Kernen

Julia Brandt (22) aus Kernen berichtet über ihr Auslandssemester in Mexiko

Julia Brandt in Mexiko
Die 22-jährige Studentin Julia Brandt auf dem Campusgelände der Hochschule in Guadalajara. © privat

Zuletzt haben wir über Julia Brandt aus Rommelshausen vor vier Jahren berichtet, als die heute 22-Jährige nach ihrem Abitur den Jakobsweg auf dem Camino del Norte von Bilbao bis ins 650 Kilometer entfernte Santiago de Compostela ganz für sich alleine pilgerte. Damals wusste die junge Frau noch nicht genau, wie es für sie nach der Schule weitergehen soll.

Sie schreibt ihre Bachelorarbeit

Heute studiert Julia Brandt Ernährungsmanagement und Diätetik an der Uni Hohenheim in Plieningen. Seit Anfang August ist die 22-Jährige in der mexikanischen Stadt Guadalajara an der Hochschule ITESO (Instituto Tecnológico y de Estudios Superiores de Occidente) als Gaststudentin registriert. „Ich schreibe hier meine Bachelorarbeit nebenher“, sagt sie während des Videoanrufs mit unserer Redaktion.

„Ich freue mich auch, nach dem Studium hoffentlich in Mexiko erst mal herumzureisen und dann anschließend noch ein Praktikum zu absolvieren“, erzählt die Studentin.

„Ich möchte kein Bild von irgendetwas haben, ich will mir mein eigenes Bild machen“

Weshalb hat sich die Rommelshausenerin ausgerechnet für Mexiko entschieden? „Ich wollte schon immer nach Lateinamerika“, sagt sie, „mich hat es einfach schon immer gereizt.“ Insbesondere das nordamerikanische Land Mexiko habe sie sehr interessiert. Möglicherweise auch deshalb, weil in Deutschland ein „gefährliches“ Bild von dem Nachbarland der USA herrscht. „Vielleicht hat mich das umso mehr gereizt, um zu gucken, ist es wirklich so in Mexiko“, sagt die Studentin. Für sie sei es grundsätzlich wichtig, ihre eigenen Erfahrungen zu machen. „Ich möchte kein Bild von irgendetwas haben, ich will mir mein eigenes Bild machen“, sagt die 22-Jährige und fügt hinzu: „Ich bin einfach von Natur aus ein Mensch, der Abenteuer liebt.“

Deshalb bereut die Kernenerin ihre Entscheidung – ein Auslandssemester in Mexiko zu verbringen – nicht. „Es hat sich richtig angefühlt, hierherzukommen“, sagt sie.

Wie erlebt Julia Brandt die Sicherheit in Mexiko?

Das Auswärtige Amt warnt auf seiner Internetseite vor „bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Banden der organisierten Kriminalität oder mit staatlichen Sicherheitskräften“ in Mexiko. Wie erlebt Julia Brandt die Sicherheit in dem nordamerikanischen Land?

„Die ersten zwei Wochen hier in Mexiko, die waren für mich persönlich richtig, richtig schwierig“, gesteht die junge Frau. Und das, obwohl sie von Anfang an zu wissen glaubte, worauf sie sich einließ. Als sie dann allerdings nach Mexiko kam, habe sie zwei Wochen gebraucht, um dort anzukommen. „Ich weiß nicht, ob es ein Kulturschock war“, sagt Julia Brandt. Fest steht: „Es war komplett aus meiner Komfortzone raus – was ganz, ganz anderes. Ich bin schon viel gereist, ich bin viel rumgekommen und ich habe schon viele Orte gesehen“, sagt die Kernenerin, „trotzdem war es echt komplett anders, hier zu sein.“

