Fellbach

Das lange Warten auf Krankenwagen

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Helmut Winkler, Chef des Sani-Teams Winkler, in seinem Krankentransporter. Das Fellbacher Sani-Team ist aufgrund der langen Wartezeiten bei Krankentransporten inzwischen auch an Wochenenden und in der Nacht im Einsatz. © Büttner/ZVW

Fellbach/Waiblingen. Wer im Rems-Murr-Kreis einen Krankentransport ordert, muss sich ab und zu auf lange Wartezeiten einstellen. Es kann bis zu drei Stunden dauern, bis der Krankenwagen kommt und den Patienten zum Arzt fährt oder Patienten, die aus dem Krankenhaus entlassen werden sollen, nach Hause bringt. Das soll sich ändern.

Bei Krankenfahrten handelt es sich wohlgemerkt nicht um medizinische Notfälle. Bei einem Unfall, einem Herzinfarkt oder Schlaganfall sind Notärzte und Rettungssanitäter recht schnell vor Ort. Und müssen es auch. Die Hilfsfristen von maximal 15 Minuten nach Alarmierung sind gesetzlich geregelt: In 95 Prozent der Fälle sind die Fristen einzuhalten. Im vergangenen Jahr haben sich diese Fristen im Rems-Murr-Kreis leicht verschlechtert, weshalb in Sulzbach an der Murr eine neue Rettungswache eingerichtet werden soll (siehe unten: „Hilfsfristen für den Notfall“).

Freier Wettbewerb der Rettungsdienste

Wie lange Patienten hingegen auf einen Krankenwagen warten müssen, ist nicht gesetzlich festgelegt. Es herrscht freier Wettbewerb, im Rems-Murr-Kreis sind aktuell sechs Rettungsdienste mit 25 Fahrzeugen unterwegs. Dennoch dauert es oft viel zu lange. Darin sind sich die Beteiligten im Krankenfahrten-Geschäft einig. Wie es schneller gehen könnte, ist jedoch umstritten. Die AOK Ludwigsburg-Rems-Murr und das Rems-Murr-Klinikum in Winnenden sehen eine Lösung in „Krankentransporten light“. Darunter werden nach dem Pilotprojekt des Ludwigsburger Klinikums Krankenfahrten verstanden, die nicht über die Rettungsleitstelle angefordert werden, sondern für AOK-Versicherte direkt beim Arbeitersamariterbund. Im Einsatz sind jedoch keine voll ausgerüsteten Krankenwagen und an Bord nicht immer voll ausgebildete Rettungssanitäter. Der Vorteil: dass Entlassungen aus dem Krankenhaus besser geplant werden und Patienten nicht mehr so lange warten müssen, so Eberhard Kraut, stellvertretender Geschäftsführer der AOK. Er hofft, dass die Gespräche im Rems-Murr-Kreis eine solche Lösung bringen.

DRK lehnt einen „Krankentransport light“ ab

Sven Knödler winkt ab. Für den Geschäftsführer des Roten Kreuzes im Rems-Murr-Kreis kommt „Krankentransport light“ nicht infrage. Zum einen sieht er „massive Qualitätsprobleme“ bei Krankenfahrten, wenn die von nicht qualifizierten Helfern begleitet werden. Zum anderen seien 48 Euro pro Fahrt völlig indiskutabel. Mehr als der Mindestlohn für die beiden Begleitpersonen wären bei diesen Preisen nicht drin. Das will das DRK aber nicht.

Nur 100-prozentige Auslastung ist wirtschaftlich

Knödler sieht in der unzureichenden Bezahlung der Krankenfahrten generell ein Problem. Nicht zuletzt deshalb seien die Wartezeiten so lange. Derzeit bezahlen die Krankenkassen Fahrten bis 99 Kilometer pauschal mit 68,50 Euro. Aus diesem Grund habe das Rote Kreuz die Krankentransport-Kapazitäten „komplett auf Wirtschaftlichkeit ausgerichtet“, weist Knödler auf die private Konkurrenz hin, die es im Kreis seit zehn Jahren gibt. Damit das DRK nicht draufzahlt, müsse die Fahrzeugflotte fast zu 100 Prozent ausgelastet sein. Die DRK-Krankenwagen sind aus diesem Grund nur in den Hauptzeiten zwischen 7 und 20 Uhr unterwegs, um Standzeiten möglichst zu vermeiden.

Wartezeiten schaukeln sich auf

Kein Wunder, dass es eng wird, sobald mehr Aufträge als erwartet bei der Leitstelle eingehen. Die Wartezeiten schaukeln sich auf. Keine angenehme Situation, die in erster Linie natürlich die Patienten betrifft, aber auch Arztpraxen oder die Kliniken, die nicht wissen, wann der Krankenwagen für die entlassenen Patienten kommt. Die Lösung? „Der Gesetzgeber muss in die Bütt“, sagt der DRK-Geschäftsführer mit Verweis auf den freien Wettbewerb, der von der Politik so gewollt war.

