Kernen

Die Gründungsväter wären stolz

1/4
Die Gründungsväter wären stolz_0
Der Musikverein mag’s laut: Unser Foto wurde beim „Classic, Pop & Rock“-Konzert (CRP) im Jahr 2011 auf dem Marktplatz von Rommelshausen aufgenommen. © ZVW/Andrea Pavlovic (Archiv)
2/4
_1
1919 – der Musikverein Rommelshausen wird gegründet.
3/4
_2
Der Vereinsvorsitzende Josef Gschwandl.
4/4
CRP Open-Air des Musikverein Rommelshausen, 29.05.2019.
Rockig, poppig, frech wie hier beim CRP-Open-Air vor wenigen Wochen. © Benjamin Beytekin

Kernen. 100 Jahre hat der Musikverein Rommelshausen mittlerweile auf dem Buckel – kaum zu glauben, wenn man bedenkt, wie frisch und modern er sich bei seinen Jubiläumsfeierlichkeiten präsentiert hat. Dabei ist auch beim Musikverein nicht alles eitel Sonnenschein, wie der langjährige Vorsitzende Josef Gschwandl berichtet. Der Verein bräuchte mehr engagierte Ehrenamtliche im Hintergrund. Richtig gut läuft’s beim Kerngeschäft: der Musik.

Der Vorsitzende Josef Gschwandl (57) ist sicher: Die Gründungsväter des Musikvereins aus dem Jahr 1919 wären stolz, wenn sie die „Römer“ Musiker heute sehen könnten. „Aus kameradschaftlichen musikliebenden Freunden wurde der Verein zusammengestellt in festem Glauben, dass der Musikverein sowie die Kameradschaft in ferneren Zeiten blühen und gedeihen möge, zum Wohle der Gemeinde“ – das hatten die zehn Gründer am 14. Juni vor 100 Jahren ins Protokoll ihrer ersten Versammlung geschrieben.

Nun hat der Musikverein tatsächlich sein Jahrhundert-Jubiläum gefeiert, gleich mehrere Tage lang. Das Feedback der Gäste sei sehr gut gewesen, berichtet Gschwandl, nur sonntags, zum Familientag am Bürgerhaus, seien viel zu wenig Leute gekommen. „Mit Spenden fangen wir das auf“, hofft er.

Finanzielle Zuwendungen gab es zum Jubiläum glücklicherweise eine ganze Menge, auch auf eigene Initiative von Vereinsmitgliedern hin. Das Open-Air-Konzert CRP (Classic, Rock, Pop) bei Getränke Seefried war zwar ein großer Erfolg, ebenso das Gastspiel des Hofbräuregiments zwei Tage später an selber Stelle, so Gschwandl, aber es wäre auch hier Platz für ein noch größeres Publikum gewesen. Unterm Strich steht also ein gelungenes Jubiläum – wenn auch finanziell nicht so lohnend wie erhofft.

Der Musikverein ist sowieso mehr denn je auf die Unterstützung von Sponsoren angewiesen. Laut Gschwandl hat er in den vergangenen 25 Jahren rund 100 fördernde Mitglieder verloren. Die positive Nachricht lautet: Die Zahl der aktiven Musiker hat leicht zugenommen. Insgesamt hat der Musikverein 192 Mitglieder, das Durchschnittsalter der Aktiven liegt einer internen Statistik zufolge bei 28 Jahren.

Glücksgriff: Der Dirigent „kann richtig gut mit Menschen“

„Mit der Kapelle sind wir richtig gut unterwegs“, freut sich Gschwandl. Der Dirigentenwechsel 2017, als sich der Verein nach 22 Jahren von Georgi Lambrinov trennte, sei der richtige Schritt gewesen. Der Neue, Martin Wellmann, verstehe sich perfekt darauf, die Musiker zu motivieren: „Er kann richtig gut mit Menschen.“ Gschwandl selbst spielt auch in der Kapelle mit. „Nicht gut, aber mit Spaß“, sagt er und lacht..

Eine der größten Herausforderungen für den Verein ist die Nachwuchsarbeit. Hier ist der Musikverein eine erfolgreiche Kooperation mit der Musikschule Unteres Remstal und der Haldenschule eingegangen. „Das klappt wunderbar“, sagt Gschwandl. Die neu gegründete Bläserklasse sei für alle Beteiligten ein Gewinn.

Überhaupt will der Musikverein laut Gschwandl nicht eigenbrötlerisch vor sich hin werkeln. „Wir haben ein richtig gutes Miteinander mit den anderen Vereinen in Kernen“, ob bei der Römer Kirbe, dem Straßenfest oder jetzt bei den Jubiläumsfeierlichkeiten – „das haben alle erkannt, das man es nur gemeinsam schaffen kann“.

Eine freundschaftliche Beziehung pflege der Verein auch zum Musikverein in Stetten. Der hat kürzlich beim Festakt der „Römer“ im Bürgerhaus für Unterhaltungsmusik gesorgt: „Das war richtig gut“, sagt Gschwandl. „Man spielt miteinander, man tauscht sich aus.“ Ob die Kooperation vertieft werden soll, die Vereine sich gar zusammentun zu einem Musikverein Kernen? Nicht nötig, sagt Gschwandl, beide Vereine hätten ausreichend Leute und seien auf einem guten Weg. Älter ist übrigens der Stettener Musikverein: Er feierte das 100-Jahr-Jubiläum bereits 1986.

