Kernen

Gutachter hält Deniz E. weiter für hochgradig gefährlich

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Am fünften Tag der Verhandlung um den Mörder von Yvan Schneider hat ein psychiatrischer Gutachter seine Expertise abgegeben. © Gabriel Habermann

Kernen/Stuttgart. Er müsse Deniz E. eine „äußerst schlechte Kriminalprognose“ stellen, es bestehe ein hohes Risiko, dass der junge Mann auch künftig „schwere Gewaltdelikte“ begehe, die Bedingungen für eine Sicherungsverwahrung seien „erfüllt“: Am fünften Tag der Verhandlung um den Mörder von Yvan Schneider hat ein psychiatrischer Gutachter seine Expertise abgegeben.

Nachträgliche Sicherungsverwahrung darf nicht angeordnet werden, um jemanden zu bestrafen, darf nicht angeordnet werden, um potenzielle Nachahmungstäter abzuschrecken, darf nicht angeordnet werden, um ein Urteil, das manchen zu niedrig vorgekommen sein mag, im Nachhinein zu verschärfen; nachträgliche Sicherungsverwahrung darf angeordnet werden nur aus einem einzigen Grund: um die Gesellschaft zu schützen.

Eine „ausgesprochen ungünstige Gefährlichkeitsprognose“

Wenn ein Täter, nachdem er seine Haft verbüßt hat, weiterhin hochgradig gefährlich und, falls man ihn in die Freiheit entließe, ein unkalkulierbares Risiko ist – dann und nur dann darf er nachträglich in Sicherungsverwahrung genommen werden.

Genau darum geht es im aktuellen Verfahren am Landgericht Stuttgart: Ist Deniz E., der seine zehnjährige Jugendstrafe wegen des Mordes an Yvan Schneider bereits abgesessen hat, weiter eine Gefahr?

Der psychiatrische Sachverständige Gunter Joas hat die Akten in diesem Fall ausgewertet; hat die Berichte von Kollegen studiert, die im Lauf der Jahre Deniz E. begegneten; hat den vielen Zeugen zugehört, die berichteten, wie sich der Verurteilte während der Haft verhalten hat; und hat, vor allem, mit dem 29-Jährigen selber gesprochen: neuneinhalb Stunden lang, im Januar 2018. Sein Ergebnis: Er müsse Deniz E. eine „ausgesprochen ungünstige Gefährlichkeitsprognose“ stellen.

„Hochauffällig“ schon in der frühen Kindheit

Joas holt weit aus in seinem Gutachten – die Wurzeln für die „Fehlentwicklung“ lägen wohl in der Kindheit: Deniz E. sei in einem „fragilen“ Familienverband aufgewachsen, als Einzelkind von Eltern, die beruflich sehr beschäftigt und zu Hause oft in „Streitigkeiten“ verstrickt gewesen seien. Dem Jungen habe ein „klares, Halt gebendes Gegenüber gefehlt“, das „verbindliche soziale Regeln“ aufstellte. Zuwendung habe er „vor allem auf materieller Ebene“ erfahren und so „überhaupt nicht gelernt, seine unmittelbaren Wünsche hintanzustellen“.

Schon in Kindergarten und Grundschule habe er ein „hochauffälliges Verhalten“ gezeigt, „eigentlich hätte man da schon intervenieren“, da schon erkennen müssen: „Hier brennt die Hütte.“

Relativ früh bekam Deniz E. ein Mittel namens Medikinet gegen ADHS verschrieben, bald gesellte sich heftiger Cannabis-Konsum hinzu. Und nach dem Hauptschulabschluss hatte er nicht den leisesten Schimmer, wie es weitergehen sollte.

Drogenbedingter Destabilisierung und tiefe Zukunftsplanlosigkeit

Mit den Jahren habe sich eine „schwere kombinierte Persönlichkeitsstörung“ herausgebildet mit „antisozialen“, „narzisstischen“ und „Borderline“-Anteilen; auf Laiendeutsch: eine Unfähigkeit, sich auf Normen einzulassen, eine massive Ichbezogenheit, hohe Impulsivität.

