Fellbach

Fellbach in ein blaues Meer verwandelt - 2500 Tifosi feiern Sieg ihrer Squadra Azzurra

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Fans feiern in Backnang den Sieg von Europameister Italien, SK
Auch in Backnang brach sich die blaue Freude Bahn. © Tobias Sellmaier
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Italien gewinnt die Fußball EM Europameisterschaft gegen England - Szenen aus Fellbach  Print bitte AGENTUR-Kanal!
Nach dem Sieg gab es kein Halten mehr, auch Bengalos wurden gezündet. © Gabriel Habermann
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Italien gewinnt die Fußball EM Europameisterschaft gegen England - Szenen aus Fellbach  Print bitte AGENTUR-Kanal!
Den Pokal hatten die vom Sieg überzeugten italienischen Fans schon vorab an den Stuttgarter Platz mitgebracht. © Gabriel Habermann

Am Ende der langen Fußballnacht von Sonntag auf Montag war Fellbach ein einziges azurblaues Meer. Die Stuttgarter Straße war von der Kreuzung Esslinger Straße bis hinauf zum „Löwenbräu“ bis 3 Uhr morgens fest in der Hand der Anhänger der „Forza Azzurri“, der italienischen Fußballnationalmannschaft, die zu Ehren des Königshauses von Savoyen seit 1911 in dieser Trikotfarbe auf den Rasen aufläuft. Ihren König haben die Italiener mittlerweile davongejagt, das Fußball-Blau ist geblieben. Auch in dieser Nacht, an deren Ende der Fußball wieder nicht nach England heimgekommen ist, sondern sich die italienische Nationalmannschaft den Titel des Europameisters erkämpfte, wurde "Azzurro" von den Tifosi nach Fellbach hineingetragen.

Eine Stunde vor Anpfiff ging es rund um die Schwabenlandhalle noch beschaulich zu

Pärchen und junge Familien, spielende Kinder, die nach der Schwüle des Tages die Kühle des Abends genossen, waren ganz unter sich. Gemütlich und entschleunigt klang der Sonntag auch in den Biergärten von „Schiller“ und „Kuckuck“ am Rande der Anlage der Gartenfreunde aus. In ihnen saß ein eher älteres Publikum beisammen, viele Stammgäste, die miteinander die Ereignisse durchhechelten, die jüngst von ihnen hinter sich gebracht worden waren oder demnächst auf sie zukommen würden. Fußball und das nahe Endspiel im Londoner Wembley-Stadion war da zwar vorherrschend, aber doch nur eines von mehreren Themen, das unter den Nägeln brannte. Auch im „Ristorante Stadio“ in der Nurmistraße war von einem großen Fußballabend eher weniger zu bemerken, die Parkplätze waren weitestgehend verwaist.

Währenddessen füllten sich nach und nach die Sitzgarnituren und Stühle auf dem Trottoir vor den Shisha- und Sportbars entlang der Stuttgarter Straße mit vor allem jüngeren Leuten, italienische, deutsche, spanische und türkische Dialogfetzen gingen hin und her. Das dichteste Gedränge herrschte vor dem „Alkoud Shisha Shop“ und der „Torro Sportsbar“. Dort wurde nicht nur auf einem mehreren Quadratmeter großen Bildschirm das Spiel live übertragen, sondern auch in italienischer Sprache von einem Moderator kommentiert. Als dann um 21 Uhr die italienische und die englische Nationalhymne erklangen, wurde zur Musik von Michele Novaros „Il canto degli Italiani“ ein ganzer Wald grün-weiß-roter Fahnen geschwungen.

Stürmischer Beifall, unterstützt von Hupen, Tröten und Trillerpfeifen

Und kaum war der letzte Ton verklungen, setzte stürmischer Beifall ein, unterstützt von Hupen, Tröten und Trillerpfeifen sowie den aufheulenden Motoren und quietschenden Reifen mehrerer vorbeifahrender Pkw, die in der Stuttgarter Straße beschleunigten und dann nach rechts in die Pfarrer-Sturm-Straße einbogen. „Schau dir die Buben mit ihren Autos an“, wandte sich ein Zuschauer in breitestem Schwäbisch an seine Begleiterin, „sie müssen jetzt zeigen, dass ihnen ihre Mamas neue Spielzeuge geschenkt haben.“ Es vergingen auch nur ein paar Minuten, als ein silbrig-blaues Fahrzeug mit der Aufschrift „Polizeibehörde“ vorfuhr. Aus dem Fahrzeug heraus wurde eine intensive Diskussion mit einem schwarz gekleideten jungen Mann geführt, der mit lautem Schimpfen, barschen Befehlen und Zurufen bemüht war, die Passanten von einer elfenbeinfarbenen, mit italienischen Farben geschmückten Stretchlimousine fernzuhalten, die am Straßenrand geparkt und mit Absperrband vom fließenden Auto- und Fußgängerverkehr abgetrennt war. Hinter der Limousine stand ein Lkw, auf dessen Pritsche sich ein mehrere Meter hoher, aus Pappmaché geformter Pokal befand.

Etwas abseits, am Rande der inzwischen auf mehrere Hundert Personen angewachsenen Menge, eine Handvoll junger Männer, die sich durch himmelblaue Trikots, die von ihnen zur Schau getragen wurden, abhoben. „Die Farbe passt schon“, erklärte einer von ihnen bierselig, das seien die Farben der argentinischen Nationalmannschaft. Argentinien sei bei der Fußball-Europameisterschaft selbstredend nicht dabei, aber es habe gerade den Südamerikapokal gewonnen. Er selbst sei in Lanús Oeste, einem Stadtteil von Buenos Aires geboren, und da er als „echter Argentinier, so wie auch der Papst, italienische Großeltern hat, gibt es an diesem Abend vielleicht doppelten Anlass zum Feiern“.