24-Stunden-Dienst aus Fellbach

Die AOK ist mit der derzeitigen Lage ebenfalls nicht zufrieden, sagt Eberhard Kraut. Er weiß, die die Rettungsleitstelle oft „eine Bugwelle an Aufträgen“ vor sich herschiebt mit der Folge von langen Wartezeiten. Die AOK sieht vor allem in den Randzeiten einen Bedarf an zusätzlichen Fahrzeugen und ist deshalb auf die Anbieter zugegangen. So sei mit dem Sani-Team Winkler in Fellbach ein 24-Stunden-Dienst übers Wochenende vereinbart worden und dass ein Krankenwagen des Sani-Teams auch unter der Woche bis Mitternacht im Einsatz ist.


Winnenden. Das Rems-Murr-Klinikum Winnenden wünscht sich mehr Krankenwagen. „Eine Kapazitätserweiterung, in welcher Form auch immer, wäre daher sehr hilfreich“, sagt Klinikleiterin Claudia Bauer-Rabe.

Frau Bauer-Rabe, wie ist die Situation aus Sicht der Kliniken? Wo liegen die Probleme bei Krankentransporten?

Die Situation ist tageweise bei hohem Patientenaufkommen mit Neuaufnahmen und Entlassungen sehr angespannt und insbesondere spät abends, wenn Patienten nach einer ambulanten Abklärung wieder in die Weiterversorgung entlassen werden. Das führt nachvollziehbar zu Unmut bei den Patienten, Angehörigen und den Nachsorgeeinrichtungen wegen verspäteter Ankunft. Die Probleme liegen darin, dass Krankentransportfahrten nicht in Gänze planbar beziehungsweise kalkulierbar sind, sprich wir täglich einen unterschiedlichen Anteil von Patienten mit KTW-Notwendigkeit entlassen oder gebracht bekommen. Die Anfragen erfolgen seitens der Rems-Murr-Kliniken an die sogenannte Leitstelle, von dort aus wird nach Verfügbarkeit disponiert.

Gibt es tatsächlich „stundenlange Wartezeiten“ für entlassene Patienten, wie es oftmals heißt?

Es gibt in der Tat bei Hochbelegungszeiten Probleme bei der Abholung mit dem Krankentransport. Zuletzt war das im Januar und Februar der Fall, als wir eine fast 100-prozentige Belegung erreichten. Hier kam es in der Folge zu sehr langen Wartezeiten für die Patienten, was insbesondere für begleitende Angehörige sehr schwer nachvollziehbar ist.

Wie weit sind die Verhandlungen mit den Rettungsdiensten, wann ist mit einem Abschluss zu rechnen beziehungsweise dem Start der Krankentransporte light?

Die Verhandlungen mit den Rettungsdiensten finden generell zwischen den Anbietern selbst und den Kostenträgern, den Krankenkassen statt, da haben die Rems-Murr-Kliniken keinen direkten Einfluss. Von unserer Seite können nur Bedarfe formuliert, kommuniziert und angemeldet werden. Nach unserem Wissensstand ist in nächster Zukunft für den Rems-Murr-Kreis seitens der DRK keine Einführung eines KTW light geplant.

Welche Hoffnungen verbinden die Klinken mit dem Projekt?

Die Kliniken benötigen die Möglichkeit, die Patienten frühzeitig am Tag in guter Betreuung entlassen zu können. Eine Kapazitätserweiterung, in welcher Form auch immer daher sehr hilfreich.

(Bild : Claudia Bauer-Rabe, Fotostudio M42 Thomas Frank+Katja)


Waiblingen/Fellbach. Während im Notfalldienst das Rote Kreuz ein Monopol hat und sämtliche Rettungs- und Notarztwagen stellt, herrscht im Krankentransport seit zehn Jahren Wettbewerb. Das hat Folgen.

2006, erinnert sich Helmut Winkler, habe er mit seinem Sani-Team bei den Kostenträgern offene Türen eingerannt. Und auch jetzt ist er als einer der privaten Betreiber von den Krankenkassen wieder gebeten worden, Nacht- und Wochenendschichten im Krankentransport zu übernehmen.

DRK stellt zwölf der 25 Krankenwagen im Rems-Murr-Kreis

Mit sechs Rettungsdiensten im Rems-Murr-Kreis gibt es Verträge, die zum Teil bis ins Jahr 2018 laufen. „Auf dieser Basis funktioniert der Krankentransport“, sagt Patrick Miller, der bei der AOK für das Versorgungsmanagement und damit auch die Krankentransporte zuständig ist. Das DRK stellt zwölf der 25 Krankenwagen im Rems-Murr-Kreis. Die sind aber nur in den Hauptzeiten von 7 bis 19 Uhr im Einsatz. Das Sani-Team Winkler in Fellbach, einer von sechs Anbietern von Krankentransportern, ist mit drei Krankenwagen im Kreis unterwegs und mit zwei in Stuttgart.

