Kernen

Hat ein Mann in einer Gartenhütte in Rommelshausen seine Ex-Freundin vergewaltigt?

amtsgericht Waiblingen
Eingang zum Amtsgerichtsgebäude in Waiblingen. © Benjamin Büttner

War es eine Vergewaltigung? Handelte es sich um einvernehmlichen Sex oder hatte es das Opfer gar darauf angelegt, den Angeklagten hereinzulegen oder sich an ihm zu rächen? Antworten darauf suchte das Schöffengericht des Waiblinger Amtsgerichts.

Die Zeit schien eingefroren im Gerichtssaal. Quälend langsam verstrich Minute um Minute, während die Anwesenden dem Weinen und Flehen einer Frau zuhörten, das aus dem Lautsprecher drang, ihren Hilferufen, ihrem Würgen, während sie gerade oral vergewaltigt wurde. Entsetzen spiegelte sich in den Blicken, das Antlitz des Angeklagten war versteinert. Um wie viel schlimmer muss wohl das Opfer gelitten haben, als es seinem Peiniger ausgeliefert war, wehrlos, gelähmt vor Angst und Entsetzen?

Tonaufnahme wird im Gerichtssaal abgespielt

Hartnäckig hatte der Anwalt des Angeklagten bis zuletzt versucht, das Abspielen der fast halbstündigen Tondatei und die Verwendung der davon angefertigten Niederschrift vor Gericht zu verhindern: Die Aufnahme sei ohne Zustimmung des Angeklagten erfolgt, dadurch werden dessen durch das Gesetz geschützten Rechte verletzt; die Wahrheitsfindung dürfe im Strafprozess nicht um jeden Preis durchgesetzt werden, sondern nur bei schwerster Kriminalität; was sich auf dem Tonträger befinde, dokumentiere allenfalls eine Beziehungstat, an deren Verfolgung von Amts wegen kein besonderes öffentliches Interesse bestehe.

Vehement widersprachen der Vertreter der Staatsanwaltschaft und der Anwalt des Opfers, das in dem Verfahren als Nebenklägerin auftritt: Bei einer Vergewaltigung handle es sich sehr wohl um schwerste Kriminalität, so der Anklagevertreter. Wenn das Opfer auf seinem Mobiltelefon angesichts der sich anbahnenden Tat zur Beweissicherung die Aufnahmetaste drücke, dann sei ein berechtigter Notstand gegeben, und das Verbot, derartig erlangte Beweise im Verfahren zu verwenden, betreffe explizit nicht Privatpersonen. Bei dem hier aufgenommenen Geschehen, so der Anwalt der Nebenklägerin, handle es sich keinesfalls um den unantastbaren Bereich privater Lebensvorsorge des Angeklagten.

Um ein Verbrechen, schob daraufhin der Anwalt des Angeklagten nach, handle es sich lediglich, wenn die aufgenommenen Vorgänge wahr wären. Dies bestreite er, es handle sich hierbei lediglich um eine Finte, um eine bewusste Inszenierung, mit der der Angeklagte hereingelegt werden sollte.

Der 50-jährige Angeklagte und sein – bis zu einem rechtskräftigen Urteil: angebliches – Opfer hatten bis zum September 2019 über mehrere Jahre hinweg eine Beziehung miteinander. In dieser Zeit hatten sie ein Gartengrundstück in Rommelshausen gekauft, das sie auch noch nach der Trennung miteinander bewirtschaftet haben. Über den Garten hinaus brach der Kontakt zwischen den beiden nicht ab; es kam weiter zu gelegentlichen Treffen, bei denen sie auch intim waren.

