Kernen

Kernen: Das erste öffentliche Bücherregal im Kreis wird zehn Jahre alt

10 Jahre öffentliches Bücherregal
Rainer Botzenhardt (links) und Ilse Künast (rechts) vor „ihrem“ Bücherregal in Stetten. © Benjamin Büttner

Als die Bürgerstiftung Kernen 2010 beschließt, am St.-Pierre-Platz ein öffentliches Bücherregal aufzustellen, gibt es in der gesamten Region noch kein vergleichbares Projekt. Neben der Furcht, die frei zugänglichen Bücher könnten dem Vandalismus zum Opfer fallen, fragten sich die Initiatioren damals: „Wer soll das überhaupt betreuen? Wer guckt regelmäßig danach?“ Daran erinnert sich Dr. Wolfgang Riethmüller, Ehrenpräsident der Bürgerstiftung.

Der eigentliche Ideengeber, ein Bürger aus Kernen, der so einen öffentlichen Bücherschrank in Wiesloch im Rhein-Neckar-Kreis gesichtet hatte, habe keine Zeit gehabt, sich um so ein pflegeintensives Projekt zu kümmern. Doch dann traten zwei Ehrenamtliche auf den Plan, die das Regal in den folgenden zehn Jahren mit Herzblut betreuten: Ilse Kienast schaute all die Jahre fast täglich nach den Büchern, unterstützt wurde sie dabei von Rainer Botzenhardt. Jetzt zieht sich Ilse Kienast von ihrem Ehrenamt zurück: aus persönlichen Gründen.

Ein Ehrenamt: Ilse Kienast und Rainer Botzenhardt  betreuen das Projekt 

„Ich habe es sehr gern gemacht“, sagt die 80-Jährige. Meistens kam sie morgens her, um nach den Büchern im Regal der Bücherstiftung in Stetten zu schauen. Das wurde für sie fast zum Ritual. Denn das Projekt entpuppte sich als echtes Erfolgsmodell. Die von der Bürgerstiftung Kernen im Vorfeld gefürchteten Vandalismus-Anschläge blieben aus. Heute sind alle begeistert davon, wie gut das öffentliche Regal behandelt wird: „Es scheint eben doch noch einen gewissen Respekt vor Büchern zu geben“, sagt Rainer Botzenhardt. Nur ein echtes Problem trete hin und wieder auf: Es verschwänden dann und wann auffällig viele Bücher auf einmal. Botzenhardt und Riethmüller vermuten beide, dass sich hier jemand bedient und die gebrauchten Bücher irgendwo verkauft.

Etwa zwei Jahre nach der Einweihung des Stettener Regals kam am Rathhaus in Rommelshausen ein zweiter Standort dazu, auch um den kümmern sich die Ehrenamtlichen. Ilse Kienast erinnert sich an viele schöne Begegnungen an den Regalen: „Einmal kam eine junge Frau, die drei Bücher auf ihrem Fahrradlenker balancierte.“ Die Fahrradfahrerin habe ihr erzählt, dass sie oft von Fellbach extra hierherkomme, nur um nach neuem Lesestoff zu suchen. Das Projekt der Bürgerstiftung Kernen sei damals ein echter Vorreiter gewesen, sagt Kienast: „Alle anderen öffentlichen Bücherregale und -Schränke, die es mittlerweile in der Umgegend gibt, sind nachgemacht.“ Mitunter konnte die Pflege der Bücher aber auch zu einem echten Knochenjob werden. Besonders, wenn besonders ausmistwütige Zeitgenossen das Regal und den Platz davor mitunter zum Abladen von allerlei Krempel benutzten: „Eines Tages standen dort plötzlich säckeweise alte VHS-Kassetten“, erinnert sich Wolfgang Riethmüller. Die seien unter den Stiftungsmitgliedern verteilt worden und über Wochen im privaten Hausmüll entsorgt worden.

Was darf alles ins öffentliche Bücherregal und was nicht?

„Manchmal kam ich zum Regal und die Bretter waren vollgestopft und auf dem Boden davor standen vier oder fünf Umzugskartons voller Bücher“, erzählt Ilse Kienast. Diese dann ins Trockene zu schleppen, zu sortieren, unbrauchbare oder kaputte Bücher kistenweise zum Container zu fahren – das wird ihr nun einfach zu viel. „Ich bin inzwischen 80 Jahre alt. Ich muss jetzt einfach auf mich selbst achten.“ Zum Glück ist ihr Mitstreiter Rainer Botzenhardt bereit, weiterhin die Bücher zu hüten, zur Not auch alleine. „Vielleicht meldet sich ja noch jemand, der mitmacht“, hofft Botzenhardt. Gerade jetzt, während der Coronakrise, falle jede Menge Arbeit an: Es stünden regelmäßig Menschen am Regal, deshalb hat das Regal auch einen eigenen Abstandhalter bekommen. „Das Regal ist immer knallvoll, die Leute nutzen die Zeit, um zu Hause auszumisten“, sagt der Stettener. Nicht jedes Buch, das einem beim Aufräumen im Keller in die Hände falle, gehöre ins öffentliche Bücherregal: Uralte, längst veraltete Lehrbücher oder religiöse Traktate dürften getrost entsorgt werden – so bliebe den ehrenamtlichen Betreuern viel Mühe erspart.

Als die Bürgerstiftung Kernen 2010 beschließt, am St.-Pierre-Platz ein öffentliches Bücherregal aufzustellen, gibt es in der gesamten Region noch kein vergleichbares Projekt. Neben der Furcht, die frei zugänglichen Bücher könnten dem Vandalismus zum Opfer fallen, fragten sich die Initiatioren damals: „Wer soll das überhaupt betreuen? Wer guckt regelmäßig danach?“ Daran erinnert sich Dr. Wolfgang Riethmüller, Ehrenpräsident der Bürgerstiftung.

Der eigentliche Ideengeber, ein Bürger aus

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