Kernen

Mit dem Tourenwagen um die Ostsee

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Mit dem Tourenwagen um die Ostsee_0
Bis zum Nordkap hinauf sind Ilhan Dogan und Hüseyin Ercan (von links) mit ihrem Rallye-Wagen gereist. © Ilhan Dogan Ercan
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Übernachtet haben die Ercans im Dachzelt, meistens in der freien Natur.
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Trotz Enge gut gelaunt: 16 Tage lang sind die beiden Sitz an Sitz um die Ostsee herum gereist.
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Auf den Weg gemacht haben sie sich zu viert: Ein Freund und dessen Vater machten ebenfalls bei der Rallye mit. Über Funk tauschten sie sich aus, fuhren Kolonne und sorgten für etwas Abwechslung in der täglichen Gesellschaft.

Kernen-Rommelshausen. Einen Vater-Sohn-Roadtrip haben Hüseyin und Ilhan Dogan Ercan gemeinsam unternommen. Zwei Wochen lang haben sie bei der Baltic-Sea-Circle-Rallye Skandinavien, Russland und das Baltikum bereist – und einander dabei besser kennen- und verstehen gelernt.

Sie umrundeten die Ostsee, besuchten das Nordkap, standen auf dem Polarkreis und durchforsteten einen Schrottplatz nach dem einstigen Tourbus der schwedischen Band „Abba“. Sie versuchten, sich mit Karte und Kompass zurechtzufinden, sahen Rentiere, campten neben einer Elchfamilie.

Sie schliefen selbst bei strömendem Regen und stürmischem Wind im Dachzelt, machten Licht mit einer Öllampe, wuschen sich unter dem Strahl einer eisigen Campingdusche und ernährten sich von Zuckerbrot und Suppe.

Ein richtiges kleines Abenteuer haben der Rommelshausener Ilhan Dogan Ercan und sein Vater Hüseyin Ercan in den letzten beiden Juniwochen bei der Baltic-Sea-Circle-Rallye erlebt. Jenseits von Autobahnen, ohne Navigations- und GPS-Gerät mussten sie in 16 Tagen eine 7500 Kilometer lange Strecke abfahren – Um- und Irrwege nicht mit eingerechnet.

Ein Streckenbuch gab für jeden Tag eine Aufgabe vor. Mal sollte dänischer Sand eingepackt, mal der Abba-Bus gesucht werden, mal sollten Beifahrer verschiedener Teams die Plätze tauschen. Zudem gab’s Punkte fürs Wildcampen, für Spenden, für den Rang beim Zieleinlauf.

„Mittelfeld“ in der Rallye, doch für die Beziehung „ein voller Erfolg“

Nicht mal ein Drittel der Aufgaben haben die beiden erfüllt, gibt Ilhan Dogan Ercan zu. Die Ersten im Ziel waren sie auch nicht. „Wir sind stabiles Mittelfeld“, sagt er gut gelaunt. „Gefühlt sind wir moralisch die Sieger.“ Aufs Gewinnen ist es ihm sowieso nicht angekommen.

Ihm ging es um die Zeit mit seinem Vater. Wie berichtet, wollte er Hüseyin Ercan aus seiner Renten-Lethargie reißen und einen neuen, verständnisvolleren Blick für seinen Vater entwickeln – für dessen Gewohnheiten, gesundheitliche Grenzen und Vergesslichkeit, aber auch für dessen Leistungen und Stärken.

Denn in den vergangenen Jahren hat er seinen einst aktiven Vater zunehmend als Klischee-Rentner empfunden. Dieser ging vor sieben Jahren aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand. Mittlerweile nennt er Gartenarbeit, Spaziergänge und Mittagsschläfchen als seine Hobbys.

Nicht gerade, was Ilhan Dogan Ercan sich für seinen Vater gewünscht hat. In seinen Augen sollte der 68-Jährige die freie Zeit auskosten, sich ausprobieren, Neues entdecken. Da er das nicht von selbst tat, gab der Sohn dem Vater die Sporen – indem er sie beide als Team „Father and son“ bei der Rallye anmeldete.

