Kernen

Eine Familie für Alfred

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Alfred Krammer (links) und seine Pflegeeltern Dörthe und Wilfried Kneisel in Fellbach. © Palmizi/ZVW

Kernen-Stetten. Seit er ein kleiner Junge ist, feiert Diakonie-Mitarbeiter Alfred Krammer Weihnachten bei Kneisels in Fellbach. Als Junge mit geistiger Behinderung lebte er ohne Eltern zunächst in einem Säuglingsheim, dann in der Diakonie. Dörthe und Wilfried Kneisel übernahmen die Patenschaft, zeigten ihm die Welt außerhalb der Schlossmauern und schenkten Alfred Krammer, was ihm am meisten fehlte: eine Familie.

November 1971: Alfred Krammer ist erst wenige Tage alt, als ihn die Schwestern eines Säuglingsheims in Leingarten bei Heilbronn in ihre Obhut nehmen. Die kranke Mutter des kleinen Alfred hatte ihn weggegeben. Der Vater, vermutlich Alkoholiker, war längst über alle Berge verschwunden, als sein Sohn zur Welt kam. Das Heim wird Alfreds Zuhause sein für die kommenden sechs Jahre. Seine leiblichen Eltern wird er nie kennenlernen. Auch heute, im Alter von 47 Jahren, weiß der Mann, der eine geistige Behinderung hat, kaum etwas über sie, nur dass die Mutter mittlerweile tot ist.

Diese traurige Geschichte ist glücklicherweise nicht alles, was es über Alfred Krammers Leben zu erzählen gibt. Er wohnt heute weitgehend selbstständig in einer Wohngemeinschaft der Diakonie in Strümpfelbach, arbeitet in der Stettener Einrichtung beim Hausmeisterdienst und bezeichnet sich selbst als „glücklich“.

Er ist Teil der Familie – auch wenn er nie „Mama“ und „Papa“ sagte

Das liegt zu einem guten Teil an Dörthe und Wilfried Kneisel. Die beiden 79-Jährigen sind Alfred Krammers Pateneltern. Und auch wenn er sie nie „Mama“ und „Papa“ nannte und seit er erwachsen ist, am liebsten „Herr und Frau Kneisel“ sagt, ist er definitiv ein Teil der Familie. Seit er sechs Jahre alt ist, hat Alfred Krammer jedes Jahr Weihnachten mit den Kneisels gefeiert. Auch dieses Jahr wird er zu Gast in Fellbach sein. Wie kam es dazu?

Nach sechs Jahren war das Findelkind zu alt für das Säuglingsheim in Leingarten geworden. Alfred Krammer musste umziehen. Er wurde nach Stetten gebracht, ins alte Schloss der Diakonie, wo er in einer Kindergruppe leben sollte. Plötzlich war der zierliche Alfred nicht mehr das größte, sondern das kleinste Kind. „Da haben sie mich ziemlich geplagt“, erinnert er sich heute.

Zu jener Zeit suchte die Diakonie Stetten Pateneltern für ihre „Sorgenkinder“. Über einen Zeitungsartikel wurden Dörthe und Wilfried Kneisel darauf aufmerksam und meldeten sich. Nach einigen Besuchen in der Stettener Einrichtung war den Eltern zweier Kinder klar: Sie würden eine Patenschaft für den Jungen übernehmen. Das hieß, Zeit miteinander zu verbringen, Ausflüge zu unternehmen, den Schützling mitzunehmen, hinaus in die Welt. Die Mauern des Schlosses verließ der schüchterne Alfred anfangs nur an der Hand der Patenmutter, wurde aber immer aufgeweckter.

