Kaisersbach

Schuldfähig oder nicht – das bleibt die Frage

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Symbolbild. © Joachim Mogck

Kaisersbach/Stuttgart. In niemandes Haut möchte man in diesem Verfahren stecken: Ein junger Mann wird tot gefahren; wie müssen die Angehörigen leiden. Der mutmaßliche Unglücksfahrer quält sich mit Schuldgefühlen und Selbsthass. Die Richter müssen ein Urteil fällen, obwohl so viele Fragen offen bleiben.

Die Tragödie hat sich nach dem Sandlandfest im Juli 2017 ereignet (wir haben mehrfach berichtet). Ein 20-Jähriger steigt frühmorgens ins Auto; drei weitere junge Männer steigen zu. Der Fahrer hat viel getrunken und gekifft. Ärzte finden später in seinem Blut eine weitere Substanz.

Zeugen erinnern sich an wenig bis nichts

Nahe dem Schillinghof überfährt er mutmaßlich einen 22-Jährigen, der wohl betrunken am Boden lag. Das Unfallopfer stirbt. Kurz darauf hält der Unglücksfahrer an – und fährt weiter, nachdem er den Schaden an seinem Wagen begutachtet hat. Ob er bemerkt hat, einen Menschen überfahren zu haben oder nicht – bleibt offen.

Warum er überhaupt früh am Morgen Fremde nach Welzheim kutschieren wollte in diesem Zustand – bleibt offen. Zeugen erinnern sich an wenig bis nichts, der Angeklagte selbst spricht von Erinnerungslücken: Was wirklich geschah in dieser Nacht, wird die zweite Große Jugendkammer am Landgericht Stuttgart wohl nicht im Detail klären können.

„Er ist kein Suchtkranker“

Am vierten Verhandlungstag schilderte der psychiatrische Gutachter Dr. Peter Winckler seine Sicht der Dinge. Sein Fazit: „Erheblich verminderte Steuerungsfähigkeit“ des Angeklagten zur Tatzeit sei „zumindest nicht auszuschließen.“ Trotzdem, gibt Winckler auch zu bedenken: Auto fahren konnte er ja noch.

Winckler schätzt den 20-Jährigen zwar als „chronischen Cannabis-Konsumenten“ ein, der immer wieder exzessiv Alkohol genossen habe. Dennoch: „Er ist kein Suchtkranker. Er ist ein ganz normaler junger Mann.“ Seinen Umgang mit Alkohol wie mit Cannabis kategorisiert Winckler als „schädlichen Missbrauch“ – nichts Besonderes in diesem Alter, wie der Gutachter sagt.

Zu seinem Erstaunen habe er feststellten müssen, dass der Schwäbische Wald eine Gegend sei, in der viele Jugendliche offenbar ein Trinkverhalten an den Tag legen, das alles andere als gesund sei. Winckler geht davon aus, der Unglücksfahrer hatte zur Unfallzeit circa zwei bis 2,1 Promille Alkohol im Blut: „Die führende Droge in dieser Nacht war der Alkohol“ – aber nicht die Einzige. Der 20-Jährige hatte vor dem Unfall gekifft, das war nachweisbar.

Rätsel gibt eine weitere Substanz auf, die man im Blut des Fahrers fand: Ein Stoff, der wach macht, gefühlt die Leistung steigert, das Selbstvertrauen stärkt. „Viel zu oft und viel zu gerne“ werde diese Substanz ADHS-Kindern verschrieben, und mittlerweile tauche sie mehr und mehr in der Drogenszene auf. Eins der Rätsel dieses Verfahrens: Wie ist der Stoff ins Blut des 20-Jährigen gelangt? Hat ihm jemand das Zeug unbemerkt ins Glas gekippt? Hat er es bewusst genommen und gibt es nicht zu? Kennt er selbst die Wahrheit und verdrängt sie nur?

Tiefe Schuldgefühle

Antworten gibt es darauf bisher nicht. Peter Winckler hat zumindest keine Hinweise darauf gefunden, dass der junge Mann die Substanz bereits schon früher konsumiert haben könnte.

Eindeutige Aussagen traf der Gutachter zur seelischen Gesundheit des Angeklagten: Er ist weder psychisch krank noch liegt eine Persönlichkeitsstörung vor. Ob das Gericht wegen des Drogenkonsums auf eingeschränkte Schuldfähigkeit erkennen wird oder nicht, wird sich zeigen.

Der Angeklagte selbst trägt offenbar schwer an Schuldgefühlen; im Gespräch mit dem psychiatrischen Gutachter war gar von Selbsthass die Rede. Briefe des Angeklagten an die Familie des Toten sprechen eine deutliche Sprache: „Ich verabscheue meine Tat und meine Untätigkeit“, schreibt er dort. Er hasse sich selbst unwahrscheinlich für das, was passiert sei: „Meine Gebete gelten allein Ihnen.“

Was der junge Mann in den Gesprächen mit Peter Winckler im Oktober 2017 geäußert habe, deckt sich laut dem Facharzt mit den Angaben des Angeklagten vor Gericht: Er erinnere sich nur noch an weniges in jener Nacht. Als „gut angetrunken“, aber „nicht massiv betrunken“ habe er seinen Zustand nach dem Sandlandfest eingeschätzt.

„Ich weiß, dass man mir nicht vergeben kann und wird“

„Absolut schleierhaft“ sei es ihm, wie es überhaupt zu dieser nächtlichen Fahrt gekommen sei, dazu noch mit drei jungen Männern im Auto, von denen er zwei überhaupt nicht kannte. An einen „Rumpler“ während der Fahrt erinnere er sich vage. Wenige Stunden später weckte ihn die Polizei zuhause aus dem Tiefschlaf. Das Kennzeichen des Wagens, mit dem der 20-Jährige unterwegs gewesen war, war am Unfallort gefunden worden.

Eine „gewisse Problembiografie“ bescheinigt der Gutachter dem jungen Mann: Die Eltern trennten sich früh, lange fehlte der Kontakt zum leiblichen Vater. Klar gab’s zuhause Konflikte – wie oft, wenn junge Menschen erwachsen werden. Eine Wiederholungsprüfung zum vergeigten Abitur trat der junge Mann nicht an. Stattdessen meldete er sich zu einem sozialen Freiwilligendienst, was ihm gut getan habe. Im September 2017 hätte der 20-Jährige eine Lehre begonnen.

Daraus wurde nichts; ein Richter ordnete Untersuchungshaft an. Seit knapp einem halben Jahr sitzt der Mann nun im Gefängnis; zur Verhandlung führt ihn ein Beamter in Handschellen vor. Erst wenn Richter und Schöffen den Saal betreten, nimmt der Polizist die Handschellen ab. Blass und sichtlich mitgenommen sitzt der Angeklagte da und hört zu. Was er denkt, hat er bereits in einem der Briefe an die Angehörigen formuliert: „Ich weiß, dass man mir nicht vergeben kann und wird.“

Ein Urteil wird am 8. März erwartet.


Unsere Berichterstattung zum Fall können Sie hier noch einmal nachlesen:

08.07.2017: Fußgänger tödlich verletzt - Unfallfahrer ermittelt

11.07.2017: Fußgänger tot: Fahrer war alkoholisiert 

03.11.2017: Ein Leben lang schuldig

Sieben Monate später beginnt der Prozess gegen den 20-jährigen Angeklagten

07.02.2018: Fußgänger totgefahren: Prozess beginnt

07.02.2018: Fußgänger totgefahren: Angeklagter erinnert sich nicht

19.02.2018: Nach Tod eines Fußgängers: Zeugen mit Gedächtnislücken