Kernen

150 Jahre Betreutes Wohnen in Familien: Mutter mit Behinderung wird bei Erziehung unterstützt

Betreutes Wohnen
Marina Schmidt und ihr Sohn Arthur bei der Schwester (re.) und ihrem Mann. © Diakonie Stetten

Marina Schmidt lebt mit ihrem 20 Monate alten Sohn Arthur bei der Familie ihrer Schwester. Die Frau mit Behinderung ist froh, dass ihre Schwester ihr seit der Geburt ihres Sohnes zur Seite steht, denn in manchen Situationen benötigt sie Unterstützung. Die Diakonie Stetten begleitet die Familie im Rahmen des Betreuten Wohnens in Familien. Jochen Gutekunst und Elke Krumrey von der Diakonie Stetten kommen regelmäßig in die Familie und schauen gemeinsam mit den Familienmitgliedern, wie das Zusammenleben gestaltet werden kann. Das Betreute Wohnen in Familien der Diakonie Stetten feiert in diesem Jahr sein 150-jähriges Bestehen. Die Diakonie Stetten vermittelt in der Region Stuttgart Menschen mit Behinderung in Gastfamilien.

Mit der Geburt hatte sie nicht gerechnet

„Ich bin wegen Schmerzen ins Krankenhaus gekommen, und dann kam Arthur auf die Welt. Eigentlich sagte mir der Arzt vor vielen Jahren, dass ich keine Kinder bekommen könne“, erzählt Marina Schmidt, die in den Theo-Lorch-Werkstätten der Diakonie arbeitet und bis zur Geburt ihres Sohnes bei ihrem Vater lebte. Die 43-Jährige freute sich sehr über die Geburt ihres Kindes und kümmerte sich vom ersten Tag an liebevoll um Arthur.

Für Oksana Veilert war von Anfang an klar, dass sie ihre Schwester bei der Betreuung und Erziehung ihres Neffen unterstützen will: „Ich wollte nicht, dass Arthur ins Heim oder zu einer Pflegefamilie kommt. Da meine beiden älteren Söhne zu dem Zeitpunkt gerade ausgezogen sind, hat es gut gepasst.“

Der Vater hat ebenfalls eine geistige Behinderung

So lebt die 47-Jährige nun mit ihrer 13-jährigen Tochter, ihrem Mann und ihrer Schwester sowie dessen Sohn unter einem Dach und steht ihrer Schwester bei der Erziehung des Kleinkindes zur Seite. „Für mich ist jedoch ganz klar, dass ich die Tante bin und Marina Arthurs Mutter ist“, betont sie. Das neue Zusammenleben fügte sich nach und nach: „Oksana stellt mir den Wecker ein, wenn ich Arthur füttern muss, und am Vormittag ist er bei einer Tagesmutter. Nach der Arbeit gehe ich oft mit ihm spazieren oder auf den Spielplatz. Zusammen mit Herrn Gutekunst von der Diakonie Stetten besuchen wir regelmäßig Arthurs Papa“, erzählt Marina Schmidt. Auch der Vater des Kindes hat eine geistige Behinderung und lebt bei seiner Mutter.

Die Mutter hat eine geduldige Art

„Arthur hat keine Behinderung und entwickelt sich prächtig. Er ist ein aufgewecktes und fröhliches Kind“, berichtet Oksana Veilert. Sie ist stolz auf ihre Schwester und wie sie die Situation meistert. Trotzdem ist sie sich bewusst, dass die Mutter bei der Kindererziehung immer wieder Unterstützung benötigt. „Marina hat eine sehr geduldige Art. Wenn Arthur schreit, dann redet sie ganz ruhig mit ihm, und dann beruhigt er sich schnell. Manche Situationen, wie etwa auf der Rutsche auf dem Spielplatz, kann sie jedoch nicht so recht einschätzen, und hinzu kommt, dass Arthur mit zunehmendem Alter immer mobiler wird.“

Arthur wird immer mobiler

Jochen Gutekunst und Elke Krumrey vom Betreuten Wohnen in Familien der Diakonie Stetten besuchen die Familie ein- bis zweimal in der Woche. „Wir gehen dann meistens zur Familie des Vaters oder machen zusammen kleinere Ausflüge. Der Vater und die Oma freuen sich immer sehr, wenn sie Arthur sehen“, erzählt der Sozialarbeiter. Zurzeit gehe es in den Gesprächen vor allem darum, dass Marina Schmidt auch Grenzen bei Arthur setzt und lernt, die immer wieder neuen Herausforderungen einzuschätzen. „Arthur liegt jetzt nicht mehr nur im Kinderwagen, sondern er will raus und die Welt erkunden. Hier besprechen wir gemeinsam, worauf Frau Schmidt aufpassen muss, welche Situationen gefährlich werden können und was er darf oder auch nicht darf.“

Weitere Familien gesucht

Die Arbeit der Mitarbeitenden der Diakonie Stetten besteht vor allem darin, „Konflikte zu erkennen und Lösungen zu suchen“. „Wir arbeiten oft mit Beispielen und verdeutlichen Frau Schmidt zum Beispiel, wie es bei ihrer Arbeit in der Werkstatt ist. Dort ist auch jemand, der ihr Tipps gibt oder sie anleitet. Daneben setzen wir uns erreichbare Ziele“, sagt Heilpädagogin Elke Krumrey. „Ich möchte besser lesen und schreiben lernen und auch einen Kochkurs machen“, sagt Marina Schmidt. Auf jeden Fall stehe Arthur und seine bestmögliche Entwicklung im Vordergrund.

Menschen mit einer Behinderung, die im Rahmen vom Betreuten Wohnen in einer Gastfamilie leben möchten, können sich an das Betreute Wohnen in Familien wenden. Das Angebot gilt für Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Daneben sucht die Diakonie Stetten aktuell verstärkt Familien oder Einzelpersonen, die für ein solches Zusammenleben offen sind. Das Betreute Wohnen in Familien prüft sorgfältig, wer zu wem passen könnte. Gastfamilie und Mitbewohner mit Behinderung werden nach der Vermittlung von den Fachkräften des Fachdiensts „Betreutes Wohnen in Familien“ (BWF) dauerhaft unterstützt und beraten. Wer interessiert ist, kann sich an Miriam Hülle unter miriam.huelle@diakonie-stetten.de, Telefon 0 71 51/9 40 10 76 wenden.