Kernen

5G und Strahlenbelastung: Experten diskutieren in Kernen über Studien und Rechte von Kommunen

5G Kernen Jörn Gutbier
Jörn Gutbier ist Vorsitzender der Umwelt- und Verbraucherschutzorganisation „Diagnose:Funk“ und sprach am Mittwoch in Kernen. © Benjamin Büttner

Am Mittwochabend, 24. März, hat die interkommunale Info-Veranstaltung zum Mobilfunkstandard 5G stattgefunden, die der Kernener Gemeinderat seit langem gefordert hat. Die Gemeinden Kernen, Rudersberg und die Stadt Weinstadt fungierten als Veranstalter. Wegen Corona konnten Interessierte nur via Livestream teilnehmen. Als Redner geladen waren der 5G-Kritiker Jörn Gutbier von der Umwelt- und Verbraucherschutzorganisation „Diagnose:Funk“, der Tüv-Sachverständige Thomas Gritsch und Lothar Gillé aus dem Ministerium für Inneres, Digitalisierung und Migration des Landes Baden-Württemberg. Im Anschluss folgte eine Podiumsdiskussion vorgesehen, moderiert von Michael Antwerpes.

Kommunen können Ausbau nicht stoppen

Angeregt wurde die Veranstaltung in Kernen durch Bürgermeister Benedikt Paulowitsch, nachdem sich die PFB-Fraktion sich im vergangenen Juli ausdrücklich dafür eingesetzt hatte, über 5G aufzuklären und erst dann in der Gemeinde auszubauen. Auch die OGL steht der Technologie kritisch gegenüber, fordert, die Strahlenbelastung so gering wie möglich zu halten, und will ein Moratorium: „Solange die gesundheitliche Unbedenklichkeit des 5G-Netzes durch industrieunabhängige Wissenschaftler nicht bewiesen ist, soll der Ausbau zurückgestellt werden“, fordert die Fraktion in einer Mitteilung.

Dass das so einfach nach aktueller Rechtslage nicht möglich ist, darin sind sich an diesem Abend tatsächlich alle drei geladenen Experten einig: Die Mobilfunk-Anbieter sind zwar dazu verpflichtet, die Gemeinde anzuhören und sich Standorte vorschlagen zu lassen. Daran halten müssen sie sich aber nicht. Kommunen sollen aktiv werden und den Dialog suchen, empfehlen sie. Außerdem empfiehlt Mobilfunk-Kritiker Jörn Gutbier, dass Gemeinden den Immissionsschutz als städtebauliches Ziel aufnehmen sollen, um etwas mehr Kontrolle zu bekommen.

Verursacht Mobilfunk Krebs? 

Jörn Gutbier ist Diplom-Ingenieur, freier Architekt und Vorsitzender der Umwelt- und Verbraucherschutzorganisation „Diagnose:Funk“. In seinem zehnminütigen Vortrag haut er den Zuschauern eine ganze Wagenladung an Studien um die Ohren. Er vertritt den Standpunkt, dass es hinreichend wissenschaftliche Studien gibt, die belegen, dass Mobilfunk schädlich ist. „Es gibt klare Beweise dafür, dass Mobilfunkstrahlung unterhalb der Grenzwerte in der Lage ist, Krebs auszulösen.“ Außerdem seien Zusammenhänge zwischen Kopfschmerzen bei Kindern und dem Insektensterben mit dem Mobilfunkausbau möglich.

Thomas Gritsch sieht das Thema etwas weniger aufgeregt. Er ist Sachverständiger beim Tüv Süd und fungiert somit als unabhängiger Experte in dieser Diskussion. Er wolle eine neutrale Risiko-Bewertung abgeben, „nachdem Sie jetzt vielleicht ein bisschen Angst bekommen haben“. Die Studien, die Mobilfunk mit Krebs in Verbindung bringen, bezögen sich in erster Linie auf die Handynutzung über viele Jahre direkt am Ohr.

Frequenz von 5G ähnlich wie beim WLAN

Er versucht erst einmal zu erklären, was 5G eigentlich ist: Die Frequenzen seien ähnlich wie beim WLAN, der höhere Anteil komme nur selten zum Einsatz – zum Beispiel in Bahnhöfen und Messehallen. Bedenklich an 5G sei vor allem die Bündelung des Strahls, die zwar effizienter ist, aber auch nach unten, auf den Nutzer, erfolgen kann. Mobilfunk könne gesundheitliche Auswirkungen haben, die vielleicht auch nicht hinreichend erforscht sind.

Dem stimmt auch Lothar Gillé vom Ministerium für Inneres, Digitalisierung und Migration des Landes Baden-Württemberg zu. Er konzentriert sich in seinem Vortrag aber vor allem darauf, was 5G alles möglich machen soll. „Digitalisierung und Mobilfunk gehen nur, wenn die entsprechende Infrastruktur zur Verfügung steht.“ Dass es eine niedrige Prozentzahl hypersensible Menschen in der Bevölkerung gebe, sei dem Ministerium bewusst. „Wir können auch nachvollziehen, dass es bestimmte Bedenken gibt.“

Bürger haben viele Fragen

Den entscheidenden Teil des Abends macht aber die Podiumsdiskussion aus, in dem sich die Experten mit den Fragen auseinandersetzen, die Bürger der drei Kommunen im Voraus eingesendet haben: Über 60 Fragen sind angekommen. Moderator Michael Antwerpes bündelt diese in verschiedene Schwerpunkte. Die Gemeinderäte halten sich ausdrücklich zurück und lassen den Bürgern den Vortritt. Die Bürger interessiert besonders, welchen Einfluss Kommunen auf die Mobilfunkbelastung nehmen können. „Eine Kommune kann keine Grundsatzentscheidung treffen: Gibt es Mobilfunk oder keinen?“, stellt Lothar Gillé noch einmal klar. Die Experten empfehlen erneut: Dialog ist die bestmögliche Lösung.

Wie man sich zu Hause schützen könne, will jemand anderes wissen. Zu Hause könne jeder die Strahlung dadurch minimieren, dass man bewusster mit WLAN-Router, Handy und schnurlosem Telefon umgeht: Von diesen gehe die größte Strahlenbelastung aus, findet Jörn Gutbier. Er sagt: Es muss eine Trennung von Außennetz und Innenraum geben. Diese Alternative finden seine Diskussionspartner aber wenig praktikabel. Ein großes Thema ist auch die Ausrüstung von Schulen und Krankenhäusern mit WLAN: Hier solle man besonnen vorgehen, finden die Experten.

Am Mittwochabend, 24. März, hat die interkommunale Info-Veranstaltung zum Mobilfunkstandard 5G stattgefunden, die der Kernener Gemeinderat seit langem gefordert hat. Die Gemeinden Kernen, Rudersberg und die Stadt Weinstadt fungierten als Veranstalter. Wegen Corona konnten Interessierte nur via Livestream teilnehmen. Als Redner geladen waren der 5G-Kritiker Jörn Gutbier von der Umwelt- und Verbraucherschutzorganisation „Diagnose:Funk“, der Tüv-Sachverständige Thomas Gritsch und Lothar Gillé

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