Als er sich mit 18, in einer Phase drogenbedingter Destabilisierung und tiefer Zukunftsplanlosigkeit, wild besitzergreifend verliebte, liefen die Dinge verheerend aus dem Ruder: Getrieben von der Vorstellung, Yvan Schneider könne einmal mit dem Mädchen etwas gehabt haben, brachte Deniz E. sein argloses Opfer um.

Die Persönlichkeitsstörung, glaubt Joas, habe sich in der Haftzeit nicht gebessert, „eher noch verfestigt“. E. habe dort „nicht mal im Ansatz mit einer Tataufarbeitung begonnen“, sondern mit „manipulativem und ausbeuterischem“ Geschick immer wieder seine Bedürfnisse durchgesetzt: Indem er Mobiliar zerstörte, halbe Nächte lang in der Zelle lärmte oder sich mit Rasierklingen selbst verletzte, gelang es ihm immer wieder, zu ertrotzen, was er wollte.

Deniz E. habe keine "tiefergehende Verantwortungsübernahme für seine Tat“ erkennen lassen

Das war vor allem: Medikinet. Was im Gefängnis geschah, beschreibt Joas als „dysfunktionale Machtausübung eines schwer narzisstischen Menschen“: Das Personal sei „zerschellt an ihm“ und „mit dem Latein am Ende“ gewesen, der Arzt gewährte Medikinet in phasenweise vierfach überhöhter Dosierung. Dazu nahm Deniz E. wohl auch andere Drogen.

Im Gespräch mit Joas habe E. „keine tiefergehende Verantwortungsübernahme für seine Tat“ erkennen lassen, „keine kritische Auseinandersetzung mit sich selbst“ und „keinerlei Empathie hinsichtlich des Opfers oder dessen Familie“.

Auf Fragen habe er oft „ein wenig kurz angebunden“ geantwortet – markante Ausnahme: „wenn er anderen ein Fehlverhalten zur Last legen konnte“. Der junge Mann sehe sich als „Opfer“ und fühle sich „ständig benachteiligt“ und „ungerecht behandelt“.

Ohne Zukunftsplan, Arbeit, Perspektive

In Freiheit stünde er wohl da ohne Menschen, die ihm „verlässlich Führung“ und „absolut klare Regelsetzung“ geben; ohne Zukunftsplan, Arbeit, Perspektive; ohne das psychologische Rüstzeug, um mit Kränkungen, Zurückweisungen, Widrigkeiten zurechtzukommen.

Worüber er verfügte, wären einzig jene eingespielten Muster, auf schnelle Wunscherfüllung zu drängen, Schuldzuweisungen zu verteilen und Beruhigung in Drogen zu suchen.

Angenommen, Deniz E. geriete unter solchen Lebensumständen erneut in eine hochemotional aufgeladene Liebesbeziehung – dann, glaubt der Psychiater, bestehe die „hochgradige“ Gefahr, dass der junge Mann wieder „an die Grenze“ komme, die er im Jahr 2007 so katastrophal überschritt.


Die Alternative

Falls Deniz E. trotz dieses psychiatrischen Gutachtens nicht in nachträgliche Sicherungsverwahrung kommen sollte, wird er wohl in die Türkei abgeschoben – das Regierungspräsidium verfügt seit Jahren über einen rechtskräftigen Ausweisungsbeschluss. In der Türkei würde Deniz E. voraussichtlich zunächst zwölf Monate zum Militärdienst eingezogen.

Unsere bisherige Berichterstattung vom Prozess am Landgericht Stuttgart:

Zum Nachlesen für ePaper-Abonnenten gibt es hier eine Liste mit unserer Berichterstattung von 2007 bis 2014 aus unserem Archiv.