Kernen

Ein Jahr Bürgermeister: Wie Benedikt Paulowitsch in der Krise in Kernen angekommen ist

Benedikt Paulowitsch
Der Umzug läuft, aber noch ist das Haus, das Bürgermeister Benedikt Paulowitsch in Stetten gekauft hat, nicht bezugsfertig. © Benjamin Büttner

Eine ruhige Eingewöhnungsphase war Benedikt Paulowitsch nicht vergönnt: Seit einem Jahr ist der 32-Jährige jetzt Bürgermeister von Kernen – seit einem Dreivierteljahr herrscht wegen der Corona-Pandemie ein nie da gewesener Ausnahmezustand im Rathaus. Neben seinem plötzlichen Job als Krisenmanager hat Paulowitsch geheiratet und ein Haus in Stetten gekauft. Zurzeit schläft der Rathauschef aber auf einer Luftmatratze in Rommelshausen, wie er in einem aktuellen Podcast verrät. Und noch immer hat er kein Stimmrecht im Gemeinderat. Fest steht: Das erste Jahr in seinem Traumberuf hat sich Paulowitsch ganz anders vorgestellt. Trotzdem ist er angekommen in Kernen. Das dürfte auch daran liegen, dass seine Stärken in den zurückliegenden Monaten besonders gefragt waren.

Seine Wahlkampf-Agenda: Ein politischer Stilwechsel

Es gab nach der Wahl in Kernen nicht wenige, insbesondere Anhänger des langjährigen Bürgermeisters Stefan Altenberger, die sagten sinngemäß: „Der Paulowitsch setzt sich ins gemachte Nest.“ Schließlich hatte sein Vorgänger die Gemeinde schuldenfrei übergeben, zwei neugestaltete Ortszentren und viele zahlungskräftige Gewerbetreibende inklusive. Ja, er hatte sogar vor seiner Abwahl noch die zähen Verhandlungen mit der Diakonie Stetten um das Wohnbaugebiet Hangweide zu Ende geführt. Der Neue, sagten die Kritiker, müsse alles, was gut läuft in Kernen, einfach nur so weiterlaufen lassen. Vielleicht war diese ablehnende Haltung gegenüber Paulowitsch, der es gewagt hatte, einen erfolgreichen Bürgermeister aus dem Rathaus zu verdrängen, zu pauschal – aber auch nicht völlig unbegründet. Ohne Zweifel übernahm Paulowitsch im November 2019 eine gut aufgestellte Gemeinde. Außerdem hatte er im Wahlkampf selbst keine großen inhaltlichen Kursänderungen angekündigt, sondern eher einen Stilwechsel: mehr Kompromissbereitschaft, Transparenz und Kommunikation auf Augenhöhe. Bei vielen traf Paulowitsch einen Nerv, andere hielten seine Ankündigungen für Sonntagsreden.

Doch dann, Benedikt Paulowitsch war gerade etwas mehr als drei Monate im Amt, brach die Corona-Krise über Europa herein. Bürgermeister waren als Krisenmanager gefragt. Der Neuling im Kernener Rathaus wurde ins kalte Wasser geworfen – und nutzte die Gelegenheit, sein Profil zu schärfen.

Auch wenn er heute klagt über Projekte, die wegen Corona aufgeschoben werden mussten, und seine Mitarbeiter bedauert, die im Jahr nach der Remstal-Gartenschau eigentlich Überstunden abbauen sollten – plötzlich waren genau die Qualitäten gefragt, mit denen er die Bürgermeisterwahl für sich entschieden hatte: Bürgernähe, Kommunikation, Transparenz.

"Ich glaube, dass wir gute Arbeit geleistet haben"

In einem aktuellen Podcast des Zeitungsverlags sagt der 32-Jährige über das Krisenmanagement der zurückliegenden Monate: „Ich glaube, dass wir in Kernen sehr gute Arbeit geleistet haben, aber das betrifft nicht nur mich als Einzelperson, sondern das gesamte Team im Rathaus und viele weitere Akteure.“ In der Krise seien Transparenz und Offenheit besonders wichtig, „um die Bevölkerung zu sensibilisieren, was den Ernst der Lage angeht, aber auf der anderen Seite auch, um zu beruhigen, um Klarheit zu schaffen“.

Darum drehte der Bürgermeister im Frühjahr Videos, veröffentliche Fotos aus Treffen mit dem Krisenstab, beantwortete Fragen von Bürgern auf Social Media. „Man muss auch immer aufpassen, dass man den Bogen nicht überspannt“, sagt er heute. Doch von vielen in Kernen hat er Lob geerntet für seine ausführliche Informationspolitik. Man könnte sagen: Benedikt Paulowitsch ist in der Krise so richtig in Kernen angekommen.

