Kernen

Kneipe in Stetten: Die „Schreibe“ öffnet nach Zwangspause wieder

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Uwe Werner mit seiner einzigen fest angestellten Mitarbeiterin im „Café Schreibmaschine“, Sabine Westphal. Von diesem Donnerstag an sind die beiden wieder für ihre Gäste da. © Sebastian Striebich

„Da, wo das Leben noch lebenswert ist“, herrscht seit Wochen kein Stimmengewirr, niemand trinkt ein Pils an der Theke oder spielt Karten. Die vielen Lokale, die Peter Alexander einst stellvertretend in seiner „kleinen Kneipe“ besungen hat, haben seit zweieinhalb Monaten geschlossen. Denn blöderweise mag auch das Coronavirus die Geselligkeit: In geschlossenen Räumen, in denen sich viele Menschen aufhalten, verbreitet es sich besonders schnell. Also mussten die kleinen Kneipen Mitte März schließen, um der Pandemie Einhalt zu gebieten. Eine davon ist das Café Schreibmaschine in Stetten, oder kurz: die „Schreibe“.

Doch für alle, die ihre Lieblingsbar vermissen, gibt es eine gute Nachricht: An diesem Donnerstag macht der „Schreibe“-Wirt Uwe Werner wieder auf – sogar einige Tage früher als viele andere Bars. Wie es dazu kommt und auf was er achten muss, hat er unserer Zeitung erklärt.

Ein alter Hase in der Kneipenszene

Der 60-Jährige (Oberlippenbart, weit aufgeknöpftes weißes Hemd, in jedem Ohr ein Stecker) ist ein alter Hase in der Remstäler Kneipenwelt. Er hat fast zehn Jahre lang das Küferstüble in Beinstein bewirtet, bevor er vor 15 Jahren nach Stetten kam und das Lokal in der Klosterstraße übernahm. Die „Schreibe“ erweckt ein bisschen den Eindruck, als sei sie aus der Zeit gefallen: Von der Decke herab baumelt eine Fliegenfalle, hinter der Theke hängt die Bundesliga-Stecktabelle. Man kann sich gut vorstellen, wie hier mancher „bei Korn und Bier“ die „Lösung für alle Probleme der Welt“ findet, um es noch einmal mit Peter Alexanders Worten zu sagen.

Die Schreibmaschine hat viele Stammgäste jedes Alters. „Am Anfang war es etwas mau, aber mittlerweile läuft es sehr gut“, sagt der Wirt. Vor der Corona-Krise sah ein Tag im Café so aus: Mittags, wenn Uwe Werner öffnete, kamen die Senioren für Kaffee und Kuchen und die Familien für ein Eis. Mit fortgeschrittener Uhrzeit wandelte sich die „Schreibe“ vom Café zur Kneipe: VfB-Fans, die Fußball schauten, Stammtischrunden, die Karten kloppten. Dann, noch mal später, spülte es die jüngeren Gäste herein, die Dartpfeile warfen, tranken, feierten. An den Wochenenden ging’s oft erst gegen 23 Uhr so richtig rund.

Bier gibt es nicht an der Theke, nur an den Tischen

Wenn Uwe Werner an diesem Donnerstag zum ersten Mal seit Mitte März wieder Gäste bewirtet, wird alles anders sein. Während viele Bars erst am kommenden Dienstag öffnen dürfen, hat sich Werner beim Ordnungsamt schon jetzt die Genehmigung eingeholt: „Wir haben hier auch Speisen. Das war die Grundlage“, sagt der 60-Jährige. Restaurants durften ja schon in der vergangenen Woche öffnen. Uwe Werner sagt: „Wir haben eigentlich immer eine Speisekarte, mal größer, mal kleiner. Wir verkaufen hier Kaffee und Kuchen, wir haben eine Eisdiele. Das sagt ja der Name schon, dass wir eigentlich ein Café sind. Natürlich haben wir auch einen Barbetrieb. Der bleibt aber zu. Den dürfen wir leider nicht aufmachen.“ Er seufzt. Bier gibt es also nur an den Tischen.

„Unsere Plätze reichen hinten und vorne nicht“

Dicht an dicht an der Theke zu sitzen, zu tanzen und sich auch mal mit Wildfremden in den Armen zu liegen, daraus wird vorerst nichts. „Die Leute dürfen nicht in der Gegend rumspringen, wie sie es vorher gemacht haben. Die müssen auf ihrem Platz sitzen bleiben“, sagt der Wirt. Mehr als 20 Stühle hat er in den Keller geräumt und genau darauf geachtet, dass die Tische weit genug auseinanderstehen. Die Dartscheibe darf nicht benutzt werden, die Spielautomaten muss er noch in unterschiedliche Ecken stellen. Seine Angestellten werden wohl Masken tragen.

Herrscht jetzt Rauchverbot? Hmm, vermutlich schon. Aschenbecher hat Uwe Werner zumindest keine auf die Tische gestellt. Für diesen Donnerstagabend, wenn in der Schreibe das VfB-Spiel gezeigt wird, rechnet Uwe Werner mit zahlreichen Reservierungen. „Unsere Plätze reichen hinten und vorne nicht. Da werde ich einige heimschicken müssen.“

Heimgeschickt zu werden, das blüht übrigens auch denen, die sich nicht an die Benimmregeln halten. „Wir sind da rigoros, wenn sie nicht spuren, fliegen sie wieder raus“, sagt Werner, „ich kann das nicht riskieren, dass ich wieder zumachen muss.“ Wobei er darauf hofft, dass sich die Leute schon im „Haase“ und im „Burgstüble“ an die neuen Regeln gewöhnen konnten, andere Stettener Lokale, die einige Tage vor der „Schreibe“ aufgemacht haben. In jedem Fall aber rechnet Werner mit Kontrollen durch das Ordnungsamt. Mit dem habe er aber zurzeit ein so gutes Verhältnis wie noch nie zuvor. Sehr freundlich und entgegenkommend werde er behandelt.

Mit welchem Gefühl startet Uwe Werner in die Zeit nach Corona? Er blickt skeptisch durch die Glasfront in den Schankraum: „Wenn ich da reinguck und das seh, würde ich am liebsten zulassen. Aber es ist ein Anfang, wir müssen einen Anfang machen. Ich habe jetzt seit zweieinhalb Monaten zu und lebe von meinen Rücklagen.“

Außerdem sei ihm mittlerweile „stinklangweilig“, sagt der 60-Jährige. „Wenn man ein Lokal hat, hat man ja keine Hobbys. Das Lokal ist das Hobby.“ Pause. „Wenn der ganze Mist mal rum ist, dann machen wir eine After-Corona-Party.“