Kernen

Diakonie Stetten: Schon wieder Lohnkürzungen bei den Remstal-Werkstätten

Diakonie Stetten
Sitz der Diakonie in Stetten. © Benjamin Büttner

Die Corona-Pandemie hat auch die Diakonie Stetten empfindlich getroffen: Vor einem Jahr wurde deshalb den Mitarbeitern in den Remstal-Werkstätten der Lohn gekürzt. Seit rund einem Jahr läuft der Betrieb wieder weitestgehend normal – und trotzdem verdient ein großer Teil der Werkstattmitarbeiter nun noch weniger. Die Betroffenen sind frustriert und beklagen Intransparenz.

Bei unserer Redaktion haben sich Menschen gemeldet, die entweder selbst seit neustem noch weniger Lohn bekommen, oder deren Angehörige betroffen sind. Zwei Betroffene waren bereit, mit uns über ihre Situation zu sprechen. Unter der Voraussetzung, dass sie anonym bleiben – sie haben Angst, ihren Job zu verlieren. Deswegen sind die Namen im Folgenden geändert.

Siegfried Haller ist Teilzeitkraft bei den Remstal-Werkstätten. Seit September bekommt er drei Euro weniger Lohn pro Monat, insgesamt weniger als 120 Euro. Eine „Schweinerei“, findet der Mitarbeiter. Er ist zunehmend unzufrieden mit den Arbeitsbedingungen bei der Diakonie Stetten. Ein Verwaltungsapparat, der immer größer und komplexer werde, ohne dabei wirklich effizient zu sein, bemängelt Haller. Sozial sei hier alles – nur eben die Löhne nicht.

Mehr als 100 Euro weniger seit Anfang 2020

Ein weiterer Betroffener ist Walter Müller. Seit mehreren Jahrzehnten arbeitet er in den Remstal-Werkstätten – an einem ausgelagerten Arbeitsplatz bei einem großen Unternehmen. Jeden Tag führt er ganz verschiedene Arbeitsschritte aus, bedient mehrere Maschinen, verschiedenes Werkzeug und sogar Fahrzeuge. Walter Müller ist stolz auf seine Arbeit. Sein Chef sei immer froh, wenn Walter vom Urlaub zurückkomme, berichtet seine Mutter. Denn er packt richtig an. „Ohne mich bleibt ja dort alles liegen“, findet Walter Müller.

Umso größer der Schreck, als die Gehaltsabrechnung kommt: Für die gleiche Arbeit verdient er nun noch weniger – keine 200 Euro mehr im Monat. Anfang 2020 waren es noch über 100 Euro mehr gewesen. Walter Müllers Eltern, die seine gesetzlichen Vertreter sind, fühlen sich vor den Kopf gestoßen. Sie hätten versucht, nachzuvollziehen, wie sich der Lohn ihres Sohnes überhaupt zusammensetzt – bislang ohne Erfolg. Was sich die Müllers von der Diakonie wünschen, ist vor allem mehr Transparenz.

So setzt sich der Lohn zusammen

Der Lohn, den die Diakonie den Menschen mit Behinderung zahlt, setzt sich insgesamt aus drei Komponenten zusammen: Zum einen ist da der sogenannte Grundbetrag. Er ist in Deutschland gesetzlich geregelt und beträgt dieses Jahr 99 Euro im Monat. Der Steigerungsbetrag wird zusätzlich zum Grundbetrag ausgezahlt – wer wie viel bekommt, bemisst sich an der jeweiligen Leistung der Person und dem Gewinn, den die Werkstätten erwirtschaften. Gesetzlich ist jedoch festgelegt, dass 70 Prozent des Umsatzes (laufende Kosten abgezogen) direkt an die Mitarbeiter ausgeschüttet werden müssen (Paragraf 12 der Werkstättenverordnung (WVO). Nur maximal 30 Prozent dürfen und sollen als Reserve zurückgelegt werden.

Als dritte Komponente gibt es das sogenannte Arbeitsförderungsgeld (AFöG). Dieses wird von der Bundesagentur für Arbeit zusätzlich gezahlt und beträgt momentan 52 Euro pro Monat. Wer auch ohne diesen Zuschlag schon mehr als 299 Euro im Monat verdient, bekommt kein Arbeitsförderungsgeld.

Diakonie hat Corona-Hilfen im sechsstelligen Bereich erhalten

Von September 2020 bis August 2021 wurde der Steigerungslohn in der Diakonie stark gekürzt. Begründet wurde diese Maßnahme durch die coronabedingte viermonatige Schließung der Werkstätten. Zwischenzeitlich hat die Diakonie aber auch Corona-Hilfen vom Staat zur Sicherung der Arbeitsentgelte in „niedriger sechsstelliger Höhe“ erhalten. Das berichtet Pressesprecher Steffen Wilhelm auf Nachfrage unserer Redaktion. Diese Hilfen seien komplett an die Beschäftigten ausgeschüttet worden.

