Fellbach

Das sind die neusten Fahrrad-Trends

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40 Aussteller präsentierten ihre Produkte in Fellbach, darunter Felix Habke mit seinen Bambusfahrrädern. © Bareth/ZVW
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Ein Lastenfahrrad kann auch zur Paketzustellung verwendet werden.

Fellbach. Im Trend sind ganz klar E-Bikes, Pedelecs und Lastenfahrräder. Auch Maßanfertigungen finden unter Fahrradfahrern immer mehr Abnehmer. Im Goldbergwerk Fellbach fand vom 26. bis 28. August die Fahrradmesse „Forum Fahrrad“ statt. Am Sonntag war die Messe für alle Fahrradfreunde geöffnet, die beiden anderen Tage waren Fachhändlern aus der Region vorbehalten.

Sie sind mal klobig, mal geschmeidig, sie sind kompakt oder haben bis zu 80 Zentimeter Überlänge. Ihre Rahmen bestehen aus verschiedenen Materialien und manche sind so schnell, dass man dafür ein Kennzeichen und eine TÜV-Plakette braucht. Zwei Dinge haben alle E-Bikes jedoch gemeinsam: Sie liegen voll im Trend und man will sie lieber nicht durch ein Treppenhaus tragen müssen.

Die Darmstädter Firma Riese & Müller produziert inzwischen nur noch solche Schwergewichte mit Elektro-Antrieb; die Räder wiegen zwischen 20 und 30 Kilogramm. Die beiden Geschäftsführer Markus Riese und Heiko Müller gründeten das Unternehmen 1993 noch während ihres Maschinenbaustudiums. Mit einem vollgefederten Faltrad, dem „Birdy“, entworfen und gebaut in einer Garage, gelang ihnen damals der Markteinstieg. Erfolgreiche Verkaufsjahre und viele Auszeichnungen später hat das Unternehmen dieses Jahr den größten Stand auf der „Forum Fahrrad“.

E-Bikes: Faltbar oder mit Kindersitzen

Nach wie vor setze man bei Riese & Müller auf Vollfederung und Komfort. Die entworfenen Räder seien speziell für den täglichen Gebrauch gedacht: Eine große Zielgruppe sind Pendler, aber die Allrounder sind auch für Reise und Trekking geeignet, sagt Firmenvertreter Niels Vossel.

E-Mountainbikes findet man deshalb nur wenige im Sortiment. Auch das „Birdy“ ist noch erhältlich, inzwischen als faltbares E-Bike. Mit den E-Cargobikes versuche man gezielt, junge Leute anzusprechen, die damit ein zweites Auto ersetzen könnten. Gerade die Gemini-Ausführung, die mit zwei Kindersitzen ausgestattet ist, sei sehr beliebt, so Vossel.

Ungünstiger Termin: Konkurrenz durch Deutschlandtour

Der Verbund Service und Fahrrad VSF e.V. organisiert die „Forum Fahrrad“. Claudia Pirsch, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit, führt über das weitläufige Gelände des Goldbergwerks. Man habe sich fürs Goldbergwerk entschieden, weil der VSF auf der Suche nach einem Veranstaltungsort im Südwesten Deutschlands gewesen sei, der möglichst zentral liege und auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar wäre, sagt Pirsch. Der Termin dagegen sei etwas ungünstig gewählt worden: Wegen der Deutschlandtour am vergangenen Sonntag seien nicht so viele Besucher gekommen wie erhofft, dennoch sei man als Veranstalter zufrieden mit dem bisherigen Verlauf der Messe.

Vor dem Eingang haben einige Anbieter die Fahrräder aufgestellt, die man direkt auf der zwei Kilometer langen Probestrecke durch das Industriegebiet und über eine kurze Schotterpiste ausprobieren darf. Auch ein Anbieter mit teilweise dreirädrigen Liegefahrrädern stellt dort aus, diese sind besonders für körperlich beeinträchtigte Menschen interessant.

Kunststoffketten gegen ölverschmierte Hosen

Im Erdgeschoss bildet der große Stand von Riese & Müller das Zentrum, aber auch andere Marken wie die Helmmanufaktur Casco oder Edelradanbieter MTB Cycletech aus der Schweiz haben hier ihre Stände aufgebaut.

Viele der ausgestellten Fahrräder haben einen futuristisch anmutenden Riemenantrieb aus Kunststoff statt einer klassischen Kette. Ölige Hosenbeine gehören damit der Vergangenheit an. Die meisten Firmen bieten außerdem sogenannte „Custommade“- Räder an: Der Kunde kann sich seinen individuellen Drahtesel maßschneidern lassen, wenn er bereit ist, dafür noch etwas tiefer in die Tasche zu greifen als sonst schon.

