Fellbach

Ein Rundgang mit Schlappen durch Fabriken, die es noch gar nicht gibt: Das Virtual Dimension Center in Fellbach macht das und viel mehr möglich

VDC Fellbach, Kemal Gider von CDM Tech
Kemal Gider zeigt im Virtual Dimension Center, was sich mit Hilfe von „erweiterter Realität“ anstellen lässt. © Benjamin Büttner

So furchtbar lang ist es noch gar nicht her, da schien die Idee, man könnte sich beim Telefonieren sehen, einem Science-Fiction-Drehbuch entsprungen zu sein. Wie lustig aus heutiger Sicht. Noch mehr Lacher dürfte ein Blick zurück im Jahr 2040 erzeugen: Jetzt schon ist technisch höchst Erstaunliches möglich, und ein Ende der Entwicklung ist nicht in Sicht. Das Virtual Dimension Center in Fellbach gewährt Einblicke in von Software erzeugte Realitäten, die sowohl die Wirtschaft als auch das Privatleben umkrempeln werden, dass einem ganz schwindlig werden kann. Jetzt war Tag der offenen Tür.

Beim Rundgang schwankt man zwischen Ehrfurcht und einem leicht flauen Gefühl in der Magengegend. Kemal Gider kämpft nicht mit solcherlei Gefühlsschwankungen: „Die Technik bietet uns unheimlich viele Vorteile“, sagt der Verkaufsleiter der in Fellbach ansässigen CDM Tech GmbH. Das Unternehmen schätzt die enge Zusammenarbeit mit dem Virtual Dimension Center (VDC) sehr, weil das Kompetenz- und Innovationszentrum potenziellen Kunden aufzeigt, was Technik schon kann.

Die Kamera arbeitet wie ein Auge - nur besser

„Das nächste große Ding wird AR sein“, prophezeit Kemal Gider. AR steht für "Augmented Reality", also erweiterte Realität. Was damit gemeint ist, zeigt Kemal Gider im VDC. Er hält ein übergroßes Tablet in der Hand und richtet die Kamera auf ein Bauteil. Diese Kamera arbeitet wie ein Auge, nur besser. Die Software erzeugt einen digitalen Zwilling des Bauteils, vergleicht den Zwilling mit den gespeicherten Daten des Prototyps – und merkt sofort, solfern eine Bohrung falsch gesetzt ist oder eine Abmessung nicht stimmt. Eine Bauteil-Prüfung lässt sich auf diese Weise am Rechner erledigen, auch aus der Ferne, schneller und zuverlässiger, als ein Mensch es könnte. „Digital in der 3-D-Welt leben“ ist auf diese Weise problemlos möglich, erklärt Kemal Gider. Beispielsweise BMW arbeite mit der von CDM Tech entwickelten Software, und fürs Bahnprojekt S 21 ist die Lösung ebenfalls im Einsatz.

Fachkräfte sind praktisch nicht zu finden

Der Vorteil aus Kemal Giders Sicht mit Blick auf Arbeitsplätze: Früher konnten nur ausgebildete Fachleute diese Inspektionen erledigen; mit Hilfe der Software können nun auch weniger qualifizierte Beschäftigte die Aufgabe bewältigen. Das kommt Unternehmen entgegen – weil technische Fachkräfte praktisch nicht zu finden sind. Laut Kemal Gider werden wegen dieser neuen Herangehensweise keine Arbeitsplätze verloren gehen. Im Gegenteil könne ein Kunde wie BMW jetzt mehr Arbeitskräfte für diese Prüfungen einsetzen, weil die Technik insgesamt viel mehr Checks in kürzerer Zeit möglich macht.

Das Bauteil-Beispiel zeigt nur einen minikleinen Ausschnitt dessen, was mit erweiterter Realität gemeint ist. Vielerlei Anwendungen sind denk- und machbar, und in wenigen Jahren wird die Technik auch in Privathaushalten Einzug gehalten haben, davon geht Kemal Gider aus. Man stelle sich eine profane Pfanne auf einem Herd vor, nehme ein Tablet zur Hand, dessen Auge die Situation erfasst und nach kurzem Tippen weiß, was der Nutzer möchte: ein bestimmtes Gericht zubereiten – kein Problem. Das Gerät visualisiert die Zubereitungsschritte in 3-D-Qualität – essen muss der Nutzer allerdings noch selbst.

