Kernen

Kundgebung in Kernen: Mehrere Hundert Teilnehmer gedenken der Corona-Todesopfer

Gedenkveranstaltung
Auf dem Hof zwischen Bürger- und Rathaus in Rommelshausen kamen zahlreiche Menschen zusammen. © Gabriel Habermann

Zum Gedenken an die Opfer der Corona-Pandemie hat der Kerner Ortsverband des Sozialverbandes VdK Baden-Württemberg aufgerufen, um am Samstag in Rommelshausen „ein Zeichen für Demokratie, Zusammenhalt, Solidarität und Vernunft“ zu setzen. „Nachdenken statt Querdenken“ lud dort ein Spruchband des Seniorenrats Kernen ein. „Wir gedenken der Corona-Opfer. Kernen hält zusammen. Kernen zeigt Haltung“ lautete das Motto der Kundgebung. Vom samstäglichen Alltag abgeschirmt von einem halben Dutzend Polizeibeamten, Ordnungsamt und zahlreichen jungen Männern mit Ordnerarmbinde, versammelten sich die mehrere Hundert Teilnehmer im Innenhof des Rathauses.

497 Menschen im Rems-Murr-Kreis an und mit Covid-19 verstorben

VdK-Vorsitzender Udo Rauhut dankte allen Vereinen, Gewerkschaften, Kirchen, Parteien, der Bürgerschaft, dem Landratsamt, der Gemeindeverwaltung, Polizei und Presse, mit deren Unterstützung diese Veranstaltung stattfinden konnte. Er rief zu einer Schweigeminute für die bisher 497 an und mit Covid-19 im Rems-Murr-Kreis Verstorbenen auf.

Bürgermeister Benedikt Paulowitsch zeigte sich tief berührt, dass so viele Menschen zusammengekommen seien, um ein „starkes Signal der Gemeinde nach innen und nach außen“ auszusenden. Sowohl er, wie auch die Landtagsabgeordneten Christian Gehring (CDU) und Jochen Haußmann (FDP) als Mitredner, betonten das Recht auf eine andere Meinung und auch dafür zu demonstrieren. Aber, rief Paulowitsch auf, „nehmen Sie am normalen demokratischen Diskurs teil, machen Sie nicht mit bei den Rattenfängern, die es auch bei uns gibt.“ Wo sich Hass und Hetze breitmachten, Lügen und Verschwörungstheorien, sei eine Grenze überschritten.

Wenn es aus einer Veranstaltung heraus Gewalt gegen andere gebe, forderte Christian Gehring auf, „seien Sie nicht mehr länger Teil dieser Veranstaltung und distanzieren Sie sich klar“. Zudem fühle er sich geradezu angewidert, wie vermeintliche Verschwörungstheorien in offenen Antisemitismus mündeten. Wo immer Antisemitismus auftauche und Teil einer Theorie werde, seien alle aufgefordert, eine klare Brandmauer zu ziehen, so Gehring. „Wir dürfen Hass und Hetze nicht zulassen, und wir sind hier alle aufgefordert, genau hinzusehen.“

Die Corona-Pandemie hat die Probleme des Gesundheitswesens nicht geschaffen

„Es sind nicht alle Nazis, die mitlaufen“, konzedierte Reinhard Neudorfer als Sprecher für den Deutschen Gewerkschaftsbund, aber die Distanzierung fehle. Er bewertete es 77 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee als alarmierend, dass sich AfD und vergleichbare Organisationen wie Identitäten nicht nur immer mehr mit den Querdenkern vernetzten, sondern auch immer stärker deren Aktivitäten organisierten. „Wir müssen wachsam sein, wir müssen lauter werden und aufstehen, hier und überall im Land“, so Neudorfer. Er erinnerte auch daran, dass die Corona-Pandemie die Probleme des Gesundheitswesens nicht geschaffen habe, sondern allenfalls verschärft und offensichtlich gemacht. Ursache seien Privatisierung, Fallpauschale, Unterbezahlung und Unterbewertung der Arbeit in Gesundheitswesen und Pflege.