In Stetten bekannt wie ein bunter Hund

„Er hatte einen reichen Sprachschatz“, erinnert sich Dörthe Kneisel, vermutlich, weil die Schwestern im Säuglingsheim viel mit ihm gesprochen hatten. Allerdings war er weiche Nahrung gewöhnt und habe alles verweigert, was er beißen musste. Und natürlich sei eine altersgerechte Förderung auf der Strecke geblieben. Kneisels nahmen sich Alfred Krammers an, unterstützten ihn, wo es ging. „Das Fahrradfahren hat er bei uns gelernt“, sagt Wilfried Kneisel und sein Patensohn klopft ihm freundschaftlich mit der Hand auf den Schenkel. Bis heute radelt Alfred Krammer bei Wind und Wetter zur Arbeit.

Weniger gut klappte es in der Schule: Mathe, Lesen, Schreiben, Uhrzeiten. Alfred Krammer hatte große Schwierigkeiten, diese Dinge zu lernen. Dörthe Kneisel sagt: „Er ist trotzdem gut durchs Leben gekommen. Alfred war ja in ganz Stetten bekannt wie ein bunter Hund, überall gern gesehen, immer freundlich.“ Also habe er die Leute eben nach der Uhrzeit gefragt, weil er sie selbst nicht ablesen konnte. Noch heute hat der 47-Jährige Probleme damit. Eins kann er sich allerdings gut merken: wenn der kleine Zeiger auf die Neun zeigt, dann gibt’s Vesper bei seiner Arbeit in der Diakonie.

Als er noch jünger war, haben Kneisels und ihr Patenkind mehr Zeit miteinander verbracht. Sohn Alex, zwei Jahre älter als Alfred, war der heiß geliebte große Bruder, ein toller Spielgefährte. Kneisels sind sicher: Nicht nur Alfred, auch ihre leiblichen Kinder profitierten vom Kontakt mit Alfred und den anderen Jugendlichen mit Behinderung aus der Diakonie-Wohngruppe.

Immer wieder ruft er an, erkundigt sich, wie’s den Pateneltern geht

Heute sind die Treffen seltener geworden. „Ich bin schon selbstständig“, betont Alfred Krammer. Außerdem ist er gern auch mal allein, geht spazieren, schießt Fotos. Doch immer wieder ruft er bei seinen Pateneltern an, erkundigt sich, wie es den beiden geht, berichtet aus seinem Alltag. Und mindestens zweimal im Jahr wird gefeiert: An Alfred Krammers Geburtstag, zu dem Dörthe Kneisel stets einen „Träubleskuchen“ backt, und eben an Weihnachten – ein Fest, auf das sich der 47-Jährige ganz besonders freut: „Da trifft man fast alle.“

In der kleinen Fellbacher Wohnung der Kneisels herrscht dann Hochbetrieb: Die ganze Familie und eine Freundin Dörthes mit ihrer Tochter essen gemeinsam Rindersalat mit Brezeln (Alfred Krammer: „Das schmeckt so lecker!“), dann werden die Kerzen auf dem Weihnachtsbaum entzündet und ein Weihnachtslied gesungen. Schöne Familien-Traditionen, die Alfred Krammer wohl nie kennen- und lieben gelernt hätte ohne seine Kneisels.


Ehrenamt

Ein Patenmodell wie in den 70er Jahren gibt es so heute nicht mehr. Die Schützlinge der Diakonie Stetten profitieren aber noch immer vom Engagement vieler Ehrenamtlicher, weiß Pressesprecher Steffen Wilhelm. Wer sich einbringen möchte, kann sich an Carina Gwinner wenden – per Mail an: carina.gwinner@diakonie-stetten.de.

Steffen Wilhelm: „Ehrenamt ist bei uns je nach persönlichen Vorstellungen und Begabungen auf vielfältige Weise und mit unterschiedlichem Zeiteinsatz möglich, zum Beispiel bei der Freizeitgestaltung, in den Wohngruppen, in den Werkstätten und in den Schulen - und nicht nur in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung, sondern auch mit Senioren in den Einrichtungen des Alexander-Stifts oder mit Jugendlichen im Berufsbildungswerk Waiblingen.“