Auf der Tour war es an Hüseyin Ercan, seinen Sohn zu überraschen. Mit bislang unbekannten Fremdsprachenkenntnissen zum Beispiel. Begeistert erzählt der 35-Jährige, wie sein sonst eher zurückhaltender Vater in Russland, Lettland und Polen mit Unbekannten ein Schwätzchen gehalten hat. Die Sprachbrocken hat er bei der Schichtarbeit im Presswerk gelernt. Dabei traue er sich sonst noch nicht einmal, Deutsch zu sprechen – obwohl er bereits seit Jahrzehnten hier lebt.

Ganz allgemein trete sein Vater nun viel selbstbewusster auf. Vielleicht durch die vielen kleinen Erfolgserlebnisse? Immerhin hat sich das „Team verpeilt“, wie Ilhan Dogan Ercan es nennt, trotz Orientierungsschwierigkeiten („Wir haben uns bereits nach 500 Metern übel verfahren!“) und fehlender Sprachkenntnisse erfolgreich durchgeschlagen.

Auch auf zwischenmenschlicher Ebene war die Reise ein voller Erfolg, findet Ercan junior. Die Gespräche, die gemeinsamen Erlebnisse: Das schweißt zusammen. Sie hätten ihm wieder vor Augen geführt, was für ein „toller Typ“ sein Vater sei. Auch Hüseyin Ercan hat die Zeit genossen. Das gemeinsame Reisen und Navigieren habe nicht zuletzt das Vertrauen zueinander gestärkt, sagt er: die Bereitschaft, sich auf den anderen zu verlassen.

Klar, die stundenlange Fahrerei war anstrengend. Auch „zwischenmenschlich war’s schon manchmal ein bisschen haarig“, sagt Ilhan Dogan Ercan. Doch er kann sich gut vorstellen, so eine Tour zu wiederholen, übers Wochenende vielleicht.

„Ich kann das echt jedem empfehlen“, betont er. Eine Wunderkur für strapazierte Beziehungen sei so eine Reise zwar nicht. Wichtig sei, dass es „beide gemeinsam durchziehen“. Doch mit seiner Geschichte will er dazu ermutigen, sich mehr Zeit für die eigene Familie zu nehmen – denn hinter den altbekannten Gesichtern steckt oft mehr, als gewohnte Blickweisen vermuten lassen.

„Man kann immer ein bisschen mehr aus der Beziehung rausholen, als man sich zutraut – und als man Lust hat“, sagt er überzeugt. „Am Ende zahlt sich das aus.“


Rallye mit sozialem Anspruch

Die nördlichste Rallye überhaupt sei die Baltic-Sea-Circle-Rallye, wirbt der Veranstalter, der Hamburger „Superlative Adventure Club“. Sie führt einmal um die Ostsee (engl. „baltic sea“) herum: von Hamburg über Skandinavien, den Nordwesten Russlands und das Baltikum zurück nach Hamburg.

Für einen guten Zweck müssen alle Rallye-Teams bis zum letzten Tag der Tour mindestens 750 Euro Spenden zusammentragen. Ilhan Dogan Ercan wollte insgesamt 3000 Euro sammeln. Die Hälfte ist bis zum Ende der Rallye zusammengekommen. Das Geld geht an drei Projekte: den FC Jawanan, einen Bonner Fußballverein für junge unbegleitete Flüchtlinge; den Verein „Frauen helfen Frauen“ Stuttgart; und eine DRK-Spendenaktion für den Bau von Trinkwasserbrunnen in Somalia.

Es ist weiterhin möglich, zu spenden. Alle nötigen Informationen sind im Rallye-Blog fatherandson.blog zu finden.

Bilder und Kurzberichte hat Ercan außerdem über sein Instagram-Profil „bsc2018_fatherandson“ veröffentlicht.