Abends nicht alleine rausgehen

Damit sich die Gaststudenten in Guadalajara schnellstmöglich einleben und sich wohlfühlen, werden ihnen in der ersten Woche an der Uni sogenannte Buddys von der Hochschule zugewiesen. Gleichaltrige Studenten, die die Gaststudenten an die Hand nehmen und ihnen alles zeigen und erklären, worauf sie zu achten haben. Dazu zählt unter anderem, „abends nicht alleine rauszugehen, vor allem nicht als Frau, und auch nicht nur zu zweit, sondern mit mindestens drei, vier, fünf Leuten“, erklärt Julia Brandt. Auch sei ihnen geraten worden, bestimmte Straßen und Viertel zu meiden, sowie die Wertsachen am besten immer zu Hause zu lassen.

Apropos Zuhause. Gemeinsam mit vier weiteren Studenten wohnt Julia Brandt in einer Wohngemeinschaft in einer „ziemlich sicheren Gegend“, wie sie es selber bezeichnet, beim zentral gelegenen Plaza del Sol in Guadalajara. Die Fenster seien mit Gitterstäben versehen und die Wohnhäuser werden von meterhohen Mauern abgeschirmt.

Rucksäcke wurden gestohlen

Dennoch wurde sie Opfer eines Diebstahls – allerdings nicht zu Hause. An dem Tag, als der Diebstahl passierte, war die junge Frau zunächst mit ihren Freunden wandern. „Es war eine echt anstrengende Wanderung, wir haben die abends gemacht und dann war es schon dunkel“, berichtet sie. Müde und hungrig fuhr die Gruppe ins Restaurant in die Innenstadt. „Man konnte eigentlich von unserem Restaurant aus das Auto sehen, aber es war dunkel draußen“, erinnert sie sich. Während die Gruppe im Restaurant aß, wurde anscheinend – wie sie später feststellten – eine Autoscheibe eingeschlagen und die Rucksäcke, die auf der Hinterbank waren, gestohlen. „Ich hätte den einfach mitnehmen sollen“, sagt sie über ihren gestohlenen, etwa 200 Euro teuren Rucksack. Auch wenn sich darin nur ihre Airpods befanden, habe er sowohl einen materiellen als auch immateriellen Wert für sie gehabt.

Einen ihrer Freunde traf der Diebstahl härter. In seiner Tasche sei neben Schlüssel und Laptop auch seine Geldbörse samt Bankkarten und Personalausweis gewesen. Auch wenn sie sich sehr geärgert habe, versucht Julia Brandt, aus dem Geschehen eine Lehre zu ziehen. „Für mich passieren Dinge immer aus einem Grund“, sagt sie, „das war eine Lektion. Das Leben wollte, dass wir etwas lernen.“

„Es passieren auch schöne Dinge"

Auch möchte sie nicht nur die unschönen Erlebnisse in den Vordergrund rücken. „Es passieren auch schöne Dinge, die das Ganze ausgleichen und mich immer noch hierbehalten“, sagt sie. „Der Großteil der Menschen, die wir tagtäglich sehen, die sind unglaublich freundlich“, schildert die 22-Jährige ihre Erfahrungen. Viele Einheimische seien „super hilfsbereit“, sagt sie. „Ich habe immer sehr schöne Gespräche mit den Mexikanern. Sie sind super aufgeschlossen.“

Wichtig ist für die 22-jährige Studentin, mit den Einheimischen in Kontakt zu kommen, um Land, Leute und die Kulinarik näher kennenzulernen. „Hier wird viel Fleisch gegessen“, sagt Julia Brandt, die sich seit neun Jahren vegetarisch ernährt. „Aber es gibt trotzdem viele vegetarische Alternativen.“ Auch habe sie festgestellt und sei positiv überrascht gewesen, dass es gar nicht das mexikanische Essen sei, was man in Deutschland in Restaurants serviert bekomme. In Deutschland sei es eher das "amerikanisch-mexikanische Essen“, sagt sie. „Mit dem Essen in Mexiko komme ich richtig, richtig gut klar.“