In Konkurrenz mit dem DRK

Das Sani-Team – wie auch die vier anderen Anbieter von Krankentransporten – steht in Konkurrenz mit dem Roten Kreuz – und ist doch auf Zusammenarbeit angewiesen. Im Rems-Murr-Kreis wird die Leitstelle im Auftrag des Landratsamtes vom DRK betrieben. Tag für Tag bekommt er von der Leitstelle seine Aufträge zugewiesen. Winkler tut sich deshalb schwer mit Kritik am Roten Kreuz.

Winkler ist für freie Anbieterwahl für Patienten

Ohne private Anbieter oder die Hilfsorganisationen Malteser und Arbeitersamariterbund würde der Krankentransport nicht funktionieren, sagt Winkler. Das Sani-Team Winkler habe bereits die Wochenenden- und Nachtschichten übernommen, in denen die Auftragslage oft auch mau ist. Winkler wünscht sich noch mehr Wettbewerb, zum Beispiel, dass die Kundschaft einen Krankentransport nicht nur über die Leitstelle, sondern direkt ordern kann. Auf diese Weise könnten die Patienten den Krankenwagen bestellen, der ihrer Meinung nach den besten Service und freundliches Begleitpersonal bietet.

FDP ist für Privatisierung

Für Privatisierungen im Rettungsdienst spricht sich im Land einzig die FDP aus. So hat deren innenpolitischer Sprecher, der Waiblinger FDP-Abgeordnete Ulrich Goll, die Lage im Rettungsdienst im Land kürzlich mit den Stichworten Personalmangel, Nichteinhalten der gesetzlichen Vorschriften und einer möglichen Gefährdung der Bevölkerung beschrieben.

Preise für Krankentransporte zu niedrig

Keine Frage ist für Helmut Winkler, dass die Preise für Krankentransporte viel zu niedrig sind. Bis zu 120 000 Euro kostet eines seiner Spezialfahrzeuge neu, das fast wie ein Rettungswagen ausgestattet ist. Dass eine Fahrt inklusive 99 Kilometern mit 68,50 Euro honoriert wird, sei kaum kostendeckend, sagt Winkler. Er hält 90 bis 95 Euro für angemessen. Zwar werden die Fahrten nicht von Notfallsanitätern begleitet, aber auch die Fahrer der Krankenwagen sind ausgebildete Sanitäter. Was aus seiner Sicht notwendig ist, weil es sich schließlich nicht um ein Taxi handelt, sondern um einen Krankentransport, bei dem durchaus mal etwas vorkommen kann. „Ein Profi wird nicht so schnell aus dem Takt gebracht“, setzt Winkler auf erfahrene Leute.

(Bild: Helmut Winkler, Büttner/ZVW)

Hilfsfristen werden nicht immer eingehalten

2016 hat der Rems-Murr-Kreis erstmals wieder die Hilfsfristen im Rettungsdienst gerissen. Das Rettungsdienstgesetz Baden-Württemberg legt fest, dass zwischen Eingang des Notfallanrufs und dem Eintreffen des Rettungswagens am Unfallort nicht länger als zehn, höchstens aber 15 Minuten vergehen dürfen. 2016 war dies im Kreis bei 6,7 Prozent (Rettungswagen) und 5,5 Prozent (Notarzt) der Fälle nicht möglich. Die Vorgabe, die Frist in 95 Prozent der Einsätze einzuhalten, konnte nicht erfüllt werden.

Die meisten Probleme bereitet der Nordosten des Landkreises, der Raum Murrhardt. Rettungswagen und Notärzte aus Backnang beziehungsweise Althütte sind zu lange unterwegs. Deshalb hat das DRK fünf neue Rettungswagen angeschafft, von denen einer in Zukunft im Raum Sulzbach werktäglich zwölf Stunden bereitstehen soll, beschloss der Bereichausschuss für das Rettungswesen. Ein Grund für die Verschlechterungen sind auch die stark angestiegenen Einsatzzahlen der Rettungswagen und Notärzte in den vergangenen Jahren.

Zwischen 2014 und 2016 gab es eine Steigerung um rund 5500 auf 48 700 Blaulicht-Fahrten. Allein diese Zahl erhöhe das Risiko, die Hilfsfrist mitunter zu überschreiten. Zudem komme es immer häufiger vor, dass Rettungswagen Krankentransporte übernehmen müssen.