Kernen

Altenberger abgewählt, Paulowitsch gewinnt überraschend deutlich

1/2
25b81d8f-006e-4f9d-b4c1-f8d33aa4dbfb.jpg_0
Der Verlierer verhält sich fair. Amtsinhaber Stefan Altenberger wünscht seinem Nachfolger Benedikt Paulowitsch "Alles Gute". © ZVW/Benjamin Büttner
2/2
_5
Sebastian Striebich.

Kernen. Paukenschlag in Kernen: Nach 16 Jahren als Kernener Bürgermeister muss Stefan Altenberger seinen Schreibtisch im Rathaus räumen. Bereits im ersten Wahlgang unterlag er seinem Herausforderer Benedikt Paulowitsch. Der 31-Jährige war erst Ende August in den Wahlkampf eingestiegen – und hat seither satte 55 Prozent der Wähler von sich überzeugt.


Der Wahlabend im Liveblog - jetzt hier nachlesen.


Als einige Minuten nach 18 Uhr das erste Zwischenergebnis auf der Leinwand im Bürgerhaus eingeblendet wurde, ging ein Raunen durch den Saal. Herausforderer Benedikt Paulowitsch hatte es im ersten von 14 Wahlbezirken auf 52,7 Prozent geschafft, Amtsinhaber Stefan Altenberger auf nur 46 Prozent. Es sollte nicht besser werden für den Bürgermeister. Ergebnis für Ergebnis tauchte in den folgenden Minuten auf der Leinwand auf – und stets überragte der orangefarbene Balken Paulowitschs den blauen Balken Altenbergers. Als der Amtsinhaber gegen 18.30 Uhr mit seiner Familie den Saal betrat, war die Messe schon gelesen. Nur einen einzigen Wahlbezirk entschied der 55-Jährige für sich. Am Ende stand eine bittere Niederlage für den schwer getroffenen Altenberger, der so gerne eine dritte Amtszeit in Kernen angetreten hätte.

Wen man auch fragte im Bürgerhaus: Mit einem klaren Ergebnis für den Herausforderer gleich im ersten Wahlgang hatte – inklusive der mitfühlenden Bürgermeisterkollegen Altenbergers aus den umliegenden Kommunen – kaum einer gerechnet. Der Amtsinhaber landete schließlich bei 43,52 Prozent, Paulowitsch vereinte 55 Prozent der Wählerstimmen auf sich. Unter ferner liefen: Samuel Speitelsbach (0,75 Prozent) und Thomas Hornauer (0,39 Prozent).

Große Freude beim Wahlsieger

Große Freude herrschte naturgemäß beim Wahlsieger. Als kurz vor 19 Uhr auch die Briefwahlbezirke ausgezählt waren und damit sein Erfolg unumstößlich, küsste Benedikt Paulowitsch als Erstes seine Verlobte Chantal Wende. Dann nahm er die Glückwünsche von Familie und Freunden entgegen und schließlich – der Beigeordnete Peter Mauch hatte gerade das vorläufige amtliche Wahlergebnis verkündet – auch die Gratulation Stefan Altenbergers und dessen Frau Gisela.

In einer kurzen Rede richtete Paulowitsch kurz darauf auch einige Worte an den Bürgermeister, der das Bürgerhaus zu diesem Zeitpunkt aber schon verlassen hatte: „Das ist heute ein schwerer und auch einschneidender Abend für Sie. Ich möchte Ihnen mitteilen: In den letzten Wochen sind mir unglaublich viele Menschen begegnet, die sehr dankbar sind für das, was Sie in den letzten 16 Jahren hier erreicht haben. Kernen steht sehr gut da, das ist zu einem erheblichen Teil auch Ihr Verdienst.“

Er, richtete Paulowitsch seine Worte an die Anwesenden im Bürgerhaus, nehme die Wahl „motiviert, mit viel Freude, aber vor allem in großer Demut“ an. Er freue sich darauf, Kernen gemeinsam mit den Bürgern voranzubringen, spüre aber „einen gewissen Rucksack auf meinen Schultern, jetzt schon, vor Amtsantritt“.

Und er werde auch Fehler machen, so Paulowitsch, „diese möchte ich zugeben und ich möchte mit Ihnen daran arbeiten, dass Dinge besser werden.“


So geht es jetzt weiter in Kernen

Benedikt Paulowitsch (31) hat die Wahl gewonnen. Noch ist von einem vorläufigen amtlichen Wahlergebnis die Rede. Bereits am Sonntagabend tagte in Kernen der Gemeindewahlausschuss unter dem Vorsitz des Beigeordneten Peter Mauch. An diesem Montag nun statten die Prüfer der Kommunalaufsicht Kernen einen Besuch ab. Viel ändern dürfte sich am Ergebnis aber nicht mehr. Die Amtszeit von Bürgermeister Stefan Altenberger endet offiziell am 31. Oktober. Bis zur Amtseinsetzung seines Nachfolgers dürften indes mehrere Wochen vergehen.

Es könnte Paulowitsch allerdings auch ähnlich ergehen, wie bereits einigen frisch gewählten Bürgermeistern vor ihm: Wenn die Rechtmäßigkeit der Wahl vor Gericht angefochten wird – und genau diesen Schritt hat Mitbewerber Thomas Hornauer am Wahlabend angekündigt – könnte es sein, dass Paulowitsch zunächst als „Amtsverweser“ antreten muss. Er hätte dann alle Rechte und Pflichten eines Bürgermeisters, dürfte aber nicht im Gemeinderat abstimmen.


Nerv getroffen

Ein Kommentar von Sebastian Striebich

Warum wird gute Arbeit nicht honoriert? Das fragte ein Anhänger des abgewählten Bürgermeisters Stefan Altenberger am Sonntagabend.

Die einfache Antwort: Wahlen sind keine Belohnung für Geleistetes. Diese These vertritt der Wissenschaftler Timm Kern. In einem Interview mit der Badischen Zeitung zur Abwahl des Freiburger OB sagt Kern, der zu diesem Thema eine ganze Studie veröffentlicht hat: „Ein Herausforderer hat keine Vergangenheit vor Ort, ist noch keinem auf die Füße getreten, auf ihn lassen sich die verschiedensten Wünsche projizieren.“

In Kernen nutzte das Benedikt Paulowitsch in seinem perfekt organisierten Wahlkampf. Zwar hat Altenberger grundsätzlich einen guten Job gemacht, daran herrschen kaum Zweifel. Was ihm aber vorgeworfen wurde: fehlendes Feingefühl, Überheblichkeit. Paulowitsch traf den Nerv vieler Kernener mit seinem Versprechen, „jedem auf Augenhöhe zu begegnen“. Altenbergers Selbstkritik im Wahlkampf – er sei „vielleicht das ein oder andere Mal zu forsch aufgetreten“ – kam zu spät.