Fellbach

Nach Kieferbruch: Angeklagter entschuldigt sich

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Das Stuttgarter Landgericht. © ZVW/Gabriel Habermann

Stuttgart/Fellbach. Ein 23-Jähriger hat in Fellbach einen Fußgänger zusammengeschlagen, ihm den Kiefer gebrochen und ihm Verletzungen zugefügt, die wohl nie mehr ganz verheilen werden. Der Angeklagte hat sich am Dienstag vor Gericht offiziell bei seinem Opfer entschuldigt. Wie und warum es zu dem Gewaltausbruch kam, versucht das Gericht nun anhand von Zeugenaussagen zu klären.

„Sehr brutal“ war das; „das waren schreckliche Bilder“, berichtet eine 23-jährige Zeugin, die das Geschehnis miterlebt hat. Sie war mit dem Opfer, einem 23-jährigen Studenten, und weiteren Freunden am 1. März nachts in Fellbach unterwegs gewesen. Die Gruppe hatte zuvor eine Karnevalsveranstaltung in Cannstatt besucht. Zum Abschluss wollte man noch in einer Fellbacher Kneipe in der Bahnhofstraße was trinken.

Die vier jungen Leute stiegen an der Kreuzung Stuttgarter Straße / Bahnhofstraße aus ihrem Taxi. Der Student überquerte als Letzter die Straße. In diesem Moment fuhren ein Porsche und ein Mercedes mit doch recht hoher Geschwindigkeit heran. Der Mercedesfahrer musste wegen des Fußgängers bremsen. Er hielt an. Es kam zu einem Wortwechsel, berichtete die Zeugin am Dienstag vor der 9. Großen Strafkammer des Stuttgarter Landgerichts. Was gesprochen wurde, habe sie nicht verstanden. Der Mercedesfahrer stieg aus.

Die junge Frau bemerkte deutlich die Anspannung, die sich aufgebaut hatte. Sie mahnte die beiden jungen Männer zur Ruhe; niemand wolle Stress. Ihr Bekannter, der Student, hatte sich bereits abgewandt – als ihn die Faust des Angeklagten zu Boden streckte. Nun schlug der Angeklagte laut der Zeugin mit Fäusten auf ihren am Boden liegenden Bekannten ein, trat ihm ins Gesicht und gegen den Oberkörper. Die junge Frau schrie. Aus den umliegenden Kneipen kamen Leute herbeigerannt. Der Angeklagte setzte sich ins Auto und fuhr davon.

Angeklagter entschuldigt sich

Am Dienstag ließ der Angeklagte seinen Anwalt eine Erklärung verlesen. Darin heißt es, er bedaure die Tat „inständig“. Er habe sich angegriffen gefühlt – und dann viel zu heftig reagiert. Er habe mit Fäusten auf den 23-Jährigen eingeschlagen – ihn aber nicht getreten und vor allem: „Er wollte ihn nicht töten.“

Angeklagt ist der junge Mann wegen versuchten Totschlags. Für ihn geht es um sehr viel in diesem Prozess. Es macht einen sehr großen Unterschied, ob er wegen versuchten Totschlags oder wegen Körperverletzung verurteilt werden wird.

Das Opfer war am Dienstag ebenfalls als Zeuge geladen. Der Angeklagte stand auf, schaute seinem Kontrahenten von damals ins Gesicht und sagte: „Ich möchte mich entschuldigen.“

Nicht die Wahrheit gesagt

Zuvor hatte der Student geschildert, wie er das Geschehen erlebt hatte. „Viele“ Tritte und Schläge habe ihm der 23-Jährige zugefügt, als er schon am Boden lag. Warum es zu diesem Gewaltausbruch kam, könne er nicht erklären. In den Akten sind Aussagen vermerkt, wonach der Student zuvor zu dem Mercedesfahrer sinngemäß gesagt haben soll: Das ist meine Stadt. Was willst du hier?

Er erinnere sich daran nicht, sagte der Student. Er geht davon aus, dass er eine Zeitlang bewusstlos war. Dem Gericht übergab er eine Mappe mit Unterlagen, die seine Verletzungen dokumentieren. Sein Kiefer „stand in zwei Reihen“. Der Mann litt „extreme Schmerzen“. Er wurde operiert, es wurden Platten eingesetzt und Verdrahtungen. Eine weitere OP steht an, der Biss stimme nicht mehr, er sei beeinträchtigt beim Essen, müsse bald eine Zahnspange tragen. Psychisch belaste ihn der Vorfall mehr als er anfangs gedacht hatte. Er wache oft nachts auf, sei „total zittrig und schweißgebadet.“ Nach wie vor nehme er Schmerzmittel ein.

Nein, er selbst sei nicht wegen Körperverletzung vorbestraft, antwortete der Student auf eine entsprechende Frage. Das entspricht nicht der Wahrheit, wies ihm der Vorsitzende Richter nach: Im Bundeszentralregister gibt es einen einschlägigen Eintrag. Demnach hat sich der junge Mann, der jetzt zum Opfer geworden ist, vor zwei Jahren bei einer Auseinandersetzung in einer Discothek einer Körperverletzung schuldig gemacht. Seine Bekannte, die am Dienstag als Zeugin aufgetreten war, beschrieb den Studenten als jemanden, der sich durchaus für besonders halte; „ein kleiner Angeber ist er auf jeden Fall schon – aber das ist ja nichts Schlimmes.“

Sieben Zeugen geladen

Die junge Frau stand unter Schock, als sie ihren Bekannten „entstellt“ am Boden liegen sah. Er sei benommen und schwach gewesen und sie fürchtete, er könne nicht zu sich kommen. Zuvor hatte die Frau versucht, den Angeklagten von ihrem Bekannten wegzuziehen, was ihr nicht gelang. Der junge Mann habe „von der Wucht her“ sehr heftig auf ihren Bekannten eingeschlagen.

Vor der Zeugenaussage der Frau hatte der Verteidiger des Angeklagten ein Schreiben vom Arbeitgeber seines Mandanten verlesen. Der 23-Jährige absolviert derzeit eine Ausbildung zum Verkäufer. Sein Arbeitgeber bezeichnet ihn laut dem Schreiben als „sehr höflich und zuverlässig“, als „freundlich, fleißig und hilfsbereit.“

Für den Prozess sind noch vier weitere Verhandlungstage angesetzt. Insgesamt sollen sieben Zeugen gehört werden, und eine medizinische Sachverständige wird Bericht erstatten. Das Urteil wird voraussichtlich am 16. Oktober gesprochen.