Produkte aus Recyclingmaterial

Beim Treppenaufgang zum ersten Stock, halb versteckt hinter einem Banner, demonstriert Velospring aus München seine polierten und gefederten Vollholzgriffe für den Lenker. Der Minibetrieb „Fahrer“ vertreibt ausgefallenes und praktisches Zubehör rund ums Fahrrad, das sich ohne Werkzeug montieren lässt. Hergestellt wird in Behindertenwerkstätten, die meisten Produkte von „Fahrer“ bestehen aus alten Fahrradschläuchen, Lkw-Planen und anderem Recyclingmaterial.

Im Obergeschoss wartet eine Reihe von Softwareanbietern auf interessierte Fachhändler, die VFS-eigene Initiative „All-ride“ hat daneben eine Musterwerkstatt aufgebaut. Im Rahmen dieses Projekts können Fachhändler Schulungen wahrnehmen. Das Ziel ist es, den Service zu verbessern und Arbeitvorgänge so effizient wie möglich zu gestalten.

E-Bike-Versicherung: Prämie gemäß dem Kaufpreis

Auch die E-Bike-Versicherung Enra hat hier ihren Infostand. Das aus den Niederlanden stammende Unternehmen gibt es nun das zwölfte Jahr auch in Deutschland. „Seit sieben oder acht Jahren sind wir aus der Nische raus“, erklärt Account-Manager Christoph Künnemann. Fahrräder seien deutlich teurer als früher, außerdem seien Kunden öfter interessiert an „Spielereien“ und anderen Extras, was die Ausstattung ihrer zweirädrigen Untersätze beträfe. Auch wäre das Fahrrad als Mobilitätsgegenstand weiterhin im Kommen.

Dadurch werde sich eine Fahrradversicherung zunehmend lohnen. Die monatliche Prämie berechnet sich am Kaufpreis des Fahrrads, monatlich sind das bei einem ca. 3000 Euro teuren E-Bike nicht mehr als 19 Euro. Künnemann betont, dass die Anschaffung eines E-Bikes inklusive Versicherung in der Regel immer noch billiger ist als der Unterhalt eines Autos oder ein Jahresticket beim örtlichen Verkehrsverbund.

Aus fairem Handel: Bambus, Hanfseile und Bioleim

Auf der restlichen Fläche des Obergeschosses haben vor allem Zubehöranbieter wie Abus, Trelock oder auch die Tübinger Firma SON Nabendynamo ihre Messestände.

Einen ganz besonderen Hingucker bildet dennoch eine weitere Fahrradmanufaktur: Die Räder von My Boo stechen mit ihrem Rahmen aus Bambus, Hanfseilen und Bioleim sofort heraus. My-Boo-Marketing- und PR-Director Felix Habke erzählt stolz, wie die Kieler Firma in enger Zusammenarbeit mit einem sozialen Projekt in Ghana diese besonderen Räder baut.

Bambus wachse sehr schnell nach und vereine gleichzeitig die guten Eigenschaften von Aluminium und Stahl, sagt Habke. Deutsche Ingenieure hätten die Prozesse und Werkzeuge zur Fahrradherstellung entworfen, vor sechs Jahren seien dann Mitarbeiter aus Kiel nach Ghana gereist und hätten die Mitarbeiter dort anderthalb Jahre lang ausgebildet. Verbaut wird wild wachsender Bambus aus der direkten Umgebung.

80 Stunden Handarbeit

Der ghanaische Partner, das „Yonso Project“, wolle Jugendarbeitslosigkeit in der ghanaischen Region Ashati vermindern und Schulen unterstützen. „Vor unserer Zusammenarbeit war das Projekt auf Spenden angewiesen“, erzählt Habke. Dank der Zusammenarbeit mit My Boo habe sich das geändert. Das Projekt trage sich jetzt selbst, der Betrieb in Ghana sei auf stolze 40 Mitarbeiter gewachsen und man baue inzwischen eine eigene Schule.

In jedem Rahmen stecken laut Habke um die 80 Stunden Handarbeit. Der Rest des Fahrrads wird dann in Kiel zusammengesetzt. Man zahle den Mitarbeitern in Ghana „sehr faire Löhne“, so Habke. Das und die Tatsache, dass auch bei der Montage in Kiel „nur sehr hochwertige Komponenten“ verbaut würden, spiegelt sich natürlich auch im Preis wider. Trotzdem sind die Bambusräder nicht wesentlich teurer als Fahrräder anderer Premiumanbieter mit herkömmlichen Aluminium- oder Stahlrahmen. Der europaweite Vertrieb laufe gut, es habe sich mittlerweile herumgesprochen, dass man bei ihrer Firma besondere Produkte bekomme, sagt Habke. Die My-Boo-Räder würden nicht nur sämtliche EN-Normen erfüllen, sondern man müsse sich auch in Sachen Sortimentsvielfalt nicht verstecken. Auch E-Bikes aus Bambus und Sonderanfertigungen werden in Kiel zusammengesetzt. Nur auf Lastenfahrräder muss man hier verzichten.