Zwei völlig unterschiedliche Versionen

Auf diesem Grundstück trafen sie sich am 20. April, da sie eine Fuhre Mist geliefert bekommen hatten, so der Angeklagte. Ihn begleiteten sein Bruder und dessen Frau. Es sollte besprochen werden, wo eine Grube angelegt werden könne, um den Mist zu lagern. Gegen 17 Uhr habe er in seinem Auto Bruder und Schwägerin heimgefahren; als er auf das Gartengrundstück zurückkam, hätten die Frau und er zunächst auf der Terrasse gekuschelt, dann seien sie miteinander in die Gartenhütte gegangen, um auf Wunsch der Frau miteinander Oralsex zu praktizieren. Da es in der Hütte dunkel gewesen sei, weil die Fensterläden geschlossen waren, seien sie beide gestolpert und zu Boden gefallen. Er sei dann aufgestanden, sie sei „unten geblieben“. Während des einvernehmlichen Oralverkehrs hätten ihm die „Geräusche, die sie machte“, nicht gefallen. Als sie begann, um Hilfe zu rufen, habe er sie aufgefordert, damit aufzuhören, „denn sie hatte keinen Grund, so eine Show zu machen“. Zu keinem Moment habe er Gewalt ausgeübt oder die Frau bedroht, „sie war freiwillig dabei“. „Ich hab’ dich jetzt“, habe sie zu ihm gesagt, als sie auseinandergingen. Da sei ihm der Verdacht gekommen, sie habe ihm eine „Falle gestellt“, da sie wieder zu ihm ziehen wollte, er dies aber abgelehnt hatte.

Daheim habe er sofort seine Tochter angerufen und um Hilfe gebeten. Sie habe ihm geraten, die Polizei anzurufen. Die sei inzwischen aber schon von der Frau informiert worden, die ihn beschuldigte.

In der Anklage des Staatsanwaltes las sich der Vorgang so, dass die beiden zu streiten begonnen hätten, nachdem der Angeklagte Bruder und Schwester heimgebracht hatte. Sie forderte schließlich von ihm die Herausgabe des Schlüssels für das bis dahin gemeinsam bewirtschaftete Grundstück. Als sie in die Gartenhütte ging, sei er ihr gefolgt, habe ihr den Ausgang versperrt, sie an den Oberarmen gepackt und derart heftig geschubst, dass sie zu Boden gefallen sei. Es entwickelte sich zunächst ein Gerangel, bis er sie erneut in eine Ecke der Gartenhütte schubste und zum Oralsex bis zum Samenerguss zwang. Als sie versuchte, die Kiefer zu schließen, habe er sie an Kiefer und Hals gepackt und ihr gewaltsam den Mund geöffnet. Mit einem Ordnungsruf gegenüber dem Anwalt des Angeklagten endete eine kurze, aber heftige Diskussion, in der Richter Steffen Kärcher den Anwalt aufforderte, seinem Mandanten nicht durch Suggestivfragen Mutmaßungen über die angeblichen Absichten der Frau in den Mund zu legen. Der Angeklagte dürfe in der Verhandlung alles sagen, was er wolle, so der Anwalt, der sich gegen eine „Zensur durch den Richter in der Beweisaufnahme“ verwahrte.

Polizistin hält Aussage der Frau für glaubwürdig

Die mit der Bearbeitung des Falles befasste Polizeibeamtin betonte die Glaubwürdigkeit der Aussagen der Frau gegenüber der Polizei. Sie stimmten mit den Aufnahmen auf der Audiodatei überein. Auch seien entsprechende Verletzungen vorhanden gewesen, die von einem Arzt attestiert wurden.

Der Frau blieb die Entwürdigung erspart, öffentlich als Zeugin aussagen zu müssen. Ihre Befragung erfolgte hinter verschlossenen Türen. Nachdem das Gericht den Antrag des Verteidigers abgelehnt hatte, zwei dem Angeklagten bekannte Männer zu befragen, ob sie zu der Frau ebenfalls intime Beziehungen hatten, um so ein umfassendes Bild über deren Glaubwürdigkeit zu erhalten, schloss der Vorsitzende Richter Steffen Kärcher die Beweisaufnahme.

Die mündliche Verhandlung wird am 16. November fortgesetzt.

War es eine Vergewaltigung? Handelte es sich um einvernehmlichen Sex oder hatte es das Opfer gar darauf angelegt, den Angeklagten hereinzulegen oder sich an ihm zu rächen? Antworten darauf suchte das Schöffengericht des Waiblinger Amtsgerichts.

Die Zeit schien eingefroren im Gerichtssaal. Quälend langsam verstrich Minute um Minute, während die Anwesenden dem Weinen und Flehen einer Frau zuhörten, das aus dem Lautsprecher drang, ihren Hilferufen, ihrem Würgen, während sie gerade oral

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