Es sollte ihnen noch leidtun

Danach sah es allerdings zunächst nicht aus. Seufzer gingen durch die Zuschauermenge, Entsetzensschreie. Dann wurde es sehr still, nachdem nach noch nicht einmal zwei Minuten Luke Shaw auf Flanke von Kieran Trippier das Leder im italienischen Kasten versenkte. Von diesem Schock mussten sich nicht nur die Spieler auf dem Rasen erholen, ihren Fans vor den Großbildschirmen ging es nicht anders. „Hier geht es schließlich nicht nur um Fußball, sondern auch um einen Batzen Geld. Wenn das Spiel so ausgeht, wie ich gewettet habe, bin ich reich!“, erklärte ein junger Mann, der vom Gehweg der gegenüberliegenden Straße aus den Bildschirm keine Sekunde aus den Augen ließ. Als der niederländische Schiedsrichter Björn Kuipers zur Halbzeitpause pfiff, rollten die ersten Zuschauer bereits ihre Trikoloren ein und machten sich mit hängenden Schultern auf den Heimweg.

Es sollte ihnen noch leidtun, denn die zweite Halbzeit gehörte der Squadra Azzurra - und ihren Fans in der Stuttgarter Straße oder vor den Fernsehern daheim. Das Gegentor lag in der Luft, als die italienische Mannschaft zu einem Powerplay ansetzte und Flügelstürmer Federico Chiesa in der 62. Spielminute mit einem rasanten Direktschuss dem englischen Torhüter Jordan Pickford sein ganzes Können abverlangte. Dann gab es kein Halten mehr, die Begeisterung kochte über, als nur fünf Minuten später Leonardo Bonucci im Nachschuss zu einer Ecke den heiß ersehnten Ausgleich erzielte.

Von diesem Augenblick an war klar, dass es eine sehr, sehr lange Nacht werden würde. Zum Greifen lag die Anspannung in der Luft, als beim Elfmeterschießen der englische Torwart Pickford den Schuss von Andrea Belotti hielt. Das Strahlen kehrte erst auf die Gesichter zurück, als auf den erfolgreichen Torschuss von Federico Bernardeschi hin Gianluigi „Gigio“ Donnarumma die Schüsse von Jadon Sancho und Bukayo Saka abwehrte.

Die Begeisterung der Fellbacher Tifosi brach sich ungebremst Bahn

Während unmittelbar nach dem Abpfiff diesen beiden englischen Unglücksraben wie bei kleinen Buben die Tränen die Wangen runterliefen, brach sich die Begeisterung der Fellbacher Tifosi ungebremst Bahn. Sie fielen sich in die Arme, beglückwünschten einander, lachten und lärmten. Die in zweieinhalb Stunden aufgestaute Anspannung musste raus. Die Letzten feierten bis in den Morgen hinein. Und kaum waren die ersten, wohl drüben in Rommelshausen gezündeten Böller verhallt, begann auch schon die wilde Jagd durch die Straßen des Remstals: Motoren heulten auf, Auspuffe knatterten mit dem Lärm schriller Hupen um die Wette, Reifen quietschten, aus Lautsprechern dröhnte Musik, dass so manche Fensterscheibe schepperte.

Das Ergebnis gehe so schon in Ordnung, merkte ein älteres Ehepaar an, das mit seinem kleinen Terriermischling den Baumstreifen in der Esslinger Straße entlangspazierte. Wenn schon, dann gehöre Fußball nach Italien und nicht nach London, „wo man uns 1966 durch Betrug die Weltmeisterschaft gestohlen hat.“

Den sich spontan bildenden Korso leitete die Polizei schnell aus der Innenstadt

Polizeisprecher Rudolf Biehlmaier meinte, bei der Masse an Menschen, die sich bis 1 Uhr morgens auf dem Stuttgarter Platz versammelt hatte, sei ein Autokorso auch gar nicht mehr möglich gewesen. Die Polizei schätzt die Zahl der Feiernden in Fellbach auf 2500. „Insgesamt“ so Biehlmaier „verlief die Feier friedlich.“

Ein paar offensichtlich unvermeidliche Bengalos seien allerdings abgefackelt worden, einer der Zündler habe sich bei der Aktion leicht verletzt. Es habe auch ein paar Anzeigen wegen körperlichen Auseinandersetzungen oder Drohungen gegeben, die von den anwesenden Streifen aufgenommen wurden. Ab 2 Uhr begann sich die Menge wieder zu zerstreuen, ab 3 Uhr war endgültig Schluss.

Auch an anderen Stellen im Rems-Murr-Kreis ging’s hoch her

Aus Backnang etwa wurden 150 Fahrzeuge im Korso gemeldet, 800 Feiernde. Fünf Streifenwagen waren dort im Einsatz.

Am Ende der langen Fußballnacht von Sonntag auf Montag war Fellbach ein einziges azurblaues Meer. Die Stuttgarter Straße war von der Kreuzung Esslinger Straße bis hinauf zum „Löwenbräu“ bis 3 Uhr morgens fest in der Hand der Anhänger der „Forza Azzurri“, der italienischen Fußballnationalmannschaft, die zu Ehren des Königshauses von Savoyen seit 1911 in dieser Trikotfarbe auf den Rasen aufläuft. Ihren König haben die Italiener mittlerweile davongejagt, das Fußball-Blau ist geblieben. Auch in

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