Kernen

Flüchtlinge in Kernen: Ein großer Teil ist nur geduldet

Bretzel Flüchtling
Sie sind Bäcker, schrauben an Autos oder pflegen Menschen. Viele Flüchtlinge arbeiten in Kernener Betrieben. © Gabriel Habermann

Die Integration von Flüchtlingen ist in Kernen noch nicht so weit fortgeschritten, wie die Verantwortlichen sich das wünschen. Anstatt die Menschen in Brot und Arbeit zu bringen oder für Vereine zu begeistern, sind die Integrationshelfer überwiegend damit beschäftigt, ihnen überhaupt ein Dach über dem Kopf zu organisieren. Hinzu kommt: Sehr viele Geflüchtete leben ohne Anerkennung in Kernen. Sie müssten eigentlich ausreisen – ihre Integration ist gar nicht vorgesehen. Doch es gibt auch positive Nachrichten – zum Beispiel vom Arbeitsmarkt.

Die Integrationsbeauftragte im Rathaus, Angela Ehrlich, und Elisabeth Schober vom Arbeitskreis Asyl haben am Donnerstagabend im Bürgerhaus einen umfangreichen Einblick in die Flüchtlingsarbeit in Kernen gegeben. Wie ist die Lage? Ein Überblick.

Wer lebt in Kernen?

Die Zahlen variieren, doch momentan sind wohl etwas mehr als 260 Flüchtlinge in Stetten und Rommelshausen wohnhaft. Sie stammen aus mehr als 15 Ländern (). 42 Prozent sind zwischen 19 und 30 Jahre alt, circa ein Viertel ist noch unter 18. Fast zwei Drittel der Menschen sind in Deutschland nur geduldet oder befinden sich noch im Asylverfahren. Noch immer sind viele einzelne Männer unter den Asylbewerbern in Kernen, der Anteil der Familien ist jedoch im vergangenen Jahr deutlich gestiegen. Eine Herausforderung für die Integrationsarbeit vor Ort ist, dass immer mehr Menschen mit geringeren Sprachkenntnissen kommen. Das liegt laut Angela Ehrlich auch an der kürzeren Aufenthaltszeit in Deutschland durch die beschleunigten Asylverfahren – diese führten oft bereits zu einer Ablehnung bereits in der Gemeinschaftsunterkunft.

Thema Arbeit: Handwerksbetriebe sind stark engagiert

Das wiederum hat Auswirkungen auf das Thema Arbeit. Denn der Gemeinde sind dadurch in den vergangenen Monaten immer mehr Menschen ohne gültige Arbeitserlaubnis zugewiesen worden. Hinzu kommen die Menschen, die bereits eine Arbeitsstelle gefunden haben, deren Asylantrag dann aber abgelehnt wird und die dann maximal noch drei Monate weiterarbeiten dürfen. „Manche rutschen dann völlig ab, werden aggressiv oder schotten sich ab – Rollladen runter“, berichtet Angela Ehrlich. Andere suchen sich neue sinnvolle Beschäftigungen – sie werden dabei vom Arbeitskreis Asyl unterstützt – und kämpfen um ihren Job. Die Beschäftigungsduldung, die für solche Fälle eigentlich geschaffen wurde, sei aber „ein Schuss ins Blaue“ gewesen. Gerade mal eine Person erfülle in Kernen die strengen Kriterien. Ein tragischer Fall war Bäcker Kelvin, der trotz Arbeitsstelle Ende vergangenen Jahres abgeschoben werden sollte und untertauchte. Bei allen Schwierigkeiten gibt es aber auch Positives zu berichten. Rund 40 bis 50 Personen haben laut Ehrlich Arbeit gefunden, circa 15 junge Menschen sind in Ausbildung. „Erfreulicherweise sind viele Kernener Unternehmen bereit, Menschen mit Fluchthintergrund anzustellen“, sagt Ehrlich. Besonders Handwerksbetriebe engagierten sich stark. Vom Rathaus werden sie beim „Papierkram“ unterstützt.

Wohnraum ist knapp - doch Wohnungen stehen leer

Weniger groß ist allerdings die Bereitschaft in der Bevölkerung, der Gemeinde dringend benötigten Wohnraum zu vermieten. Die für 2019 geplante Fertigstellung der neuen Wohnungen in der Robert-Bosch-Straße hat sich verzögert. Die Menschen leben teilweise in Häusern, die längst hätten abgerissen werden sollen, und geraten wegen der engen Belegung immer wieder untereinander in Konflikt – zeitgleich stehen Wohnungen in Kernen leer. „Wir haben allein 21 Leerstände in Stetten“, sagt Angela Ehrlich. Die Gemeinde sei zwar auf die Eigentümer zugegangen, bis heute sei aber kein einziger Vertrag zustande gekommen. „Die Leute sind nicht bereit, an uns zu vermieten. Es gibt hier eben viele Reiche, die ihre Objekte lieber leerstehen lassen.“

Dabei, sagt Bürgermeister Benedikt Paulowitsch, sei die Gemeinde doch ein zuverlässiger Mieter. Hier ist eine neue Offensive denkbar. Momentan sind 70 Prozent der Kernener Flüchtlinge in kommunalen Wohnungen untergebracht, auch im ehemaligen Diakonie-Dorf Hangweide. 2019 hat die Gemeinde ihr Aufnahmesoll nicht erfüllt. Für Entlastung sollen die Robert-Bosch-Straße (fertig wohl im Juli 2020), die Containeranlage in Stetten (eventuell im Herbst bezugsfertig) und Wohnungen am Weihergraben (Dezember) sorgen.

Flüchtlingsarbeit wird neu strukturiert

Die Menschen, die dort unterkommen, werden weiter intensiv betreut werden müssen, im besten Fall auch direkt vor Ort. Für die Kinder geschieht ja schon heute einiges, gerade in puncto Sprachförderung. Auch die Erwachsenenbildung müsste ausgeweitet werden. Die Hoffnung der Verantwortlichen im Arbeitskreis Asyl ist es, dass das Coronavirus bald nicht mehr so enorm dazwischenfunkt, wie das momentan der Fall ist. Beratungen und Treffs sind derzeit kaum möglich. Für Angela Ehrlich wird aber eine Nachfolgerin gesucht. Sie hat nach dreieinhalb Jahren im Juni ihren letzten Arbeitstag im Rathaus und wird bald in Fellbach als Projektmanagerin arbeiten. Die Abläufe in Kernen werden neu strukturiert. Sie stammen noch aus der Zeit des „Krisenmanagements“ nach Beginn der Flüchtlingskrise, sagt Ehrlich. Ist der Wandel vollzogen, soll der Fokus endlich auf der „echten Integrationsarbeit“ liegen – das wünscht sie ihrer Nachfolgerin.

Die Integration von Flüchtlingen ist in Kernen noch nicht so weit fortgeschritten, wie die Verantwortlichen sich das wünschen. Anstatt die Menschen in Brot und Arbeit zu bringen oder für Vereine zu begeistern, sind die Integrationshelfer überwiegend damit beschäftigt, ihnen überhaupt ein Dach über dem Kopf zu organisieren. Hinzu kommt: Sehr viele Geflüchtete leben ohne Anerkennung in Kernen. Sie müssten eigentlich ausreisen – ihre Integration ist gar nicht vorgesehen. Doch es gibt auch

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