Kernen

Mehr als 100 Pflegeplätze in Gefahr

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Gaby Schröder, Geschäftsführerin des Alexanderstifts, fürchtet, dass sie das eine oder andere der zurzeit im Kreis betriebenen Seniorenheime demnächst schließen muss. Der Grund: Die Einzelzimmerverordnung. © ZVW/Danny Galm

Kernen. Wenn sich rund um die Einzelzimmer-Verordnung für Seniorenheime nicht noch Grundlegendes tut, wird das Alexanderstift bis August 2019 in allen Niederlassungen im Rems-Murr-Kreis 21 Pflegeplätze verloren haben, bis dann alle Fristverlängerungen ausgelaufen sind, werden es weitere 80 Plätze sein. Plätze, die bislang stets belegt sind.

Zur Beruhigung: Gaby Schröder, Geschäftsführerin des Alexander-Stifts, hat für die Häuser in Rudersberg und Urbach durchaus einen Plan. Die voll belegten und sehr beliebten Seniorenwohnheim-Standorte können erhalten bleiben, wenn Baumaßnahmen durchgeführt werden und alles umorganisiert wird.

Das kostet aber Geld. Und da beide Häuser sogenannte „Bürger-Investoren-Modelle“ sind – viele Menschen haben ihr Geld reingesteckt und sind jetzt alle zusammen Eigentümer –, müssen diesen Maßnahmen auch stets alle Eigentümer zustimmen. Und da wird’s schwierig.

Es geht um die Einzelzimmerverordnung der Landesheimbauverordnung, die am 1. September 2009 vom Sozialministerium verabschiedet wurde und deren Vorgaben spätestens zehn Jahre später, also im Herbst 2019, umgesetzt sein müssen.

Aus 39 Pflegeplätzen werden in der Urbacher Schlossstraße 22 Betten

Diesen Vorgaben entsprechend müssen Doppel- in Einzelzimmer umgewandelt werden. Das führt, da nicht aus dem Nichts weitere Einzelzimmer hergezaubert werden können, dazu, dass Betten wegfallen. In der Urbacher Schlossstraße zum Beispiel leben zurzeit 39 Bewohnerinnen und Bewohner. Diese werden in der Frühschicht von vier Pflegerinnen und zwei Helfern betreut. Werden aus den Doppelzimmern Einzelzimmer, gibt es in der Schlossstraße nur noch 22 Pflegeplätze.

Dann werden – Personal muss sich rechnen – am Morgen nur noch zwei Pflegerinnen und ein Helfer vor Ort sein. Das, so fürchtet Gaby Schröder, wird in einer Katastrophe enden. Denn fällt eine Pflegekraft oder der Helfer aus, kommt entweder ein unlösbares Arbeitsproblem auf die Verbleibenden zu. Oder alle Mitarbeiter müssen stets abrufbereit sein, um den Ausfall auffangen zu können.

Die Mitarbeiterkosten werden nicht weniger

Hinzu kommt, dass jede Nacht das ganze Jahr hindurch eine Person Nachtwache hat. Insgesamt sind das in der Urbacher Schlossstraße 2,6 Vollzeitstellen. Diese Nachtwache muss da sein, selbst wenn nur noch eine Person im Heim leben würde. Die Mitarbeiterkosten werden also nicht weniger, selbst wenn sich die Pflegeplätze fast halbieren. Das ist für das Alexanderstift finanziell nicht tragbar.

Damit sich der Betrieb im Heim in der Urbacher Schlossstraße – und das Gleiche gilt für alle anderen Seniorenheime auch – für das Alexanderstift nach wie vor rechnet, müssen diverse Umbauten gemacht werden. Wie genau die auszusehen haben und was das alles kosten wird, weiß Gaby Schröder nicht. Ein Architekt hat sich das alles noch nicht angeschaut.

Denn zwar wurde die Einzelzimmerverordnung 2009 verabschiedet, doch die diese spezifizierenden ermessungslenkenden Richtlinien kamen erst 2015. Das heißt: Von den zehn Jahren Frist, sagt Gaby Schröder, hat die Landesregierung schon mal sechs selbst gebraucht.

Antrag auf völlige Befreiung? Erst zwei Jahre vor Fristablauf möglich

Die Anträge auf Fristverlängerung, die das Alexanderstift für seine Häuser längst gestellt hat, haben den Häusern in Urbach noch eine Frist bis 2024 verschafft. In Rudersberg wird’s schon enger: Nur bis 2022 wurde Aufschub gewährt. Anträge auf dauerhafte Befreiung, eine Genehmigung also, dass den Vorgaben der Einzelzimmerverordnung nicht nachgekommen werden muss, können erst zwei Jahre vor Ablauf der Aufschubfrist gestellt werden.

