Fellbach

Deutschlands teuerster Nistkasten

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Nabu-Vorsitzender Michael Eick beobachtet die Vögel durchs Fernrohr. © Habermann/ZVW
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Einer der Wanderfalken am Rohbau des Hochhauses.

Fellbach. Was flattert denn da hoch oben am Gewa-Tower? Nein, nicht die Pleitegeier sind es, die über der Hochhaus-Ruine ihre Kreise ziehen. Ein Wanderfalken-Pärchen hat sich ein neues Zuhause gesucht. Ihm ist es piepegal, dass es dort noch keinen Aufzug gibt. Zumindest für die Vögel werden am Turm Wohnträume wahr.

Ausgerechnet in den oberen Luxusetagen schwirrten die Wanderfalken wochenlang umher und suchten nach dem besten Nistplatz. Eine schwierige Wahl, nicht nur weil die günstigste noch verkäufliche Wohnung knapp eine Million Euro kostet. Eine Zeit lang haben die Vögel laut dem Nabu-Vorsitzenden und Ornithologen Michael Eick verschiedene Appartements „intensiv beflogen“, wie es sich bei einer Wohnungsbesichtigung im Nobel-Segment gehört. Herr Wanderfalke versuchte sogar, seiner Gemahlin die eine oder andere Unterkunft schmackhaft zu machen, indem er Beute dort ablegte. Die hochschwangere Frau Wanderfalke jedoch zierte sich – bis die Fellbacher Vogelschützer kamen und einen Nistkasten anbrachten. Kaum war der fertig, zogen die werdenden Eltern schon ein. An sich ja kein Wunder bei der Wohnungsnot im Ballungsraum Stuttgart, von der auf ihre Weise auch geschützte Vögel betroffen sind. Brutplätze sind nämlich rar.

Video: Blick in den Nistkasten eines anderen Wanderfalken-Paars - vom Einzug bis die Küken das Nest verlassen.

Der Artenschutz hätte für den Tower zum Problem werden können

Jetzt macht natürlich das schlimme Wort vom „teuersten Vogelhaus Deutschlands“ die Runde. Und es ist wahr: Die Wanderfalken sind bis auf weiteres die einzigen Bewohner. Die Investoren mussten nach dem Aus der hochfliegenden Träume der Bauherren-Familie Warbanoff ziemlich Federn lassen. Seit dem Baustopp befindet sich der Kurs der Gewa-Anleihe im Sinkflug. Doch wären die Vogelschützer um Michael Eick nicht gewesen, es hätte noch härter kommen können. Früher oder später hätten Herr und Frau Wanderfalke das Haus wohl besetzt und sich in einer der teuersten Wohnungen eingerichtet. Was spätestens dann zu Problemen geführt hätte, wenn es eines Tages zum Weiterbau des Turms hätte kommen sollen. Der Artenschutz verbietet das Vertreiben von Wanderfalken aus ihrem Domizil. Nach dem Baustopp hätte auch noch ein Bauverbot gedroht. Und so hatte die Nabu-Gruppe keine Mühe, den Insolvenzverwalter Ilkin Bananyarli davon zu überzeugen, dass ein Brutkasten auf dem Dach die bessere Lösung wäre.

Eine „kernige“ Aufgabe für die Naturschützer: 100 Kilo Holz für den Kasten, dazu Werkzeug und 30-Kilo-Säcke mit Kies schleiften sie zu Fuß die 34 Stockwerke hinauf. Damit schlugen sie mindestens zwei Fliegen mit einer Klappe: Der Gewa-Tower kann trotz der gefiederten Bewohner weitergebaut werden. Und für den Nabu bietet sich die Chance, Öffentlichkeit für das Thema Gebäudebrüter zu bekommen. An Neubauten und energetisch sanierten Gebäuden finden die Vögel keine Nischen mehr. Dabei eignet sich die Ansiedlung von Falken zur effektiven und natürlichen Bekämpfung von Tauben und anderen Plagegeistern. Die Tauben hatten den Gewa-Tower schon früher bezogen und halten jetzt brav Abstand.

Video: Ein Blick ins Nest bei der Paulinenpflege. 2013 wurden dort Falken gefilmt - allerdings handelte es sich dabei um Turmfalken.

Von gelegentlichen menschlichen Eindringlingen abgesehen, tut sich vorläufig wenig auf der Baustelle. Die Dame des Hauses brütet über ihren Eiern, auch der Gemahl lässt sich außen kaum blicken. „Wenn die Jungen schlüpfen, dann kommt wieder mehr Action rein“, sagt Michael Eick, der das Geschehen vom Dach des Poco-Möbelmarkts aus beobachtet. Mitte oder Ende April wird es voraussichtlich so weit sein. Dann werden die Eltern auf Jagd gehen – Waiblingen gehört mit zum Revier, das einen Radius von einem bis zwei Kilometer hat. Von einer früheren Wanderfalken-Brut in der Ringstraße wissen die Nabu-Leute, was außer Tauben auf dem Speiseplan steht: Drosseln, Finken, Elstern, Rabenkrähen und manchmal Wellensittiche.

Im Frühsommer wird der Falken-Nachwuchs mit den ersten Flugstunden und dem Jagdtraining beginnen. Bevor es so weit ist, wollen die Nabu-Engagierten die Jungvögel beringen. An den Ringen lässt sich ihre Herkunft ablesen. Die Eltern werden am Brutplatz wahrscheinlich zehn bis 15 Jahre sesshaft bleiben und noch mehrere Male Junge bekommen, während die flügge gewordenen Jungvögel sich Partner und einen eigenen Standort suchen müssen.

Verkaufsverhandlungen laufen noch

Die Falken-Dame brütet über den Eiern – der Insolvenzverwalter und der potenzielle Investor brüten über den Kaufverträgen. Die Gespräche dauern weiter an, vielleicht im Laufe des Aprils könnte die Erfolgsmeldung kommen. Wenn es nicht wieder so unglücklich läuft wie im November, als ein anderer Investor kurz vor dem Abschluss plötzlich absprang.

Im Tower sind noch Wohnungen in der Preiskategorie ab 995 000 Euro verfügbar. Die Wohnungen in anderen Kategorien sind verkauft.

Neulich wurde die Polizei zum Gewa-Tower gerufen, da ein Passant zwei Personen auf dem Turm gesichtet hatte. Polizeibeamte und Mitarbeiter einer Security-Firma durchsuchten den Tower erfolglos. Schon in der Vergangenheit waren Unbekannte ins Gebäude eingedrungen – eine höchst gefährliche Angelegenheit.

Der Wanderfalke gilt als eins der schnellsten Lebewesen der Welt. Mit über 300 Stundenkilometern jagt er im Sturzflug seine Beute.

Der Wanderfalke war zu Beginn der 1970er Jahre fast ausgestorben. Sehr langsam erholte sich der Bestand und erreichte in Baden-Württemberg von wenigen Jahren ein Maximum von 300 Brutpaaren.

Auch im Waiblinger Hochwachtturm haben schon Wanderfalken gebrütet. Auch das Bahnviadukt bei Neustadt ist ein Platz, an dem schon Wanderfalken regelmäßig gesichtet wurden. Ansonsten ist laut Michael Eick der Neckarremser Steinbruch seit Jahrzehnten eine feste Bank.

Der Wanderfalke ist mit einer Flügelspannweite von einem Meter und einer Körperlänge bis 50 Zentimetern die größte der einheimischen Falkenarten. Der häufigere Turmfalke und der nur im Sommerhalbjahr in Mitteleuropa auftauchende Baumfalke sind wesentlich kleiner.