Fellbach

Kein Weihnachten im Ausland: Wenn Corona Familien getrennt hält

Voller Kofferraum
Dieses Jahr bleibt der Kofferraum leer. © Bernd Sold/Pixabay

Die Corona-Pandemie macht dieses Jahr vielen Familien einen Strich durch die Rechnung, wenn es darum geht, Weihnachtstraditionen fortzuführen. Besonders hart trifft das Menschen, deren Angehörige nicht im selben Land wohnen wie sie. Stark betroffen davon sind in der Region um Waiblingen unter anderem die Mitglieder des Kroatischen Kultur- und Sportverein Zrinski Waiblingen. Die Erste Vorsitzende Jadranka Kolar und Fußball-Abteilungsleiter Stipica Gavran haben mit uns darüber gesprochen, wie sie und ihre Familien dieses Jahr Weihnachten verbringen.

Die meisten wären nach Kroatien gefahren

Der Kroatische Kultur- und Sportverein Zrinski Waiblingen bietet emigrierten Kroaten und Kroatischstämmigen eine Anlaufstelle, er soll ein Stück Heimat sein: Der Verein ist sehr aktiv, bietet Fußball, Kegeln, Basketball, Boccia und Folklore an und veranstaltet für seine Mitglieder jährlich mehrere Feste: Besonders an Weihnachten gibt es immer eine große Feier – normalerweise zumindest. Dieses Jahr konnte das Vereinsleben nur stark zurückgefahren stattfinden. Eine Weihnachtsfeier konnte es jetzt während des zweiten Lockdowns natürlich auch nicht geben.

Für die Vereinsmitglieder bedeutet die diesjährige Situation an Weihnachten eine große Einschränkung: „80 Prozent der Leute wären sonst nach Hause gefahren, um mit ihrer Familie zu feiern“, glaubt Stipica Gavran, Fußball-Abteilungsleiter beim Zrinski Waiblingen. Er nimmt an, dass sogar jetzt einige wenige die Mühe auf sich nehmen werden, um an Weihnachten nicht ganz alleine zu sein – egal wie viele Corona-Tests und wie viele Tage Quarantäne es jeweils kosten würde. „Die, die neu hier in Deutschland sind und hier niemanden haben, für die lohnt sich das vielleicht“, glaubt der 46-Jährige.

Im Krieg sind viele ausgewandert: An Weihnachten kehren sie zurück

Stipica Gavran feiert Weihnachten dieses Jahr ganz klein im engsten Familienkreis: er, seine Frau und seine beiden Kinder. Normalerweise ist Weihnachten bei der kroatischen Familie eine ganz große Sache: „Für uns ist Weihnachten das wichtigste Fest im Jahr“, erzählt der 46-Jährige. Das haben die Gavrans mit vielen ihrer Vereinskollegen gemeinsam: „Wir kommen alle aus Kroatien oder aus Bosnien-Herzegovina, wir sind alle katholisch.“

Infolge der Jugoslawienkriege in der 1990er Jahren seien kroatische Familien oft in alle Himmelsrichtungen zerstreut worden, erzählt der Fußballtrainer: „Viele sind in dieser Zeit nach Deutschland, Österreich, die Schweiz oder nach Skandinavien ausgewandert.“ Oft waren es die Jüngeren, die gingen. Die ältere Generation blieb.

Wenn heute nun die Kinder und Enkelkinder über halb Europa verteilt Fuß gefasst haben, bekommt das Wiedersehen an Weihnachten eine ganz andere Bedeutung, weiß Stipica Gavran aus eigener Erfahrung. Seine Eltern seien bereits in den 60er Jahren zum Arbeiten nach Deutschland gekommen, er sei hier geboren worden – jedoch bei den Großeltern in Bosnien und Kroatien aufgewachsen. „Meine Eltern hatten immer die Absicht, irgendwann ganz zurückzukehren“, erzählt er. Bis dahin sah er sie nur ein paarmal im Jahr – zum Beispiel an Weihnachten.

Die Eltern gingen zurück, der Sohn kam her 

Inzwischen sind die Eltern, beide inzwischen über 80 Jahre alt, tatsächlich in die Heimat zurückgekehrt. Dafür lebt der Sohn schon seit 24 Jahren in Deutschland. Die Tradition, sich an Weihnachten zu besuchen, besteht nach wie vor. Normalerweise geht seine Familie in der Weihnachtszeit entweder die Großeltern besuchen, oder sie kommen her. „Wir wechseln da ab“, sagt Stipica Gavran. Letztes Jahr zum Beispiel waren seine Eltern zu Besuch in bei ihnen in Schmiden.