Gaby Schröder sagt, sie nehme jetzt den Druck raus. Die Fristen ließen den Eigentümern noch Zeit, sich zu entscheiden. Und wenn sie gegen einen Umbau votieren, hat das Alexanderstift auch noch Zeit, sich nach neuen Häusern umzusehen. Denn die Standorte sollen keinesfalls aufgegeben werden. Dass das Sozialministerium die Angst, dass Pflegekapazitäten verloren gehen würden, als „durchsichtiges Katastrophenszenario“ abgetan hat, kann Gaby Schröder nicht nachvollziehen. „Ich empfinde das als dramatisch.“ Und eines ist sicher, ganz gleich, wie’s in Urbach oder Rudersberg weitergehen wird: Auf Investoren-Modelle wird sich Gaby Schröder nicht mehr einlassen.


Ein ums andere Mal stellt sich bei genauem Hinschauen die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Einzelzimmerverordnung. Warum zum Beispiel, fragt Gaby Schröder, müssen die Einzelzimmer unbedingt mindestens 16 Quadratmeter groß sein? Das erschwert die Einhaltung der Vorschriften extrem. Wieso diese Zahl? Warum nicht 18 oder 14 Quadratmeter?

Dass die neueste Pflegewissenschaft bei manchen Menschen überhaupt nichts von Einzelzimmern hält, sondern bei Demenzpatienten sogar inzwischen dazu rät, sogenannte „Pflegeoasen“ anzulegen, findet sich in der Verordnung überhaupt nicht und darf somit auch nicht vorkommen. Von Pflegeoasen spricht man, wenn acht bis zehn demente Menschen zusammen in einem Zimmer liegen. Eine Pflegekraft kümmert sich die gesamte Arbeitsschicht lang ausschließlich um dieses Zimmer und ist immer vor Ort. Demenzkranke Menschen, die oft unter Ängsten leiden, fühlen sich dann sicherer und nicht alleingelassen. In der Schweiz, so Gaby Schröder, geht man diesen Weg längst.

Doch selbst wenn die Einzelzimmer verwirklicht sind, idealerweise auch mit jener Variation, bei der zwei nebeneinanderliegende Zimmer für Paare mittels Durchgang verbunden sind, wird es schwierig. Denn problemlos geht die Belegung nur beim allerersten Mal. Dann kann ein Paar solch ein Zimmerkonstrukt miteinander bewohnen. Doch was passiert, wenn einer der beiden stirbt? Dann kann kein neues Paar in die zwei zusammenhängenden Zimmer ziehen, denn eines ist ja noch belegt. Und so müssen nachfolgende Ehepaare zwei Zimmer nehmen, die sicher nicht nebeneinander, womöglich nicht mal im gleichen Stock liegen.

Oder der überlebende Partner des ersten Ehepaares muss aus- und umziehen. Das aber tun alte Menschen nicht gern. Das, sagt Gaby Schröder, wolle sie den Menschen nicht antun.

Durchmischung nicht erlaubt

In Rudersberg und in Urbach sind ins Alexanderstift mehrere betreute Wohnungen integriert. Das sind meist eigenständige Wohnungen mit jeweils zwei Zimmern. Teilweise werden diese schon jetzt als Pflegezimmer genutzt. Um den Pflegezimmerverlust wenigstens etwas auszugleichen, könnten ja theoretisch noch weitere Wohnungen zur Pflege zugeschlagen werden. Praktisch aber geht das nicht. Denn: Laut der Landesheimbauverordnung ist eine Durchmischung von betreutem Wohnen und Pflege nicht mehr zulässig. Warum? Das wisse sie nicht, sagt Gaby Schröder.

Wenn sie und die Haus-Eigentümer also diesen Weg gehen wollten, müssten alle betreuten Wohnungen zu Pflegezimmern umgewandelt werden. Das aber stößt auf heftigen Widerstand. Denn in einigen dieser Wohnungen leben die Eigentümer, die sich ja just aus dem Grund eingekauft hatten, weil sie im Alter betreut wohnen wollten. Diese Menschen müssten ausziehen – ohne Alternative.


Zahlen

Das Alexanderstift hat im Rems-Murr-Kreis zehn Niederlassungen, und zwar in Allmersbach, Oppelsbohm, Korb, Rudersberg, Urbach, Hegnach, Hohenacker, Endersbach, Schnait und Weissach im Tal.

Bis August 2019 werden in all diesen Häusern insgesamt 21 Pflegeplätze, die bislang in Doppelzimmern sind, verloren gehen. Bis die Fristverlängerungen alle auslaufen, werden es nochmals 80 Pflegeplätze sein. Hinzu kommen noch nicht bezifferte Pflegeplätze in Einzelzimmern, die zu klein sind.

Gaby Schröder geht davon aus, dass der Standorte schließen werden, weil sie nicht mehr rentabel sind. Und, sagt Gaby Schröder, anderen Trägern gehe es nicht anders als dem Alexanderstift.