Kaisersbach

Ende Zweiter Weltkrieg vor 75 Jahren: Zerstörung von Kaisersbach konnte gerade noch verhindert werden

Volksschule
1940: Aufnahme einer Schulklasse im Behelfsschulsaal im Gasthaus Lamm in Kaisersbach. © privat

Zum Kriegsende in Kaisersbach und den Neubeginn gibt es eine geschichtliche Darstellung, verfasst von Pfarrer Th. Richter, damals Kriegsstellvertretungspfarrer in Kaisersbach und Kirchenkirnberg, sonst in Mössingen, Kreis Tübingen, und von Willem Rapp, Landwirt und Obstbaumwart in Kaisersbach. Die Ereignisse zu Kriegsende gestalteten sich in Kaisersbach ähnlich dramatisch wie im Nachbarort Kirchenkirnberg, gleichwohl blieb Kaisersbach von einer Zerstörung verschont, wenngleich sie kurz bevorstand.

Deutsche Munitionskolonne auf dem Rückzug

Durch seine Lage im Welzheimer Wald blieb Kaisersbach während des Krieges von Luftangriffen ziemlich verschont. Bekannt sind nur einzelne Bombenabwürfe. Ab dem 15. April 1945 wurde für die Menschen immer deutlicher, dass die amerikanische Armee unaufhaltsam weiter vormarschiert und vom Mainhardter Wald her über das Murrtal in Richtung Kaisersbach unterwegs war. Der Kampf zwischen den Amerikanern und der sich zurückziehenden 195. deutschen Infanterie-Division spielte sich in der Gegend des Murrtals ab, insbesondere in Murrhardt, Fornsbach und nördlich von Kirchenkirnberg. Am Abend des 18. April wurde der heutige Murrhardter Stadtteil schwer bombardiert, weil dort eine abrückende deutsche Munitionskolonne Mitten im Ort anhielt und von den amerikanischen Spähern entdeckt wurde. Die amerikanischen Flugzeuge kurvten bei ihrem Angriff auf Kirchenkirnberg so tief über Kaisersbach, dass die Besatzung in den Flugzeugen zu sehen war. 

Für die Kaisersbacher kam eine Verteidigung nicht mehr infrage

Die Leute des Volkssturms und sämtliche Bürger in Kaisersbach waren sich einig, dass eine Verteidigung der Ortschaft nicht infrage kommt. Parteileitung und Volkssturmführung hatte einen Verteidigungskampf angekündigt. Der Volkssturm hob beim Weidenhof Artilleriestellungen aus. „Es wurde aber nicht sehr intensiv gearbeitet.“ Deutsche Geschütze kamen keine mehr. Die letzten deutschen Artilleriestellungen lagen auf der Reute bei Kirchenkirnberg.

Am Mittwoch, 18. April, wurde morgens der Kaisersbacher Volkssturm alarmiert. Da aber die maßgebenden Herren, besonders der Zellenleiter, Revierförster Söll, selbst nicht zur Stelle waren, begaben sich die wenigen Erschienenen auf den Rat von Wilhelm Rapp, Zugführer für den Innendienst und Ortsverteidigung wieder nach Hause. „An eine Verteidigung der Ortschaft wurde nicht gedacht, sonder dieselbe nach Kräften unterbunden“, schreiben die Chronisten weiter.

Die Hitlerjugend sollte keine Dummheiten machen

Die durchziehenden deutschen Truppen wurden von der Bevölkerung gebeten, den Ort schnellstens wieder zu verlassen. Die Kaisersbacher befürchteten, sonst dasselbe Schicksal wie Kirchenkirnberg erleiden zu müssen. Auch die Hitlerjugend wurde bearbeitet, „keine Dummheiten zu machen“.

Am Mittwoch, 18. April, abends um 21.30 Uhr war eine schwere Haubitz-Batterie von Kirchenkirnberg her kommend auf dem Rückzug durch Kaisersbach. Amerikanische Artillerie nahm plötzlich, offenbar vom Langertwald bei Kirchenkirnberg aus, die beiden Straße nach Welzheim am Ortsausgang von Kaiserbach unter Feuer, und zwar mit weithin streuenden Brisanzgranaten. Die erste Granate landet vor dem Pfarrhaus. Mehrerer Sprengstücke drangen ins Gebäude ein, eins davon tötete den einjährigen jüngsten Sohn Georg von Pfarrer Dieterich. Die zweite Granate tötete ebenfalls durch ein Sprengstück die auf der Straße bei der Wirtschaft zum Lamm stehende Magdalene Gall. Sie war ebenfalls sofort tot. Die Beschießung dieser Gegend dauerte rund drei Stunden.

Viele Bürger flüchteten mit Hausrat und Lebensmitteln in den Wald

Gegen 1.30 Uhr in der Nacht wurde es plötzlich ganz still. Viele Einwohner entschlossen sich im Morgengrauen, ihre Unterstände zu verlassen und in den Wald zu flüchten. Manche nahmen ganze Leiterwagen voll Hausrat und Vorräte mit, ebenso das Vieh, während andere daheimblieben.

Schwer beunruhigt war die Bevölkerung durch einen Tieffliegerangriff um 8 Uhr auf Welzheim. Deutsche Soldaten waren nur noch wenige zu sehen. Das Maschinengewehrfeuer kam immer näher. Die Front ging sichtlich rasch zurück. Ein amerikanischer Artillerieflieger kreiste dauernd über der Gegend und als ein Trupp von etwa 20 Mann gegen 22 Uhr die Ortschaft verließ (sie hatten hier übernachtet) und ins Täle marschierten, kam plötzlich starkes Artilleriefeuer aus der gleichen Richtung wie abends.