Ein Problem, das vielen Vereinen Bauchschmerzen bereitet, ist der Mangel an Ehrenamtlichen. Auch beim Musikverein Rommelshausen verteilt sich die Arbeit auf wenige Schultern. Zwar erledigt mittlerweile eine Geschäftsführerin auf Minijob-Basis die Verwaltung, doch es fehlt trotzdem an engagierten Helfern. „Das ist dramatisch, das muss sich dringend ändern“, sagt Gschwandl, „sonst wird es irgendwann zum Beispiel keine Kirbe mehr geben.“

Der 57-Jährige selbst wird den Musikverein wohl noch einige Jahre lang leiten. Doch andere Vorstandsmitglieder wollen nach 15, 20 Jahren Arbeit kürzertreten. Ein Beispiel: Gschwandls Frau Michaela, die kürzlich mit dem Ehrenamtspreis der Bürgerstiftung ausgezeichnet wurde. Sie ist seit 2002 Jugendleiterin. Josef Gschwandl selbst arbeitet gar seit 1987 im Vorstand mit. Nur dank solcher Schaffer wird ein Verein 100 Jahre alt – und hoffentlich noch viel, viel älter.


Ein bewegtes Jahrhundert

Das erste Konzert des Musikvereins, der damals eine Zehn-Mann-Kapelle war, fand an Silvester 1919 statt – auf einer Familienfeier. Um Instrumente kaufen zu können, hatten die Musiker sich von einem Geschäftsmann 400 Reichsmark geliehen.

Probleme machte die Inflation 1923: Auf dem Sommerfest des Vereins kostete eine Rote Wurst 300 Reichsmark, ein Krug Bier 1000 Reichsmark.

Die Zeiten nach 1929 waren geprägt von Arbeitslosigkeit und „schleppendem Beitragseingang“, doch der Verein fing sich wieder – ehe der Zweite Weltkrieg begann und die Kapelle auf fünf Mann schrumpfte. Der Rest wurde in die Wehrmacht einberufen. Als der Krieg vorbei war, waren acht Musiker im Krieg gefallen. Der Verein wurde zunächst aufgelöst. Im einzig erlaubten Verein, dem Sport- und Kulturverein, wurde aber weitergeprobt. 1948 wurden die Musiker wieder selbstständig und feierten 1949 ihr 30-Jahr-Jubiläum.

1954 erregte der Musikverein Aufsehen – weil beim Bundesmusikfest in Aalen ein Mädchen mitspielte: Heide Sommer, die erste Musikerin der Kapelle. „Aus heutiger Sicht ist schwer zu verstehen, dass dies durchaus Anlass für Kritik war“, heißt es in der Jubiläumsschrift. Als Siegerin ging ganz klar das Mädchen von damals aus der Diskussion hervor: Heide Sommer spielt noch heute im Musikverein.

1959 feierte der Verein sein 40-jähriges Bestehen. Die Kapelle trat zum ersten Mal in Einheitskleidung auf. 1960 wurde eine Jugendabteilung gegründet.

Es folgte eine Zeit der Großkonzerte und der Zusammenarbeit mit vielen anderen Kapellen und Gesellschaften. Das 50- Jahr-Jubiläum wurde groß gefeiert. Und zum 60. Jahrestag 1979 beschlossen die Musiker, ein Vereinsheim zu bauen. Es steht bis heute.

Anfang der 80er Jahre starben binnen weniger Wochen der Erste und Zweite Vorsitzende des Vereins an Herzversagen – der Verein musste sich neu aufstellen und erlebte in den Folgejahren ein Auf und Ab. Die Feier zum 70-Jahr-Jubiläum fiel dann etwas kleiner aus, die zum 75. im Jahr 1994 dafür wieder umso größer – 34 Gruppen nahmen an einem Festumzug durch Rommelshausen teil.

2006 beerbte der aktuelle Vorsitzende Josef Gschwandl seinen Vorgänger Jürgen Sommer. 2008 wurde unter Gschwandls Regie „CRP“ aus der Taufe gehoben: Das Open-Air-Konzert mit Classic, Rock und Pop ist heute die wohl wichtigste Veranstaltung im Kalender des Musikvereins.

Im selben Jahr sorgten ein Pächterwechsel und teure Renovierungsmaßnahmen im Vereinsheim für Unmut im Verein – es kam zu einigen Austritten. Zum ersten Mal musizierte der Musikverein in der Mauritius-Kirche.

2010 wurde die erste Bläserklasse gegründet – eine Kooperation mit der Haldenschule. Außerdem fand zum ersten Mal das „Festle unterm Apfelbaum“ statt, das in diesem Jahr Zehn-Jahr-Jubiläum feiert. 2015 installierte der Musikverein eine Fotovoltaik-Anlage auf seinem Vereinsheim. 2017 folgte Martin Wellmann als Dirigent auf Georgi Lambrinov. Und 2018 kamen so viele Besucher wie noch nie zum CRP-Konzert. 2019 feiert der Verein sein 100-jähriges Bestehen. Quelle: Jubiläumsschrift