Fellbach

Navid Kermani erhält Hansel-Mieth-Preis

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Navid Kermani (rechts) nimmt den Preis von Uli Reinhardt vom Zeitenspiegel entgegen. © Steinemann / ZVW

Fellbach. Der Autor und Journalist Navid Kermani ist am Mittwoch in Fellbach mit dem Hansel-Mieth-Preis 2016 der Agentur Zeitenspiegel ausgezeichnet worden. Das Interesse an dem vielfachen Preisträger aus Köln war groß: Üblicherweise findet die Feier im Rathaus statt. Diesmal mussten die Veranstalter auf die Schwabenlandhalle ausweichen.

Die Menschen strömten in den Hesse-Saal der Schwabenlandhalle. Fast 200 kamen, um den Mann zu sehen, der den meisten in Deutschland vor allem als Festredner und Preisträger bekannt ist und der vielen weniger über seine Publikationen bekannt sein dürfte. Der mit Promotion und Habilitation ausgestattete Orientalist gilt als Brückenbauer zwischen den Kulturen. Navid Kermani ist 48 Jahre alt und hat inzwischen 15 Kultur- und Literaturpreise erhalten. Mit dem Hansel-Mieth-Preis ist eine weitere Ehrung hinzugekommen.

Der Deutsch-Iraner war von den Grünen als Bundespräsident vorgeschlagen worden. Zur Feierstunde 65 Jahre Grundgesetz im Mai 2014 war Kermani der Festredner. Im Oktober 2015 überreichte man ihm in Frankfurt den renommierten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Und nun in Fellbach die mit 6000 Euro dotierte Auszeichnung für die Reportage „Der Einbruch der Wirklichkeit“, die im Herbst vergangenen Jahres im Nachrichtenmagazin Der Spiegel erschienen ist. Der Schriftsteller hatte dazu die großen Flüchtlingsrouten in die entgegengesetzte Richtung bereist. Er schildert seine Begegnungen mit Flüchtlingen, Helfern und Politikern. Sein zentraler Satz: „Die Flüchtlingskrise hat nicht erst begonnen, nachdem Deutschland sie bemerkte.“

„Präzise Beobachtung und schonungslose Analyse“

Die Jury des Mieth-Preises überzeugte er „durch präzise Beobachtung und schonungslose Analyse“. 115 Bewerbungen waren bei der Agentur Zeitenspiegel eingegangen. Gemeinsam mit Navid Kermani wurde der Fotograf Moises Saman ausgezeichnet, der ihn auf der Reise begleitet hatte. Seine Bilder präsentierten als „wunderbare“ Ergänzung zum Text das Schicksal der Flüchtlinge, die ihnen zwischen Budapest und der türkischen Stadt Assos begegneten, „als berührende Erzählung“, so die Jury in ihrer Begründung. Der 41-Jährige stammt aus Peru, lebt in Spanien und gilt als einer der besten Bildreporter weltweit. Zur Feier nach Fellbach konnte der Fotograf nicht kommen. Der Freiberufler hatte sich um Aufträge zu kümmern.

Die Gäste des Abends bekamen die Reportage in voller Länge zu hören. Gelesen wurde sie von der Theatermacherin Eva Hosemann. Die frühere Sozialbürgermeisterin der Stadt Stuttgart, Gabriele Müller-Trimbusch, hielt anschließend die Laudatio. Sie begann mit dem Bekenntnis, dass es ihr nach dieser beeindruckenden Lesung schwerfalle, die richtigen Worte zu finden. „Mir hat es die Sprache verschlagen“, sagte sie und fand dann doch sehr viele Worte des Lobes.

Der Geehrte betonte, dass ihn die Auszeichnung deswegen gefreut habe, da sie die erste für seine journalistischen Leistungen sei. Kermani betrachtet sich als einen Berichterstatter, der die Aufgabe habe, zu beobachten. Das klingt selbstverständlich. Doch Kermani sieht die journalistische Stilform des Berichts immer weiter in den Hintergrund gedrängt. „Wir werden täglich von Meinungen überschüttet“, sagte er. Eine Meinung ohne große Sachkunde sei schnell aufgeschrieben und somit aus unternehmerischer Sicht günstig produziert. Im besten Fall provoziere ein Meinungsartikel eine Gegenreaktion, die dann Gegenstand eines weiteren, kostengünstig entstandenen Artikels werde.

Ein Bericht sei dagegen aufwendig und koste Geld, da der Journalist Zeit für die Recherche benötige und auch mal reisen müsse. Diese Zeit werde Journalisten aber immer seltener zugestanden. Gut recherchierte Berichte könnten in die Zukunft blicken, würden Entwicklungen frühzeitig erkennen lassen, auf die die Politik dann rechtzeitig reagieren könnte. Insofern sei dieses Geld gut investiert. Navid Kermani sieht den Mieth-Preis daher als eine Wertschätzung eines Journalismus, der ansonsten immer weniger wertgeschätzt werde.

Für den Hansel-Mieth-Preis digital, der am Mittwoch zum zweiten Mal verliehen wurde, waren 28 Bewerbungen eingereicht worden. Er ist ebenfalls mit 6000 Euro dotiert. Er ging an drei noch recht junge Vertreter des Berufsstands: Kim Wall für ihren Text, Coleen Jose für ihre Fotos und Jan Hendrik Hinzel für seine Videos. Gemeinsam produzierten sie die Multimedia-Reportage „Exodus“ über die Marshallinseln, die einst unter den Atombombentests der USA litten und nun durch den steigenden Meeresspiegel bedroht sind. Die Reportage wurde im November 2015 auf sueddeutsche.de veröffentlicht.

Eine Besonderheit des Abends stand am Beginn der Feier: Der Fellbacher Oberbürgermeister Christoph Palm hielt, da er nicht wieder kandidiert, seine letzte Einführungsrede bei der Hansel-Mieth-Preisverleihung. Er machte sich für eine engagierte Flüchtlingspolitik stark. Asylrecht sei kein Almosen, sondern eine Pflicht. Spannungen, die dabei entstünden, seien auszuhalten. Mit Blick auf die rechte Bewegung von Pegida und AfD brachte er den schwäbischen Ausdruck: „Nur Sempl glauben an simple Lösungen.“

Herausragendes

Die Agentur Zeitenspiegel Reportagen erinnert mit dem renommierten Preis an ihr 1998 verstorbenes Ehrenmitglied Johanna „Hansel“ Mieth. Sie hat sich als Fotoreporterin für das amerikanische Magazin LIFE sozialen Themen gewidmet.

Der Preis würdigt herausragende engagierte Reportagen. Text und Fotos werden dabei gleichermaßen bewertet. Die Preise print und digital werden jeweils von einer Jury bewertet, die nicht nur aus Journalisten besteht.

Ein Jury-Mitglied war Hans Koschnick. Der Bremer SPD-Politiker ist am 21. April verstorben und am Mittwoch bestattet worden.