Einblicke ins Schlafzimmer: 

Das gilt nicht nur im übertragenen Sinne. Nach der Hochzeit mit seiner Verlobten Chantal Wende im September in der Glockenkelter ist der Bürgermeister, wie im Wahlkampf angekündigt, von Leutenbach nach Kernen gezogen. Zur Hochzeitsfeier hatte der 32-Jährige die Presse eingeladen. Auch gegen ein Zeitungsfoto in seinem noch kahlen Wohnzimmer in Stetten hat er nichts einzuwenden. Und im Podcast "Striebich trifft Paulowitsch" gibt er sogar Einblicke in sein Schlafzimmer: Weil das Haus in Stetten noch nicht bezugsfertig sei, schlafe er derzeit auf einer Luftmatratze in einer vorübergehend leerstehenden Wohnung in Rommelshausen, erzählt Benedikt Paulowitsch und lacht.

„Das wichtigste Instrument, das ich habe, ist Fairness“

Solche Geschichten schaffen Nähe. Sich vom Rest der Kernener abzukapseln fällt Paulowitsch nicht ein. Er weiß, dass er als Bürgermeister ohnehin immer im Dienst ist. Anfragen per Social Media lassen sein Smartphone auch beim Abendessen vibrieren. Eine klare Trennung zwischen Privatem und Beruflichem wäre ohnehin schwierig in einer kleinen, aber lebendigen Gemeinde wie Kernen. Insbesondere, wenn es zum eigenen Politikstil gehört, wirklich auf jede Frage bei Instagram oder Facebook so schnell wie möglich zu antworten.

„Das wichtigste Instrument, das ich habe, ist Fairness“, sagt Benedikt Paulowitsch, „und die Behandlung von allen Interessen auf die gleiche Art und Weise.“ Es schreiben ihm zwar überwiegend Kernener, die ihm sehr wohlwollend gesinnt sind, aber eben nicht nur. Dass er als neuer Rathauschef darüber hinaus auch Kritiker hat, die sich nicht per Privatnachricht an ihn wenden, sondern lieber über ihn sprechen, ist Paulowitsch bewusst. Nach der Bürgermeisterwahl 2019 hieß es, er müsse „Gräben zuschütten“, die Lager versöhnen. Ist ihm das gelungen? „Ich bin auf einige Persönlichkeiten im Ort zugegangen, die sicherlich nicht dem Lager angehört haben, das mich unterstützt hat.“ Das Klima im Gemeinderat habe sich stark verbessert.

Sängerheim: "Einfach mal die Kirche im Dorf lassen"

Das heißt nicht, dass in Kernen Friede, Freude, Eierkuchen herrscht. Beim aktuellen Streitthema Sängerheim, das im kommenden Jahr nicht geöffnet sein wird, wiegelt Benedikt Paulowitsch ab: „Zum Sängerheim grassieren die wildesten Gerüchte. Da muss man auch einfach mal die Kirche im Dorf lassen.“ Entgegen anderslautender Vorwürfe wolle er das Sängerheim unbedingt erhalten. Weitere Dauerbrenner abseits der Corona-Pandemie werden für Paulowitsch in den kommenden Jahren unter anderem das Pflegekonzept („beinahe fertig“) und natürlich die Entwicklung der Hangweide („macht unglaublich großen Spaß“) mit allem, was das neue Kernener Viertel an weiteren Aufgaben mit sich bringt: von Verkehr bis Kinderbetreuung. Krisenmanager Paulowitsch wird in den kommenden sieben Jahren ausreichend Gelegenheit dazu haben, sich auch im Alltagsgeschäft zu beweisen.

Früher oder später wird er dann auch an Abstimmungen im Gemeinderat teilnehmen dürfen. Wegen der Wahlanfechtung Thomas Hornauers ist Paulowitsch immer noch offiziell nur „Amtsverweser“. Er darf den Bürgermeistertitel zwar führen, ist aber im Gremium nicht stimmberechtigt. Wann sich das ändert, ist nicht absehbar. Paulowitsch sagt: „Unsere Justiz ist leider auch sehr überlastet. Ich vermute, dass der Vorgang auf einem Aktenstapel liegt und irgendwann auch bearbeitet wird. Aber noch mal: Das tangiert mich im Alltag überhaupt nicht.“ Bislang stehe er dem Gemeinderat in einer Form vor, dass es auf seine Stimme nicht ankomme – „und das ist ja auch ein ganz gutes Zeichen“.

Eine ruhige Eingewöhnungsphase war Benedikt Paulowitsch nicht vergönnt: Seit einem Jahr ist der 32-Jährige jetzt Bürgermeister von Kernen – seit einem Dreivierteljahr herrscht wegen der Corona-Pandemie ein nie da gewesener Ausnahmezustand im Rathaus. Neben seinem plötzlichen Job als Krisenmanager hat Paulowitsch geheiratet und ein Haus in Stetten gekauft. Zurzeit schläft der Rathauschef aber auf einer Luftmatratze in Rommelshausen, wie er in einem aktuellen Podcast verrät. Und noch immer hat

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