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Lockerung der Corona-Maßnahmen: „Große Sorge“ bei der Diakonie Stetten

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In der Diakonie herrscht noch immer der Ausnahmezustand. Der Vorstandsvorsitzende Pfarrer Rainer Hinzen, sein Stellvertreter Dietmar Prexl und Pressesprecher Steffen Wilhelm (von rechts) hoffen, dass eine zweite Infektionswelle ausbleibt. © Sebastian Striebich

Die jüngsten Lockerungen im Kampf gegen das Coronavirus bereiten den Verantwortlichen in der Diakonie Stetten große Sorgen. „Bei uns sind in fast allen Gruppen Menschen, die besonders gefährdet sind, einen schweren Verlauf zu haben“, sagt Diakonie-Chef Rainer Hinzen. Die Einrichtung, die in den vergangenen Wochen fünf Todesopfer zu beklagen hatte, fürchtet eine zweite Infektionswelle – und steckt in einem Dilemma.

Alles halb so wild? Für Pfarrer Rainer Hinzen, den Vorstandsvorsitzenden der Diakonie Stetten, ist das Coronavirus viel mehr als eine abstrakte Bedrohung aus den Medien: Vier Klienten und ein Mitarbeiter der Diakonie Stetten sind in den vergangenen Wochen an den Folgen von Covid-19 gestorben. Zeitweise standen zwei Häuser komplett unter Quarantäne. Es mangelte anfangs an Schutzkleidung und Masken, die Personaldecke drohte bedenklich dünn zu werden. Bei einigen Klienten nahm die Krankheit einen schweren Verlauf. Angehörige durften ihre Söhne und Töchter nicht besuchen. Die einen gingen auf die Barrikaden, weil ihnen die Maßnahmen zum Infektionsschutz noch immer zu lasch waren, die anderen, weil sie die Kontaktverbote für unmenschlich hielten. Beides flog den sowieso angespannten Mitarbeitern um die Ohren.

Sollte eine zweite Welle die Diakonie erfassen, geht es um Leben und Tod

Und doch: Es hätte alles noch viel schlimmer kommen können. „Wir haben die Gefährdung der Klienten und Mitarbeiter relativ gering halten können“, sagt Pfarrer Rainer Hinzen im Gespräch mit unserer Zeitung. Die strengen Regeln, die größtenteils noch immer gelten, hätten eine heftigere Ausbreitung des neuartigen Virus verhindert. Momentan ist in der Einrichtung kein einziger positiver Fall mehr bekannt. Das sei nicht zuletzt dem großen Einsatz und der Disziplin der Mitarbeiter zu verdanken, sagt Hinzen. Ein Stück weit sei im Planungs- und Krisenstab, der noch immer mehrfach die Woche im Landenbergerhaus in Stetten tagt, sogar Routine eingekehrt.

Aber: „Unsere große Sorge ist, wenn jetzt allzu schnell versucht wird, alles zu normalisieren, dass dann die Gefährdung sofort wieder da ist“, sagt Hinzen. Sollte eine zweite Infektionswelle in die Einrichtung hineingetragen werden, geht es erneut um Leben und Tod. Denn in den meisten Wohngruppen leben Menschen, für die das Virus aufgrund ihrer Behinderungen und Vorerkrankungen besonders gefährlich ist. „Wir haben eine Schutzverpflichtung für unsere Klienten und Klientinnen und für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wir müssen sorgfältiger darüber nachdenken, was geht und was nicht“, sagt der Diakonie-Chef.

Nach dem Elternbesuch zwei Wochen in Quarantäne

Während sich also rundherum die Einkaufsstraßen, Biergärten und Tennisplätze bald wieder mit Leben füllen, herrscht in der Diakonie Stetten weiterhin der Ausnahmezustand.