Doch wieso verdienen Siegfried Haller und Walter Müller dann jetzt wieder weniger? Anfang September sei ein neues Entgeltsystem in Kraft getreten, teilt der Diakonie-Pressesprecher mit. Dieses sei schon vergangenes Jahr mit dem Werkstatt-Rat abgesprochen worden und soll „krisenfester“ sein als das bisherige. So seien Sonderzahlungen möglich, wenn das Arbeitsergebnis besser ausfällt als erwartet. Aber auch weitere Senkungen des Steigerungsbetrags, wenn das Arbeitsergebnis schlechter ausfällt als erwartet. „Allerdings erst dann, wenn geprüft worden ist, ob man bei den Investitionen sparen kann“, sagt Wilhelm.

Mitarbeiter werden jetzt anders bewertet

Teil der Lohnanpassung ist auch ein „überarbeitetes Bewertungssystem für den individuellen Steigerungslohn“. „Nach den angepassten Bewertungskriterien erhält rund die Hälfte der Beschäftigten einen höheren Steigerungslohn, bei knapp zehn Prozent bleibt der Steigerungslohn gleich, und die restlichen rund 40 Prozent erhalten weniger als vorher.“ Zu diesen 40 Prozent gehören auch die beiden Mitarbeiter, die mit unserer Redaktion gesprochen haben.

Die Diakonie bedauere, dass diese Menschen jetzt noch mal weniger Geld bekommen, so der Pressesprecher. Er sieht allerdings vor allem die Politik in der Pflicht: „Der Bundestag hat die Bundesregierung aufgefordert, zu prüfen, wie ein transparentes, nachhaltiges und zukunftsfähiges Entgeltsystem entwickelt werden kann.“

Arbeiten für wenige Cent pro Stunde

Die Diakonie Stetten bewegt sich mit den Remstal-Werkstätten in einem schwer greifbaren Spannungsfeld: Die Aufgaben einer sozialen Einrichtung, die den Menschen im Mittelpunkt haben sollte, treffen auf wirtschaftliche Interessen und betriebswirtschaftliche Grundsätze.

Auf der einen Seite verdienen die Werkstattmitarbeiter, die durchschnittlich laut Diakonie 6,3 Stunden am Tag arbeiten, umgerechnet nur wenige Cent pro Stunde. Das wird damit gerechtfertigt, dass es sich bei den Werkstätten ja um keine gewöhnlichen Arbeitsplätze in der freien Wirtschaft handle. Auch sei der Lohn für die Menschen mit Behinderung ja nur „eine ergänzende Zahlung zur Honorierung der Arbeitsleistung“: Wegen ihrer dauerhaften Erwerbsminderung erhalten die Beschäftigten nämlich Leistungen der Grundsicherung oder eine Erwerbsminderungsrente zusätzlich. Auf der anderen Seite werden die Werkstattmitarbeiter jetzt noch stärker nach wirtschaftlichen Kriterien bewertet: Wer nach Auffassung der Diakonie Stetten zu wenig Leistung erbringt, bekommt den Lohn gekürzt. Die Löhne könnten nur dann gesteigert werden, wenn die Arbeitsergebnisse auch besser werden, erklärt Steffen Wilhelm.

Auch Menschen mit Behinderung müssen Miete bezahlen

Wie die Realität der Werkstattmitarbeiter wirklich aussieht, weiß Ebbe Buhl von der Sozialintegrativen Alltagsbegleitung (SOA) mit Sitz in Schorndorf. „Es kommen in der Regel schon zwischen 700 und 900 Euro Rente dazu“, erklärt er.

Trotzdem: Mit dem Werkstattgehalt der Diakonie sind das im besten Fall um die 1100 Euro Einkommen im Monat. Davon muss in den meisten Fällen auch noch die Miete für eine Wohnung bezahlt werden – nur wer Grundsicherung bekommt, bekommt die Kosten für Unterkunft und Heizung übernommen. „Da muss man wirklich sparen“, sagt Ebbe Buhl.

Auch einer seiner Klienten ist von der neusten Lohnkürzung betroffen. „Er möchte wissen, warum“, sagt der erfahrene Heilerziehungspfleger. Viele Jahre hat er selbst Menschen mit Behinderung in Werkstätten betreut. Dieser Form der Betreuung hat er aber mittlerweile den Rücken gekehrt.

Seiner Meinung nach wäre es für Menschen mit Behinderung weitaus besser, wenn es gar keine solchen Werkstätten mehr gäbe. „Von der Inklusion sind wir dort nämlich Lichtjahre entfernt“, sagt Ebbe Buhl. Auf dem freien Arbeitsmarkt gebe es inzwischen genug Möglichkeiten auch für Menschen mit Behinderung - zu besseren Konditionen.

Die Corona-Pandemie hat auch die Diakonie Stetten empfindlich getroffen: Vor einem Jahr wurde deshalb den Mitarbeitern in den Remstal-Werkstätten der Lohn gekürzt. Seit rund einem Jahr läuft der Betrieb wieder weitestgehend normal – und trotzdem verdient ein großer Teil der Werkstattmitarbeiter nun noch weniger. Die Betroffenen sind frustriert und beklagen Intransparenz.

Bei unserer Redaktion haben sich Menschen gemeldet, die entweder selbst seit neustem noch weniger Lohn bekommen,

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper