Kernen

19-Jähriger zu Arbeitsstunden verurteilt

Richter hammer symbol_0
Symbolbild. © Ramona Adolf

Waiblingen/Kernen. Als bei der Kirbe 2017 ein alkoholisierter 19-jähriger im Fußballerzelt mit einem Kumpel Streit bekam, schritt die Polizei rasch ein. Dann eskalierte die Lage. Der Mann widersetzte sich, verletzte eine Beamtin und beschimpfte sie wüst. Ihm wurden Handschellen angelegt. Im Streifenfahrzeug spuckte er auf einen Polizisten, beleidigte die Beamten mehrfach und verfehlte im Polizeirevier bei einem Stoß mit dem Knie den Kopf des Einsatzleiters nur knapp. Das Amtsgericht Waiblingen verurteilte ihn zu 120 Arbeitsstunden.

Es ist nicht das erste Mal, das Eddi Miller (Name von der Redaktion geändert) vor Gericht stand. Auf seinem Kerbholz stehen Straftaten wie Beleidigung, Nötigung und Widerstand gegen die Staatsgewalt. Drei Monate, bevor der Rommelshausener am Kirbesamstag 2017 alkoholisiert (über 1,5 Promille) wieder einmal ausrastete, war er im Juli wegen eines ähnlichen Vorfalls am Stuttgarter Eckensee verurteilt worden. Dort fiel das Schimpfwort „Wichser“, ein vergleichsweise harmloses Schmähwort im Vergleich zu den Tiraden im Festzelt und später im Polizeiauto, wo Eddi Miller auf einen Beamten spuckte. Beschuldigt wurde er zudem der Körperverletzung und der versuchten Körperverletzung.

Ein ganzes Register an Beleidigungen

Für die Polizisten, die damals zunächst einen Streit schlichten wollten, dann aber den aggressiven 19-Jährigen zu Boden werfen, ihm Handschellen anlegen und ihn zum Ausnüchtern mit ins Polizeirevier Fellbach nehmen mussten, zog der Mann sein ganzes Register an Beleidigungen. Miller, der damals noch zu den polizeifeindlichen VfB-Ultras der Schwaben Kompanie gehörte, habe darauf abgezielt, die Beamten „in ihrer Ehre zu kränken“, wie ihm die Staatsanwältin vorhielt. Eine Kostprobe der Schmähtiraden: „Scheißbullen, fickt euch alle. Ihr seid alle nichts. Ich ficke euch alle. Drecksbullen. Arschloch“ Eine Polizistin, die bei der Schlägerei zusammen mit einem Kollegen eingreifen wollte und von Miller am linken Daumen verletzt wurde, erzählte im Zeugenstand: „Ficken kam sehr oft vor. Der Mann war durchgehend aggressiv. Ich kenne ihn ganz anders, wenn er nüchtern ist.“ Seine Entschuldigung, die Miller aus ihrer Sicht viel zu spät schrieb und per Post verschickte, finde sie nicht sehr glaubhaft. „Ich nehme sie zur Kenntnis.“

Polizist: Ich hatte Glück, dass ich noch ausgewichen bin

Im Polizeirevier Fellbach mussten die zu Hilfe gerufen Beamten den sich wild wehrenden 19-Jährigen vor der Zelle festhalten, um ihm die Gegenstände abzunehmen, mit denen er sich in der Zelle gefährden könnte. Dazu gehören Schnürsenkel. Während ein Polizist laut gestriger Darstellung Miller von hinten fixierte, damit ein Kollege dem Mann die Schuhe ausziehen konnte, habe Miller versucht, gezielt mit voller Wucht das Knie in die Höhe zu reißen, um den Beamten am Kopf zu treffen. „Ich hatte Glück, dass ich noch ausgewichen bin“, sagte der 56-Jährige gestern, „ich bin nicht verletzt worden.“ Sein Kopf befand sich, als er Miller die Schuhe auszog, laut eigenem Bekunden auf Höhe von Millers Oberschenkel. Der Verteidiger deutet die abrupte Knie-Bewegung aber ganz anders: als Geste, sich zu wehren, nicht als Angriff.

Angeklagter: "Ich habe mich aufgeführt wie ein Hornochse"

Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, Beleidigung, tatsächliche und versuchte Körperverletzung: Diese Vorwürfe standen am Amtsgericht Waiblingen gestern im Raum. „Ich habe mich aufgeführt wie ein Hornochse, beleidigend und aggressiv. Aber ich wollte sperren, ich habe keine gezielten Schläge gemacht.“, bekannte der Angeklagte reumütig. Er habe sich im Zelt gegen die Polizei gewehrt, „weil ich lieber heimgehen wollte“. Richter Blattner nahm ihm das nicht ab, zumal Millers herabsetzendes Verhalten unter Alkoholeinfluss gegen Amtspersonen notorisch ist. „Das ist eine Frage des zivilisierten Zusammenlebens“, sagte Blattner. Wenn die Polizei aufklären wolle, habe man dazubleiben und „die Klappe zu halten. Wenn die Polizei verlangt, sich die Schuhe auszuziehen, empfiehlt es sich mitzumachen. Dafür, dass man dann noch beleidigt und losspuckt, habe ich kein Verständnis.“

Ein grundsätzliches Problem mit der Polizei

Offenbar habe Miller, der gerne ins Stadion geht, ein grundsätzliches Problem mit der Polizei. „Das war früher“, entgegnete der Rommelshausener, „inzwischen kann ich mit der Polizei normal reden.“ Er gucke nach wie vor VfB-Spiele im Stadion, „aber nicht mehr in der Gruppe, nur noch mit ein, zwei Freunden.“ Als er im Frühjahr in Freiburg die Polizeikontrolle der VfB-Ultras erlebte, sei er zur Besinnung gekommen. „Ich will ja mal den Hof zu Hause übernehmen.“ Sein Berufsziel sei Weintechniker. Die Staatsanwältin schaute skeptisch: Er wisse ja noch gar nicht, ob das funktioniert.

Staatsanwältin: Halten Sie sich von den Ultras fern

Was sich am 21. Oktober 2017 im Fußballerzelt der Sportvereinigung und anschließend im Polizeirevier Fellbach ereignete, erfüllt aus Sicht der Staatsanwältin den Tatbestand des tätlichen Angriffs, den das Erwachsenenstrafrecht mit einer Freiheitsstrafe nicht unter drei Monaten ahndet. Für sie war der verfehlte Kniestoß ein gezielter Versuch der Körperverletzung: „Man kann sich auch anders wehren, das war mehr als Sperren.“ Sie habe auch die Schwaben Kompanie streng im Blick. Sie wolle Miller dort nicht mehr sehen. Von der Aggressivität gegen das „Feindbild“ Polizisten, die ihren Job tun, solle er sich verabschieden. Sie sei geneigt, ihm „schädliche Neigungen“ zu unterstellen, wolle Miller aber nach Jugendstrafrecht eine Bewährungsfrist einräumen und ihn unter Beobachtung stellen, „nicht nur im Stadion.“

Angeklagter hat an Suchtberatung teilgenommen

Offenbar bringt Alkohol den Rommelshausener immer wieder mal zum Ausrasten. Er hat von Januar bis März an einer Suchtberatung teilgenommen. Dem Alkohol habe er abgeschworen, beteuerte er vor Gericht. „Ich glaube ihm, wenn er sagt, dass es ihm leidtut“, so sein Verteidiger. Beleidigung, Widerstand: Sein Mandant habe verstanden, dass er unter Beobachtung stehe, dass es auch mit den Ultras keine Zukunft hat. Er sehe daher eine vernünftige Entwicklung eingeläutet, die Hoffnung wecke.

120 Arbeitsstunden bis Ende des Jahres

In einem Umfang an Arbeitsleistung, die er auf über 100 Stunden ansetzen würde, sieht der Verteidiger anstelle bisheriger Geldbußen einen starken erzieherischen Effekt. „Da würde ihm viele Wochen lang klar gemacht, dass er etwas angerichtet hat.“ Der Richter folgte ihm: Eine Entscheidung werde auf ein Jahr zur Bewährung ausgesetzt. Bis Ende des Jahres hat Sven Miller nun 120 Arbeitsstunden abzuleisten. Funktioniert das nicht, droht Arrest.


Strafe ausgesetzt

Kann nicht mit Sicherheit beurteilt werden, ob in der Straftat eines Jugendlichen schädliche Neigungen eine Jugendstrafe erforderlich machen, kann der Richter die Schuld des Jugendlichen feststellen, die Entscheidung über die Verhängung der Jugendstrafe aber für eine von ihm zu bestimmende Bewährungszeit aussetzen.