Fellbach

Freispruch nach tödlichem Unfall

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Amtsgericht Waiblingen. © Mathias Ellwanger

Waiblingen/Fellbach. Wegen fahrlässiger Tötung hat das Amtsgericht Waiblingen am Mittwoch verhandelt – mit dem Ergebnis, dass die Angeklagte freigesprochen wurde. Am späten Nachmittag des 4. Dezembers 2017 hatte sie den Der 81-Jährige erlag seinen Verletzungen noch in der Unfallnacht.

Mit ihrer Mutter fuhr die 56-jährige Angeklagte am 4. Dezember 2017 von Stuttgart nach Schmiden. Als sie auf der Tournonstraße in Fellbach unterwegs war, überquerte gegen 17.15 Uhr von links Raimund Ulrich die Straße. Laut Polizei war er auf einem Feldweg unterwegs und wollte die Tournonstraße in Richtung Sportplätze überqueren. „Ich war aufmerksam, habe nichts nebenher gemacht und hatte beide Hände am Lenkrad“, sagte die Angeklagte im Gericht, „er war plötzlich da, aus heiterem Himmel“.

Familie machte der Angeklagten keine Vorwürfe

Dass Ulrich an den Unfallfolgen gestorben war, erfuhr sie zwei Tage nach dem Unfall. Die Angeklagte sagte vor Gericht: „Ich war danach sechs Wochen krank geschrieben. Ich habe kaum noch geschlafen und fast nichts mehr gegessen.“ Sie habe der Frau des Verstorbenen einen Brief geschrieben. Darin stand, wie leid ihr der Unfall tat. Die Antwort: Die Familie mache ihr keine Vorwürfe.

Eine Zeugin berichtete mit gebrochener Stimme, dass sie an dem Abend einen Spaziergang gemacht habe. Dabei sah sie den 81-Jährigen, der mit Nordic-Walking-Stöcken kurz vor der Tournonstraße stehen blieb. „Ich hatte einmal kurz in die andere Richtung geschaut und da war er schon losgelaufen“, sagte die Zeugin. Ihre Warnungen hörte der Senior nicht – „Ich hab’ geschrien: Halt! Bleiben Sie stehen!“

Angeklagte bremste

Bei der Befragung von zwei Polizisten, die damals an der Unfallstelle waren, drehte sich das Gespräch um ein Gutachten. Am Abend des Unfalls war kein Gutachter mehr zu der Unfallstelle gekommen. Beide Polizisten sagten aus, sie hätten versucht, den zuständigen Bereitschaftsdienst der Staatsanwaltschaft zu erreichen, doch keine Rückmeldung erhalten. Das Gutachten wurde erst später anhand von Ausmessungen, Lichtbildern und einer Unfallortsbegehung erstellt. Auch der in der Verhandlung anwesende Sachverständige hat ein Gutachten erstellt. Er zeigte auf, dass die Angeklagte das Auto von zugelassenen 60 km/h auf 40 bis 50 km/h herunterbremste. Während des 1,5-sekündigen Reaktionsprozesses, bestehend aus Wahrnehmen, Erkennen und Reagieren, habe das Auto noch eine Strecke von 25 Metern zurückgelegt. Trotz der Abbremsung habe der Bremsweg danach 13 Meter betragen.

Staatsanwalt plädierte nicht auf Freispruch

Da weitere externe Einflüsse auf die Sicht wie Wolken und Gegenverkehr nicht genau rekonstruiert werden könnten, gehe er davon aus, dass die Angeklagte in dem Fall nach bestem Können gehandelt habe. Auch der Staatsanwalt sah den Vorwurf, dass die Angeklagte zu spät reagiert habe, nicht bestätigt. Trotzdem plädierte er nicht auf Freispruch. Autofahrer seien laut der Straßenverkehrsordnung verpflichtet, auf alles reagieren zu können. Er forderte eine Geldstrafe von 900 Euro als „Denkzettel“.

Keine Schuld nachweisbar

Der Verteidiger hielt dagegen: „Im Zweifel für die Angeklagte.“ Er zitierte mehrmals den Sachverständigen, der gesagt hatte, dass es nicht aufklärbar und nicht nachweisbar sei, dass die Angeklagte verspätet reagierte oder zu schnell gefahren war. Die Richterin fügte hinzu, dass in der dunklen Jahreszeit an dieser Stelle nicht davon ausgegangen werden muss, dass jemand die Straße überquert. Und einen Denkzettel brauche die Angeklagte nicht: „Sie leidet bis heute.“ Das Urteil der Richterin lautete daher Freispruch.