Gegen 10.30 Uhr versuchten Eugen Lindauer, Gastwirt vom Rössle, und Straßenwart Gottlieb Wohlfarth eine weiße Fahne auf dem Kirchturm zu hießen. Einige SS-Leute verhinderten diese Aktion mit gezückter Pistole.

Am Abend des 19. April gegen 20.30 Uhr waren die ersten amerikanischen Panzer aus Richtung Mönchhof zu sehen. Es gab keinen Widerstand mehr. Gefangene Franzosen, die im Ort gearbeitet hatten, gingen den Amerikanern mit weißer Flagge entgegen. Auch an den Häusern waren einige weiße Fahnen zu sehen.

Die Amerikaner durchsuchten die Häuser

Die amerikanischen Soldaten positionierten ihre Panzer an den Ortsausgängen und durchsuchten die Häuser. Außerhalb der Ortschaft im Bereich der Kreuzstraße gab es einen heftigen Schusswechsel mit einzelnen deutschen Soldaten. Auch aus dem Friedhof soll geschossen worden sein. Von Rudersberg her sollen zwei Volkssturmleute ausgeschickt worden sein, um zu erkunden, wie weit die Amerikaner gekommen sind. Einer soll dabei am Weg zum Eulenhof erschossen worden sein.

Bei der Durchsuchung der Häuser durch amerikanische Soldaten wurde zwar nicht geplündert, aber doch einiges gestohlen, wie Uhren, Wertgegenstände, Geld. Es konnte in diesem Zusammenhang nie ein Zwischenfall aufgeklärt werden, der überliefert wurde. Die Amerikaner hatten behauptet, der Sohn einer bestimmten Familie habe einen amerikanischen Soldaten vor dem Haus erschossen, das er durchsuchen wollte. Seine Eltern bestritten dies aber entschieden. Es war auch nicht klar, woher er eine Schusswaffe haben sollte, da er die ganze Zeit bei seinen Eltern im Keller war. Es ist aber sehr gut möglich, dass der amerikanische Soldat von deutschen Soldaten vom Friedhof her erschossen wurde, wahrscheinlich von einer Gruppe SS-Soldaten. Der Verdächtigte wurde von den amerikanischen Soldaten erschossen und das Haus angezündet. Die Eltern entkamen nur mit Mühe dem Feuertod.

Die amerikanischen Soldaten waren sehr wütend und drohten damit, entweder 30 Geißeln zu erschießen oder die Ortschaft anzuzünden. In dieser Zeit kam Pfarrer Richter aus dem Wald zurück und wurde im Forsthaus von einem amerikanischen Offizier befragt. Der Offizier setzte den amtierenden Ortspfarrer als kommissarischen Bürgermeister ein. Als der Pfarrer erfuhr, was passiert war, ging er in das Quartier der amerikanischen Kommandostelle, das im Hause der Witwe des Forstwarts Wagner aufgeschlagen worden war. Pfarrer Richter hatte alle Mühe, den Sachverhalt darzustellen. Inzwischen aber hatten sich auch die gefangenen Franzosen für die Kaisersbacher Bevölkerung einsetzt und bestätigten, dass es sich bei dem fraglichen Deutschen um einen Geistesgestörten gehandelt hat. Unvermittelt fuhren die Amerikaner plötzlich davon. Das Gerücht machte die Runde, die Amerikaner wollten in der Nacht die Ortschaft mit Artillerie zusammenschießen. In der Nacht, in der in den Häusern viel gebangt und gebetet wurde, bleib es aber ruhig. Nur ein einzelner deutscher Flieger beschoss amerikanische Autos auf der Straße zwischen Kirchenkirnberg und Kaisersbach. Am anderen Morgen standen alle Kaisersbacher erleichtert auf.

Pfarrer Richter hatte das Bürgermeisteramt übernommen, weil der zuständige Bürgermeister Greiner von Welzheim, der zu jener Zeit auch Schultes von Kaisersbach war, geflüchtet war. Pfarrer Richter war vom Oberkirchenrat als Kriegsstellvertretungspfarrer für Kaisersbach und Kirchenkirnberg eingesetzt worden. Er übernahm nun das Amt und brachte den Betrieb im Rathaus wieder in Gang. Kein amerikanischer Offizier ließ sich sehen, so musste zunächst in eigener Verantwortung gehandelt werden. Der Bürgermeister zog sofort einige Bürger zur Mitarbeit heran, ernannte Wilhelm Rapp zu seinem Stellvertreter und bildete einen neuen Gemeinderat. Die Nachkriegszeit konnte beginnen und die Menschen gingen zügig wieder ihrer Arbeit nach.

Zum Kriegsende in Kaisersbach und den Neubeginn gibt es eine geschichtliche Darstellung, verfasst von Pfarrer Th. Richter, damals Kriegsstellvertretungspfarrer in Kaisersbach und Kirchenkirnberg, sonst in Mössingen, Kreis Tübingen, und von Willem Rapp, Landwirt und Obstbaumwart in Kaisersbach. Die Ereignisse zu Kriegsende gestalteten sich in Kaisersbach ähnlich dramatisch wie im Nachbarort Kirchenkirnberg, gleichwohl blieb Kaisersbach von einer Zerstörung verschont, wenngleich sie kurz

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