Simulationen wirken erstaunlich echt

Die Software für den Bauteile-Check ließe sich auch auf eine Brille spielen, doch diese seien noch nicht ausgereift genug, erklärt Kemal Gider, und teuer sind sie obendrein. Mit 3800 Euro brutto müsse ein Käufer solch einer Brille rechnen – noch. Tablets mit Spezial-Kameras, die sozusagen dreidimensional schauen und Umgebungen scannen können, hält Kemal Gider momentan noch für die bessere Lösung.

Von der erweiterten Realität ist die virtuelle Realität (VR) zu unterscheiden: Auch dafür gibt’s im VDC jede Menge Anwendungsbeispiele zu bestaunen. Begibt sich der Mensch in die virtuelle Realität, richtet er seine komplette Wahrnehmung auf Simulationen. Wer schon mal eine VR-Brille auf der Nase hatte, kennt das Phänomen: Derart echt spiegelt einem die Technik eine Situation vor, dass man sich immens zusammenreißen muss, um einen Schritt nach vorn zu wagen – weil es scheint, als ob man von einem Hochhausdach in die Tiefe stürzt. Spielbegeisterte sind längst fasziniert von diesen Anwendungen, und im Grunde muss man sein Wohnzimmer nicht mehr verlassen, um ferne Länder zu erkunden oder in Fantasiewelten abzutauchen.

Von zu Hause aus mit anderen am selben Objekt arbeiten

Für Wirtschaftsunternehmen sind ebenfalls eine Vielzahl von Anwendungen denkbar. Prof. Christoph Runde, Geschäftsführer des VDC, zeigt in Fellbach eine Auswahl: Durch eine Spezialbrille betrachtet scheint das Bild eines Autos dreidimensional den Raum zu füllen. Man kann das Auto drehen und wenden, die Unterseite betrachten, und, und, und. Entwickler und Designer können anhand der Visualisierung so lange am Auto herumzuppeln, bis es ihren Vorstellungen entspricht. Müssen sie reale Entwürfe in x-facher Ausfertigung herstellen, entstehen natürlich viel höhere Kosten.

Coronabedingt ist zurzeit „verteiltes Arbeiten“ ein „Riesenthema“, erklärt Prof. Runde. An einem Simulationsobjekt können problemlos mehrere Personen gemeinschaftlich arbeiten – während jeder zu Hause am Schreibtisch sitzt.

Ein Rundgang durch Fabriken, die's noch gar nicht gibt

Es lassen sich komplette Fabriken simulieren, die man mit Schlappen über den Straßenschuhen begehen kann – auch das können Interessierte in Fellbach testen. Der Vielfalt der Anwendungen scheint kaum Grenzen gesetzt. Eine Küche planen und sie virtuell begehen – das ist schon lange möglich. Ein Bauwerk lässt sich natürlich ebenso virtuell darstellen wie ein neues Badezimmer – oder ein komplettes Fahrradnetzwerk in einer Stadt.

Das VDC, eines von 13 Kompetenz- und Innovationszentren der Region Stuttgart, versteht sich als Präsentator dessen, „was heute schon alles möglich ist“, erklärt Prof. Runde, während ein 3-D-Drucker grade eine kleine Waschmaschine ausdruckt. Das Kompetenzzentrum verkauft keine Lösungen – es führt Unternehmen und Anbieter von Lösungen zusammen: „Unsere Aufgabe ist, den Überblick zu behalten und passende Partner zu finden, die das Wissen in der Tiefe haben.“

Start-ups besetzen zukunftsträchtige Nischen 

Genau an dieser Stelle hakt es in Deutschland noch zu oft, findet Kemal Gider. Man könnte mit der Digitalisierung in der Wirtschaft schon viel weiter vorangekommen sein, sagt er.

Zu oft fehle es an Mut und an Kenntnissen. Doch vor allem im süddeutschen Raum seien „unheimlich gute Start-ups“ vertreten, die mittlerweile für größere Firmen unverzichtbar seien, „weil sie die Nischen erkannt haben“.

So furchtbar lang ist es noch gar nicht her, da schien die Idee, man könnte sich beim Telefonieren sehen, einem Science-Fiction-Drehbuch entsprungen zu sein. Wie lustig aus heutiger Sicht. Noch mehr Lacher dürfte ein Blick zurück im Jahr 2040 erzeugen: Jetzt schon ist technisch höchst Erstaunliches möglich, und ein Ende der Entwicklung ist nicht in Sicht. Das Virtual Dimension Center in Fellbach gewährt Einblicke in von Software erzeugte Realitäten, die sowohl die Wirtschaft als auch das

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