Dieses Jahr ruft die Familie Gavran die Verwandten in Kroatien und Bosnien-Herzegovina nur an, um kurz miteinander zu sprechen und einander frohe Weihnachten zu wünschen. Mehr ist nicht drin wegen Corona. Das ist besonders deswegen traurig, weil sich die Familie ja schon zu Ostern nicht gesehen hat dieses Jahr. „Aber wir stehen das durch, wir sind harte Brocken“, meint der 46-Jährige.

Die Mutter hat Corona: Sie kann ihr nicht helfen

Auch Jadranka Kolar kann ihre Eltern dieses Jahr nicht wie gewohnt besuchen gehen. Die Erste Vorsitzende des Vereins wohnt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in Waiblingen. Noch im Oktober seien sie davon ausgegangen, dass der Weihnachtsbesuch doch noch irgendwie klappen könnte, sagt sie. „Am 1. November war uns dann aber klar: Das wird nichts.“ Auch ihre Familie hat Verwandtschaft sowohl in Kroatien als auch in Bosnien-Herzegovina. In beiden Ländern ist die Lage wegen Corona sehr angespannt, erzählt Jadranka Kolar: „Die Eltern meines Mannes leben im Heim und dürfen das zur Zeit auch gar nicht verlassen.“

Ihre Mutter habe sich vor einigen Wochen mit Corona angesteckt. „Sie hatte es ganz schwer, mit Lungenentzündung, solchen Flecken auf der Lunge, Husten, Gliederschmerzen und Geschmacksverlust.“ Nur schlimmes Fieber habe die alte Dame zum Glück nicht bekommen. Kolars Vater hatte sich zum Glück nicht angesteckt: Er blieb gesund und konnte sich um seine kranke Frau kümmern. „Ich kann nicht hinfahren und helfen. Ihr geht es immer noch nicht gut. Das belastet einen sehr“, sagt die Waiblingerin.

Immerhin gibt es Videoanrufe

Pfingsten 2019 hat sie ihre Verwandten das letzte Mal gesehen. „Wir hatten noch überlegt, 2019 an Weihnachten runterzufahren, aber wir wollten stattdessen an Ostern gehen.“ Dann machte ihnen die Pandemie einen Strich durch die Rechnung. Jetzt sind für Weihnachten Videoanrufe nach Kroatien und Bosnien eingeplant. „Gott sei Dank gibt es so etwas, früher hatten wir das nicht“, sagt Jadranka Kolar. So könne man sich wenigstens kurz sehen und miteinander sprechen.

Besonders schlimm ist die jetzige Situation für die Kinder und Jugendlichen, findet die Vereinsvorsitzende. Ihr älterer Sohn studiert, der Jüngere besucht die Realschule. „Sie können nicht raus, keine Freunde sehen.“ Die Vorlesungen ihres älteren Sohns finden alle online statt. In der Schule fand die vergangenen Monate zwar wieder Präsenz-Unterricht statt: Allerdings seien die Schüler wegen Corona-Verdachtsfällen immer wieder nach Hause geschickt worden, dann sei eben doch wieder Fernunterricht angesagt gewesen. Jadranka Kolar ist kein Fan davon, dass ihre Söhne jetzt allein drinnen sitzen. „Das ist ganz, ganz schlecht für die Kinder“, glaubt sie. Deswegen haben sie und ihr Mann sich etwas ausgedacht: „Wir haben das Kinderzimmer in einen Fitnessraum verwandelt.“ Da können sich die beiden jetzt über die Weihnachtstage austoben. „Manchmal macht auch der Papa mit,“ sagt Jadranka Kolar und lacht.

Die Corona-Pandemie macht dieses Jahr vielen Familien einen Strich durch die Rechnung, wenn es darum geht, Weihnachtstraditionen fortzuführen. Besonders hart trifft das Menschen, deren Angehörige nicht im selben Land wohnen wie sie. Stark betroffen davon sind in der Region um Waiblingen unter anderem die Mitglieder des Kroatischen Kultur- und Sportverein Zrinski Waiblingen. Die Erste Vorsitzende Jadranka Kolar und Fußball-Abteilungsleiter Stipica Gavran haben mit uns darüber gesprochen, wie

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