Für das Gesundheitssystem habe sich die Pandemie mit circa 1,3 Millionen Fällen in Baden-Württemberg, mehr als 13 600 Verstorbenen und geschätzten 70.000 Long-Covid-Betroffenen nicht nur im Personalbereich als gravierende Belastung erwiesen, betonte Jochen Haußmann. Bei ihr handle es sich auch um einen enormen Kostentreiber und habe bei der AOK Baden-Württemberg den bisherigen „Spitzenreiter Herzinsuffizienz“ als teuerste Diagnose vom ersten Platz verdrängt. Dort würden die Behandlungskosten von Januar 2020 bis Juni 2021 mit 165 Millionen Euro zu Buche schlagen. „Das ist keine Verschwörung, sondern eine ernsthafte Entwicklung“, so Haußmann.

In Bezug auf die allgemeine Impfpflicht sei er Bundeskanzler Scholz dankbar dafür, dass dieser nicht von seiner Richtlinienkompetenz Gebrauch gemacht habe. Es handle sich um eine sehr emotionale Frage, und es sei gelebte Demokratie, ihr im Bundestag dafür Raum einzuräumen.

Ehrenamtliches Engagement gefragter denn je

Sowohl Haußmann wie auch die Mitredner Paulowitsch und Gehring dankten den Familien, Kinderbetreuungseinrichtungen, Schulen, Hochschulen, Firmen, Vereinen und Kirchen, die sich dieser enormen Herausforderung stellen. Gerade in dieser Zeit sei ehrenamtliches Engagement gefragter denn je. „Als Landtagsabgeordneter und Berufspolitiker“ entschuldigte sich Gehring in seiner Ansprache dafür, „dass unsere Entscheidungen nicht immer richtig sind“, „dass wir einerseits manchmal über das Ziel hinausschießen“, „dass wir auf der anderen Seite in einigen Momenten zu zögerlich waren“.

Aufgrund dessen seien Menschen gestorben, und man sei an diesem Tag zusammengekommen, „um unsere Toten zu betrauern“. Es habe auch Entscheidungen gegeben, die im Nachhinein falsch waren und die man bereue. Auch künftig werde man Fehler begehen, „denn das Virus ist dynamisch und unberechenbar.“

Politische und gesellschaftliche Verantwortung tragen

Seit Beginn der Pandemie vor nunmehr zwei Jahren sei er selbst schon 17-mal am Grab eines Menschen gestanden, der infolge einer Corona-Infektion verstorben sei, berichtete der Rommelshauser Pfarrer Michael Maisenbacher. Hinter jedem von ihnen, den weltweit mehr als fünfeinhalb Millionen Verstorbenen, den 366 Millionen Corona-Infizierten, von denen viele mit den Folgen zu leben haben, verberge sich das Gesicht eines Menschen mit seinen Angehörigen, Freunden – ein ganzes Leben, Hoffnung, Verzweiflung, Trauer, Wut, Liebe. Maisenbacher lud dazu ein, miteinander für sie zu beten.

Seine Fürbitten widmete er allen Krankenpflegern, Ärzten, Klinikseelsorgenden, die sich in dieser herausfordernden Zeit um Menschen kümmerten und dabei bis zum heutigen Tag noch viel zu oft bis an ihre Grenzen oder darüber hinaus gehen müssten, allen Menschen, die in Altenheimen und Pflegeeinrichtungen lebten und arbeiteten, allen, die in der Corona-Zeit einen lieben Menschen verloren haben, wie auch allen, die politische und gesellschaftliche Verantwortung tragen.

Maisenbacher sagte: „Lasst unter allen Menschen Solidarität, Menschlichkeit und ein gutes Miteinander wachsen, damit wir als Gesellschaft den Herausforderungen der kommenden Zeit voller Zuversicht und Hoffnung begegnen können.“

Zum Gedenken an die Opfer der Corona-Pandemie hat der Kerner Ortsverband des Sozialverbandes VdK Baden-Württemberg aufgerufen, um am Samstag in Rommelshausen „ein Zeichen für Demokratie, Zusammenhalt, Solidarität und Vernunft“ zu setzen. „Nachdenken statt Querdenken“ lud dort ein Spruchband des Seniorenrats Kernen ein. „Wir gedenken der Corona-Opfer. Kernen hält zusammen. Kernen zeigt Haltung“ lautete das Motto der Kundgebung. Vom samstäglichen Alltag abgeschirmt von einem halben Dutzend

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