Leitungswasser darf nicht getrunken werden

Was sie allerdings nach wie vor als gewöhnungsbedürftig empfinde, sei die Tatsache, dass das Leitungswasser nicht getrunken werden kann. „Es gibt fließendes Wasser, aber das darf man auf keinen Fall trinken. Das Wasser ist teilweise kontaminiert“, sagt sie. Weshalb die Menschen angehalten werden, literweise Wasser in sehr großen Kanistern zu kaufen, um Trinkwasser zu haben. „Wenn jemand vergisst, zu bestellen, dann haben wir einen Tag lang kein Wasser“, sagt sie. Das sind Grundbedürfnisse, über die man sich in Deutschland möglicherweise keine Gedanken macht, findet Julia Brandt.

Viel gereist

Dass Reisen etwas Inspiratives und Belehrendes haben, stellte die junge Frau bereits in ihren vorherigen Reisen fest. Nach ihrem Abitur, nachdem sie den Jakobsweg gegangen war, ging sie im Oktober 2018 nach China, danach nach Thailand, unterrichtete dort an einer Schule Englisch und ging von dort aus nach Neuseeland für fünf Monate. „Das hat mich wirklich einiges gelehrt“, sagt sie rückblickend. „Ich bin viel, viel bewusster geworden, über mich, über das Leben“, berichtet sie. „Ich bin zurückgekommen und habe das Remstal ganz anders gesehen. Es war für mich immer selbstverständlich und es war für mich nie besonders“, sagt Julia Brandt. Doch dann sei ihr bewusst geworden: „Wir haben echt eine schöne Heimat.“

Auch während ihres Studiums reiste die Kernenerin etwa nach Holland, Ägypten, Amerika und Australien. „Ich bin auch unglaublich dankbar dafür, dass ich das alles erleben darf mit meinen 22 Jahren“, sagt sie, „ich bin viel herumgekommen.“ Schon in der Grundschule habe sie gesagt: „Irgendwann werde ich die Welt bereisen.“

„Ich fühle mich immer am wohlsten, wenn ich die Stadt verlasse“

„Ich lieb’s einfach, in der Natur zu sein“, sagt Julia Brandt. Zu ihren Hobbys gehören neben dem Wandern das Eisbaden und Meditieren. Dass sie kein Fan von Großstädten ist, stellte sie in Guadalajara erneut fest. „Ich weiß jetzt, das ist nichts für mich. Ich fühle mich immer am wohlsten, wenn ich die Stadt verlasse und in die Natur gehe“, sagt die 22-Jährige.

Ihre Reise nach Mexiko unterscheide sich von all den anderen, die sie bisher unternommen habe. „Weil dieses Mal ist es ein One-Way-Ticket, ich weiß nicht, wann ich wieder zurückkomme, und ich habe in den letzten drei Jahren die Beziehung zu meinen Freunden und meiner Familie unglaublich vertieft“, sagt sie, „weshalb es mir auch schwergefallen ist, zu gehen.“ Sie ist glücklich, zu wissen, dass ihre Liebsten in der Heimat auf sie warten. „Das zeigt mir einfach auch, was ich habe“, sagt sie, „zu wissen, dass ich überhaupt ein Zuhause habe und jederzeit zurückgehen kann, und eine Familie, die mich liebt und die mich dabehalten möchte.“

Zuletzt haben wir über Julia Brandt aus Rommelshausen vor vier Jahren berichtet, als die heute 22-Jährige nach ihrem Abitur den Jakobsweg auf dem Camino del Norte von Bilbao bis ins 650 Kilometer entfernte Santiago de Compostela ganz für sich alleine pilgerte. Damals wusste die junge Frau noch nicht genau, wie es für sie nach der Schule weitergehen soll.

Sie schreibt ihre Bachelorarbeit

Heute studiert Julia Brandt Ernährungsmanagement und Diätetik an der Uni Hohenheim in

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