Kernen

Der Verfall der Hangweide in Kernen: Was ist auf dem Gelände in den vergangenen Jahrzehnten passiert - und was bringt die Zukunft?

Hangweide
Das einstige Schwimmbad in der Hangweide, in dem viele Kernener schwimmen lernten. © Benjamin Büttner

Wenn sich am Samstag, 3. Oktober 2020, während des Spaziergangs durch die Kernener Hangweide unter den Teilnehmern Melancholie breitmachte, so lag dies nicht nur an dem grauen wolkenverhangenen Himmel und dem scharfen Wind, der über das Gelände pfiff. „Es ist die Erkenntnis, dass auch Gebäude vor Einsamkeit sterben, wenn sie verlassen werden“, brachte es ein Besucher auf den Punkt.

Am 12. September 2017 gab die Diakonie alles auf

Ein Dutzend Bürger konnte Ulrich Lang, Vorstandsmitglied des Vereins Heimat und Kultur Kernen, auf dem Parkplatz bei der ehemaligen Gärtnerei zum zweiten Samstagsrundgang begrüßen. Die Hangweide wurde am 12. September 2017 von der Diakonie Stetten aufgegeben, lediglich der sogenannte Anna-Kaiser-Komplex wird weiterhin genutzt.

Die einstmals geschützte Wohnanlage für Menschen mit Behinderung stelle ein Stück Kernener Ortsgeschichte dar, erläuterte Lang. Mit seinen geführten Rundgängen, die noch bis Ende Oktober angeboten werden, wolle der Verein für Heimat und Kultur diese „erlebbar und ergehbar“ machen.

Wohnraum für 1200 Menschen

Ende Oktober wird auch der Sieger des Wettbewerbs gekürt, mit dem Projekte zur städtebaulichen Entwicklung der Hangweide vorgestellt werden sollen. Auf acht Hektar städtebaulicher Fläche, die von der Gemeinde Kernen und zwei Projektpartnern erworben wurden, sollen Wohnungen und ein Quartier für 1200 Menschen entstehen, wobei der wertvolle Baumbestand so weit wie möglich erhalten werden soll.

Die Anstalt Stetten kaufte das Gelände 1936

Auf dem Gelände, berichtete Ulrich Lang, wurde um das Jahr 1865 eine Ölmühle erbaut, später fand dort die „Wahler’sche Manufaktur“, ein über das Remstal hinaus bekannter Hersteller von Mostpressen, ihren Standort. Die Anstalt Stetten erwarb das Gelände 1936 und richtete auf ihm eine Jungviehzuchtanlage und Schweinemästerei ein.


Küche für Ausgebombte

Als die Anstalt 1940 in der Nazi-Zeit beschlagnahmt wurde, beherbergte sie zunächst eine Modellfliegerschule der deutschen Luftwaffe, dann bis zum Kriegsende eine Katastrophenküche der Stadt Stuttgart, über die Ausgebombte versorgt wurden. Im Herbst 1945 wurde das Gelände an die Diakonie Stetten zurückgegeben, zwischen 1956 und 1958 wurden insgesamt acht in lockerer Bauweise angelegte Wohnhäuser für 320 Bewohner errichtet, eine zur damaligen Zeit modellhafte Anlage, die mit ihren Wegen, Wiesen und Bäumen dörflichen Charakter hatte.

Die Umzäunung verlieh ihr gemäß der damaligen Konzeption von Heimunterbringung und Pflege den Charakter einer geschützten Anlage, in der sich die Bewohner frei bewegen konnten. Anfangs waren lediglich die Gebäude des Männer- und des Frauendorfs durch einen nach ein paar Jahren wieder entfernten Zaun voneinander getrennt.

Betten im Schlafzimmer dürfen nicht länger als 1,80 Meter sein

Der Rundgang begann in einem der baugleichen Wohnhäuser, die jeweils vier „Familien“ beherbergten, zehn Personen, für die zwei Schlafzimmer, ein Aufenthaltsraum, Toilette und Waschraum bereitstanden. Der ursprüngliche Entwurf für die Wohnhäuser, erzählte Ulrich Lang, wurde von der Tochter des Anstaltsleiters Ludwig Schlaich, Brigitte, aus Ersparnisgründen überarbeitet, mit dem Ergebnis, dass die Betten in den Schlafzimmern nicht länger als 1,80 Meter sein durften.

Fotos von der Faschingsfeier 2012

Verfall und Auflösung bestimmen auch das Bild in dem in den 70er Jahren entstandenen Beton- und Glasbunker, der einst ein Schwimmbad, Turnhalle, Therapiezentrum, Speisesaal und Werksräume beherbergte. Noch hängen Fotos von einer Faschingsfeier im Jahr 2012 und Reste von Weihnachtsgirlanden an der Wand, aber der Fußboden des einst mit Fördermitteln der „Glücksspirale“ errichteten, großzügigen Hallenbads ist an zahlreichen Stellen zerbrochen, die Decke ist undicht. „Hier haben einst viele Kerner Bürger Schwimmen gelernt“, resümiert Ulrich Lang, „bevor das Bad Anfang des Jahrtausends geschlossen wurde, weil der Betrieb zu teuer wurde.“


Blick in den alten Kirchensaal

Das Hauptproblem stellten hingegen Baustoffe dar, die heutzutage nicht mehr verwendet werden könnten. Nicht möglich ist an diesem Tag auch, einen Blick in den Kirchensaal zu werfen, dessen Fenster noch an die Gottesdienste erinnern, die einst in ihm gefeiert wurden, „die Türschlösser sind leider blockiert und lassen sich nicht öffnen“, bedauert Lang.

Es stimme sie traurig, so eine Besucherin, wenn sie sich vorstelle, dass die Hangweide einst Heimat mehrerer Hundert Menschen war, und wie sie nun verlassen dem Verfall preisgegeben sei. Es sei nur zu hoffen, dass hier bald neues Leben Einzug halte und die zukünftigen Bewohner hier glücklich werden, „so wie sich mittlerweile auch die Sonne gegen den Regen durchgesetzt hat und runterstrahlt“.

Wenn sich am Samstag, 3. Oktober 2020, während des Spaziergangs durch die Kernener Hangweide unter den Teilnehmern Melancholie breitmachte, so lag dies nicht nur an dem grauen wolkenverhangenen Himmel und dem scharfen Wind, der über das Gelände pfiff. „Es ist die Erkenntnis, dass auch Gebäude vor Einsamkeit sterben, wenn sie verlassen werden“, brachte es ein Besucher auf den Punkt.

Am 12. September 2017 gab die Diakonie alles auf

Ein Dutzend Bürger konnte Ulrich Lang,

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper