Kernen

Kernener Chorleiterin berichtet von ihrer Freundschaft mit der belarussischen Oppositionsführerin Maria Kolesnikowa

Ieva Sarja und Maria Kolesnikowa
Das Selfie von Maria Kolesnikowa (links) und Ieva Sarja entstand bei den Aufführungen der Weihnachtsmessen mit dem Katholischen Kirchenchor Rommelshausen. Dort spielte Kolesnikowa Querflöte. © Ieva Sarja

Wie muss man sich fühlen, wenn die einstige Kommilitonin und spätere Arbeitskollegin, mit der man in Vorlesungen saß, gemeinsam lernte oder sich schlichtweg zum Kaffeetrinken verabredete, das Gesicht der Proteste in Belarus wird?

Ieva Sarja ist Chorleiterin bei der Katholischen Gemeinde Rommelshausen und Endersbach sowie Blockflötenlehrerin an der Musikschule Marbach-Bottwartal. Die 37-Jährige, die ursprünglich aus Lettland stammt, hat gemeinsam mit jener Frau in Stuttgart studiert, die seit 8. September in belarussischer Haft sitzt: Maria Kolesnikowa.

Ieva Sarja und Maria Kolesnikowa studierten gemeinsam

„Maria kam im Wintersemester 2007/2008“, erinnert sich Ieva Sarja, die ein halbes Jahr vorher mit dem Studium in Stuttgart begann. Die beiden Frauen lernten sich an der „Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst“ kennen. Beide brachten abgeschlossene Studien aus ihren Heimatländern mit – Ieva Sarja hatte das Studium in Schulmusik und Chorleitung abgeschlossen. Maria Kolesnikowa hingegen in Querflöte.

„Politik war ihr Interessengebiet“

Wie sich die Freundschaft entwickelte? „Wir waren beide Ausländerinnen, wir haben zueinandergefunden“, sagt Ieva Sarja. Dadurch, dass Lettland und Belarus Nachbarländer sind, hätten sie Gemeinsamkeiten gehabt und immer wieder Bezüge gefunden. Da beide zu Beginn ihres Studiums wenig Deutsch sprachen, unterhielten sie sich zunächst auf Englisch. Und nicht selten habe Politik während dieser Gespräche eine große Rolle gespielt. „Politik war ihr Interessengebiet“, sagt Ieva Sarja. Auch habe Maria Kolesnikowa Proteste und Oppositionsbewegungen in anderen Ländern, wie in Russland medial verfolgt.

Auch für Kunst hatte die 38-jährige Oppositionsführerin ein großes Herz

Doch nicht nur Politik habe Maria Kolesnikowa interessiert. Auch für Kunst hatte die 38-Jährige ein großes Herz. „Wenn sie frei hatte, war sie immer unterwegs – besuchte Ausstellungen in Stuttgart, Basel, Mailand“, zählt Ieva Sarja auf. Kolesnikowa habe immer unterschiedliche Seminare und Kurse besucht, um sich weiterzubilden. „Sie hatte sehr, sehr viel Energie“, unterstreicht Ieva Sarja.

Auch sei ihre ehemalige Kommilitonin und Kollegin sehr wissbegierig gewesen. „Sie hat immer gelernt und gelesen. Hat immer etwas Neues gesucht und Vorträge besucht.“ Um für das alles Zeit zu finden, habe sie sogar ihrer Freundin erzählt, dass sie nur noch mit fünf Stunden Schlaf auskomme. Sehr engagiert, intelligent und stets in Action – was passierte dann?

„Sie hat ein Angebot von Viktor Babariko erhalten“, sagt Ieva Sarja. Babariko wollte in Minsk ein neues Kulturzentrum gründen und Maria Kolesnikowa sollte die Leitung übernehmen. Und darauf hätte sie sich sehr gefreut, so Sarja. Obwohl sie ihre Stelle an der Musikschule Marbach aufgab, sei es niemals ihre Absicht gewesen, sich in Minsk niederzulassen, sondern sie habe sowohl in Minsk, aber auch in Stuttgart ihren Verpflichtungen nachgehen wollen.

Maria Kolesnikowa trat in den Präsidentschaftswahlkampf ein

Das letzte Mal sahen sich die Freundinnen vergangenes Jahr – auf der Geburtstagsfeier von Kolesnikowa in Stuttgart. „Dann habe ich irgendwann in Facebook gesehen, dass sie sich dem Team von Viktor Babariko angeschlossen hat“, sagt sie. Babariko kandidierte für die Präsidentschaftswahl in Belarus und galt als aussichtsreichster Gegenkandidat des amtierenden Präsidenten Lukaschenkos. Er wurde gemeinsam mit seinem Sohn festgenommen, woraufhin Maria Kolesnikowa an dessen Stellen in den Präsidentschaftswahlkampf trat.

"Das ist mutig, aber das ist auch sehr gefährlich"

Wie reagierte Ieva Sarja, als sie davon erfuhr? „Das ist mutig, aber das ist auch sehr gefährlich“ – sei ihr erster Gedanke gewesen. Zwar habe sie sich sehr um ihre Freundin gesorgt, aber sie habe auch gewusst, dass sie bis zum Schluss kämpfen würde.

"Dann war es nur noch die Frage der Zeit, wann Maria inhaftiert werden würde"

„Die Leute in Belarus hatten das Gefühl, dass dieses Regime niemals enden wird und dann – durch diesen Wahlkampf – haben viele die Hoffnung gehabt, dass es sich vielleicht doch ändern kann.“ Doch nach den Unruhen in Belarus habe sie gemerkt: „Dann war es nur noch die Frage der Zeit, wann Maria inhaftiert werden würde.“ Und so kam es auch. Zuerst verschwand Kolesnikowa – und dann wurde ihre Inhaftierung bekannt.

„Sie hatte Glück im Unglück“

„Mein erster Gedanke war, ob wir sie jemals wieder sehen werden“, sagt die 37-jährige Chorleiterin. Sie habe auch den Gedanken nicht aus dem Kopf bekommen, ob ihre Freundin gefoltert wurde oder ob man ihr etwas angetan habe. „Das hat mich sehr getroffen – auch emotional“, sagt sie.

Ihrer Meinung nach hatte Maria Kolesnikowa Glück im Unglück. Denn sie war inzwischen weltweit bekannt und sie wurde das Gesicht der Proteste in Belarus. Dadurch, dass Kolesnikowa medial präsent war, habe man ihr nichts antun können, vermutet ihre Freundin.

Täglich schaut Ieva Sarja in Facebook, Instagram und verschiedenen Social-Media-Plattformen rein, aber auch auf deutschen, lettischen und internationalen Nachrichtenportalen, um sich zu informieren.

"Sie will bis zum Schluss bleiben und bis zum Schluss kämpfen"

Auch wenn sie um das Leben ihrer Freundin fürchtet, steht für Ieva Sarja eines fest: „Sie wollte nicht flüchten und alles von außen beobachten. Sie will bis zum Schluss bleiben und bis zum Schluss kämpfen.“

Wie muss man sich fühlen, wenn die einstige Kommilitonin und spätere Arbeitskollegin, mit der man in Vorlesungen saß, gemeinsam lernte oder sich schlichtweg zum Kaffeetrinken verabredete, das Gesicht der Proteste in Belarus wird?

Ieva Sarja ist Chorleiterin bei der Katholischen Gemeinde Rommelshausen und Endersbach sowie Blockflötenlehrerin an der Musikschule Marbach-Bottwartal. Die 37-Jährige, die ursprünglich aus Lettland stammt, hat gemeinsam mit jener Frau in Stuttgart studiert,

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