKK vertrauenswürdig zusammengewirkt. Merz hat dann halt nur weiter seine politischen Auffassungen konsequent und offen vertreten, klare Kante gezeigt.“ Genau deshalb sei er der richtige Bundesvorsitzende.

AKK habe eher mit Merkel ein Problem gehabt, sei ausgebremst worden von der Kanzlerin, sagt Pfeiffer, der nicht als Merkel-Jünger gilt. In der Vergangenheit hat er immer wieder die „Sozialdemokratisierung“ der CDU kritisiert und auch schon mal einen Rücktritt Merkels angeregt.

Merz, Merz, Merz, Merz: Klarer geht es nicht. Oder?

Als Strobl eine Stunde später unten im Saal bei seiner Begrüßungsrede für Merz wirbt, fällt der Beifall verhalten aus, nur etwa die Hälfte der Leute klatscht. Tosender Applaus und Bravo-Rufe branden erst auf, als Strobl den Stuttgarter OB-Wahlkandidaten Frank Nopper vorstellt.

Kurzumfrage unter CDU-Promis im Saal – Frank Nopper: „Merz!“ Christoph Jäger, Bürgermeister in Großerlach: „Ich persönlich tendiere eher zu Merz.“ Reinhold Sczuka, Vorsitzender der CDU-Kreistagsfraktion: „Die Präferenz liegt bei Merz.“ Der Winnender OB Hartmut Holzwarth, so gedankenschnell, als könne er kaum warten mit seiner Antwort: „Laschet.“ Erich Hägele, lokale CDU-Legende: „Merz kommt für mich nie infrage. Nie.“

AKK: Die Bald-Ex-Chefin beeindruckt

Als die Veranstalter vor Monaten Annegret Kramp-Karrenbauer einluden, dachten sie, die Chefin werde kommen. Nun ist sie da: als künftige Ex. Freundlich klingt es, aber auch etwas gönnerhaft, als Thomas Strobl zur Begrüßung sagt: „Sie hat einen guten Job gemacht.“ Kein leichter Auftritt. Manche haben geunkt, sie werde womöglich gar kurzfristig noch absagen.

Von wegen. Wer AKK in der Alten Kelter reden hört, frei, schwungvoll, bodenständig, beginnt zu verstehen, warum diese Frau sich 2018 gegen Friedrich Merz durchgesetzt hat. Wenn Kramp-Karrenbauer von einer Begegnung mit der Witwe des ermordeten CDU-Politikers Walter Lübcke erzählt oder von der eigenen Jugend in einer kinderreichen Familie, bekommen die Attacken gegen die AfD wie die Reflexionen über das Wesen des Konservativen eine biografisch beglaubigte Leuchtkraft.

Das Genre, das AKK bedient, nennt sich Ruckrede: Es geht darum, Einheit und Aufbruchstimmung zu beschwören. Sicher, die Noch-Vorsitzende watscht wuchtig die AfD ab. „Zuerst wird etwas gedacht, was man nicht denken darf. Dann wird etwas ausgesprochen, was nicht ausgesprochen werden darf. Und dann findet sich immer irgendjemand, der zur Waffe greift“ – darin liege die Verantwortung der AfD und besonders Björn Höckes, „den ich ganz bewusst Nazi nenne“. Sicher, AKK zieht auch eine „Brandmauer nach links“ ein. Aber eine „wirklich gute und starke Partei“ genüge sich nicht darin, gegen die Ränder auszuteilen, sondern verstehe es, sich und andere für die eigenen Werte zu begeistern.

Früher saß die Familie um den Küchentisch, man kochte, redete, befriedigte das „Bedürfnis nach Zusammenhalt“. Genau darum gehe es noch heute – aber natürlich wolle jeder eine modern eingerichtete Küche. „Erhalten, was wichtig ist“ – und „in neue Form gießen, die für die heutige Zeit passt“: Das sei „konservativ“.

Wer hat nicht alles geredet in den vergangenen Fellbacher Jahren: Hoffnungsträger wie Guido Wolf und Jens Spahn, Altgediente wie Günther Oettinger und Wolfgang Bosbach. Keiner wurde hingebungsvoller beklatscht als AKK: stehende Ovationen, fast zwei Minuten lang.

Fähnchen: Eine symbolträchtige Randnotiz

Es folgt ein staunenswerter Satz: „Die CDU lebt!“, sagt Joachim Pfeiffer in seiner Schlussrede. „Das haben wir heute deutlich gemacht und dass wir da sind und kämpfen.“ Es gab Zeiten, da wäre bei einem Fellbacher Aschermittwoch niemand auf die Idee gekommen, derlei eigens zu betonen.

„Die CDU war immer dann besonders stark, wenn der Wind ihr ins Gesicht wehte“, sagt Pfeiffer, immer dann, wenn sie gegen den vorherrschenden Zeitgeist, „gerade in den Medien“, ihre politische Auffassung eindeutig vertreten habe und genau dafür gewählt worden sei. Etwa bei der Entscheidung für die Soziale Marktwirtschaft und für die West-Orientierung und Wiederaufrüstung. „Deshalb ist Merz – als Mann der klaren Kante – jetzt auch genau der richtige für uns.“ Erneut eher verhaltener Applaus.

Journalisten suchen oft nach symbolträchtigen Randnotizen, um den Geist des Moments zu fassen; hier ist eine: Die CDU-Fähnchen auf den Tischen haben schon bessere Tage gesehen, sie wirken nicht gerade frisch gebügelt.

„Ja“, bestätigt jemand aus dem Organisationsteam, „die sind schon gebraucht.“ Zum Landtagswahlkampf 2021 „machen wir aber neue“. Die CDU ist eine Partei mit stolzer Geschichte; aber die jüngere Vergangenheit hat Knitterfalten, und wie die Zukunft aussieht, ist ungewiss.

Jahr um Jahr war dieser Politische Aschermittwoch in Fellbach vor allem eins: eine Machtdemonstration.

Die in Corporate-Identity-Orange leuchtenden Banner und die Tonkrüge auf urigen Biertischen unterm Fachwerkdach, die Großleinwände und das Tschinderassa des Spielmannszugs, die Werbehinweise auf CDU-Auftritte bei Instagram, Flickr, Facebook, Twitter und die Janker, die viele Männer zur Jeans tragen, die ganze süffige Mischung aus Hightech und Folklore – etwas

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