Ein Beispiel: Zwar ist die Ausgangssperre für Bewohner aufgehoben. „Da sind wir sehr dankbar und froh“, wie der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Dietmar Prexl sagt. Für den Besuch von Angehörigen, die in der Diakonie leben, gelten aber immer noch äußerst strenge Regeln. Umarmungen sind tabu, beim Spaziergang herrscht Maskenpflicht. Und wenn ein Sohn das Wochenende bei den Eltern verbracht hat, dann muss er im Anschluss für zwei Wochen in Quarantäne. Das sorgt bei vielen Angehörigen für Unverständnis. In deren Lebenswirklichkeit stellt die Diskussion über weitere Lockerungen und die möglichst rasche Rückkehr zur Normalität die Mahnungen von Gesundheitsexperten längst in den Schatten. Die kritischen Stimmen, die sich bei den Diakonie-Mitarbeitern über zu strenge Maßnahmen beschweren, übertönen diejenigen, denen die Regeln zu lasch sind. Dietmar Prexl hat dafür großes Verständnis: „Wenn das mein Kind wäre und fünf Wochen lang hätte ich es nicht besuchen dürfen ... Wir haben mit Tablets und Videos gearbeitet, uns ganz viel überlegt und gemacht – aber die Umarmung ersetzt das nicht.“

Die Maßnahmen widersprechen den Grundprinzipien der Diakonie

Das große Spannungsfeld zwischen der Angst vor dem Virus und dem Wunsch nach Normalität ist ein Dilemma, das viele kennen. Die Diakonie Stetten trifft es besonders hart. Denn seit Wochen stehen die Remstal-Werkstätten und andere Einrichtungen der Eingliederungshilfe still. Das widerspricht den Grundprinzipien in Stetten. „Wir möchten, dass die Menschen Inklusion erleben. Wir möchten, dass die Menschen selbstbestimmt ihre Entscheidungen treffen dürfen. Und wir müssen auf der anderen Seite dafür sorgen, dass niemand gefährdet wird“, sagt Pfarrer Hinzen.

Auch die Diakonie wagt erste Schritte zurück in die Normalität. In den Diakonie-Schulen werden die Abschlussklassen wieder unterrichtet. Besonders schwierig gestaltet sich das „Wiederhochfahren“ allerdings bei den Werkstätten. Nach der aktuellen Verordnung dürfen diese wieder geöffnet werden: auf freiwilliger Basis, mit 25 Prozent der Belegschaft, in Arbeitsgruppen von höchstens sechs Personen, unter Einhaltung der Mindestabstände.

"Wenn eine Infektion passiert, wird das sofort in andere Wohnheime übertragen"

„Wir haben in den Werkstätten Arbeitsgruppen, da kommen die Menschen mit Behinderung aus unterschiedlichsten Wohngruppen. Das heißt: Wenn hier eine Infektion passiert, wird das sofort in andere Wohnheime übertragen“, sagt Hinzen. Dennoch werde derzeit ein entsprechendes Konzept erarbeitet.

Dabei ist Kreativität gefragt. Wo das möglich ist, soll jetzt sogar Heimarbeit stattfinden. Für die Menschen mit Behinderung ist die Arbeit schließlich mehr als nur Beschäftigungstherapie. Sie schafft auch größere finanzielle Unabhängigkeit. Zum Basislohn kommen Erträge aus der Produktion. Steht die still, fallen Einnahmen der Diakonie Stetten weg und auf lange Sicht auch das Taschengeld der Arbeiter. Pfarrer Rainer Hinzen: „Wenn nichts produziert wird, ist nachher auch nichts zu verteilen.“

Apropos Geld: Die finanziellen Auswirkungen der Krise hat die Diakonie Stetten noch nicht abschließend bewertet. Wohl aber haben Hinzen und Prexl wahrgenommen, dass sich andere bereits für die Ausschüttung von Hilfsgeldern in Position gebracht haben. Auch Wirtschaft, Krankenhäuser und Kommunen haben große, von der Corona-Krise gerissene Löcher zu stopfen. Der politische Kampf um die Finanzspritzen hat begonnen. Er wird nicht ohne Beteiligung der Diakonie vonstattengehen, das steht jetzt schon fest. In ein paar Wochen dürften sich die „erheblichen wirtschaftlichen Auswirkungen, nicht nur für die Diakonie Stetten, sondern für Eingliederungshilfen generell“, genauer beziffern lassen, kündigt Rainer Hinzen an.

Die jüngsten Lockerungen im Kampf gegen das Coronavirus bereiten den Verantwortlichen in der Diakonie Stetten große Sorgen. „Bei uns sind in fast allen Gruppen Menschen, die besonders gefährdet sind, einen schweren Verlauf zu haben“, sagt Diakonie-Chef Rainer Hinzen. Die Einrichtung, die in den vergangenen Wochen fünf Todesopfer zu beklagen hatte, fürchtet eine zweite Infektionswelle – und steckt in einem Dilemma.

Alles halb so wild? Für Pfarrer Rainer Hinzen, den

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