Fellbach

Opfer traute sich nie ohne Waffe aus dem Haus

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Symbolbild. © ZVW/Joachim Mogck

Fellbach/Stuttgart. Zweiter Verhandlungstag zur Kreuzschlitzstecherei auf dem Fellbacher Herbst letztes Jahr – Herausforderung für Richterin Sina Rieberg, die aufkochenden Emotionen sowohl manch eines Rechtsanwalts als auch des damals Schwerverletzten und jetzt als Zeugen Befragten abzukühlen. Was wirklich war, da widersprechen sich die Aussagen. Sicher aber ist: Ohne Waffe wagte sich das Opfer nie aus dem Haus.

Laut dem 21 Jahre alten Hauptangeklagten war das Vorspiel zur Stecherei mit dem Kreuzschlitzschraubenzieher, mit dem der am zweiten Verhandlungstag am Mittwoch gehörte Zeuge lebensgefährlich verletzt worden war, folgendermaßen abgelaufen: Die zwei Gruppen waren in Fellbach zur Zeit des Fellbacher Herbstes im vergangenen Jahr in der Nähe des alten Hallenbades aufeinandergetroffen. Der jetzt als Zeuge Vernommene hatte sich höchst aggressiv verhalten, den Angeklagten in den Schwitzkasten genommen, ihm ein Glas aus der Hand geschlagen und andere, auch die Freundin des Hauptangeklagten, mit seinem Elektroschocker traktiert.

Zeuge: Er habe aus Angst seinen Elektroschocker gezückt

Stimmt alles nicht, sagt der 28 Jahre alte Zeuge. Alle Aggression sei von den Angeklagten ausgegangen. Er sei mit seinen Freunden an jenem Abend in der Nähe des alten Hallenbads gewesen auf der Suche nach einer Stelle, an der er sich in die Büsche schlagen konnte. Er peilte den Schulhof der Wichernschule an. Davor, so hatte er mitbekommen, habe es schon eine Schlägerei gegeben, bei der die Polizei eingegriffen hatte. Wie er so mit seinen Freunden lief, hätten sie die andere Gruppe auf sich zukommen sehen, sein Freund habe mit dem Kopf auf sie gedeutet und vermutet, dass das Beteiligte gewesen sein könnten. Allein die Kopfbewegung habe die Gruppe zum Anlass genommen, drohend auf ihn und seine Freunde zuzukommen. Er habe Angst bekommen und „natürlich“ seinen Elektroschocker gezückt. Mit diesem habe er vor sich herumgefuchtelt – nur um die Angreifer, vor allem jenen muskelbepackten „Riesen“, fernzuhalten. Er habe niemanden berührt. Aber innerhalb kürzester Zeit sei er auf dem Boden gelegen.

Schraubenzieher durchbohrte seine Lunge

Die Erinnerung des Zeugen ist löchrig. Wer der bedrohliche „Riese“ war, kann er nicht mehr sagen. Die im Saal anwesenden Angeklagten jedenfalls sind nicht so beeindruckend groß. Er scheint auch eine der angeklagten jungen Frauen zu verwechseln. Wie genau die Schlägerei ablief, weiß er nicht mehr. Allerdings war er, vermutlich wegen der schweren Verletzungen, auch kurz ohnmächtig, wachte erst auf, als schon ein Polizist auf ihm kniete, ihn festhielt.

Mehrere Stiche mit dem Kreuzschlitzschraubenzieher hatte er in den Rücken bekommen, einer davon hatte seine Lunge durchbohrt. Dass die Polizei so schnell da war, sagt er, war sein Glück, auch wenn diese zuerst auch ihn für einen Täter hielt. Der Elektroschocker aber, der habe ihm wahrscheinlich das Leben gerettet.

Eine Waffe zur Verteidigung müsse sein

„Wieso der Elektroschocker?“, wollte Richterin Sina Rieberg wissen. Er wolle, sagte der Zeuge, nicht mit einem Messer aus dem Haus gehen. Überhaupt nicht mit irgendwas, mit dem er einen Menschen umbringen könne. Aber jeden Tag passiere was. „Etwas zur Verteidigung muss sein.“ Jeden Tag habe er den Elektroschocker in der Jacke dabeigehabt. Den Schocker hatte er online gekauft. „Ich dachte, das wäre legal. Ist ja nur zur Selbstverteidigung.“ Warum er einen wählte, der wie ein Handy aussieht? „Das sah cool aus.“ Ja, er war schon wegen schwerer Körperverletzung in Haft, aber das sei sechs Jahre her. Damals sei er ein anderer Mensch gewesen. Er habe seitdem nichts mehr gemacht. Und der Angeklagte? Der habe bestimmt viele Feinde. Und „wie naiv muss man sein, jemand so anzugreifen, wenn 70 Polizeibeamte in der Nähe sind.“ Er raste auch schnell aus – „aber ich mach’ das mit Köpfchen“.

Der Landgerichtsprozess wird fortgesetzt am Dienstag, 24. April, um 9 Uhr.