Kernen

Per Whatsapp Jungen sexuell belästigt

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Symbolfoto. © Joachim Mogck

Kernen/Waiblingen. Er schickte einem 12-Jährigen anzügliche Nachrichten und bot per Whatsapp Zigaretten gegen Oralverkehr – wenige Wochen, nachdem er wegen sexueller Übergriffe auf andere Jungen zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden war. Nun wurde ein psychisch kranker 25-Jähriger zu einer Freiheitsstrafe von acht Monaten verurteilt. Sein Anwalt wird wohl in Berufung gehen.

Im Juni 2018 war der heute 25-Jährige wegen sexuellen Missbrauchs in sechs Fällen zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten auf Bewährung verurteilt worden. Er hatte sich zwischen 2015 und 2018 übers Internet an Jungs zwischen zehn und 13 Jahren herangemacht. Bei der Annäherung hatte er sich als Mädchen ausgegeben, Pornos und Aufforderungen zu sexuellen Handlungen verschickt. Zwei der Jungs setzte er so sehr unter Druck, dass sie ihm Bilder oder Videos von sich schickten. Einem anderen fasste er bei persönlichen Treffen in die Hose. Die Richterin am Landgericht Stuttgart bläute dem jungen Mann ein, die Bewährungsstrafe sei seine letzte Chance. Er ließ sie verstreichen.

Es dauerte gerade mal zwei Monate, da verschickte der psychisch kranke Kernener, der einen IQ um die 70 hat und dem eine 80-prozentige geistige Behinderung attestiert wird, wieder Sexnachrichten. Empfänger war dieses Mal ein 12-Jähriger, den er auf einem Straßenfest kennengelernt hatte. „Darf ich dir einen blasen?“, wurde der Junge per Whatsapp gefragt. Kurz darauf bekam er einen Deal angeboten: Zigaretten gegen Oralverkehr. Der Bub ging nicht darauf ein, brach den Kontakt ab. Als seine Mutter die Nachrichten entdeckte, ging sie zum Polizeiposten Kernen und erstattete Anzeige.

Am Ende der Verhandlung am Amtsgericht nun verhängte Richter Armin Blattner eine Freiheitsstrafe von acht Monaten. Damit setzte er sich sowohl über den Antrag des Verteidigers als auch über den der Staatsanwältin hinweg: Beide hätten dem Angeklagten eine weitere Bewährungschance eingeräumt.

Arbeitslos, ohne Orientierung

Das liegt an den schwierigen Verhältnissen, in denen der junge Mann lebt. Er hat schon als Kind einiges durchgemacht: Sein Vater starb, da war er vier, die suchtkranke Mutter heiratete neu, der Stiefvater war gewalttätig, schließlich starb auch die Mutter. Dem Jungen fehlte es an Orientierung, dennoch schaffte er die Förderschule und im Anschluss eine Ausbildung. Bereits 2013 wurde er übergriffig, musste zur Anlaufstelle gegen sexualisierte Gewalt. Nach der Ausbildung fand er keine Arbeitsstelle. Aus zwei betreuten Wohngruppen flog er raus, wurde obdachlos.

Fast die Hälfte der Therapiestunden – eine Bewährungsauflage des Landgerichts – hat er verschlafen oder kurzfristig abgesagt. Ein Gutachten war vergangenes Jahr zum Ergebnis gekommen, der junge Mann, der geistig auf dem Stand eines 14-, 15-Jährigen sei, brauche dringend „engmaschige“ Betreuung. Doch schon bevor seine sehr engagierte Bewährungshelferin überhaupt ihre Arbeit aufnehmen konnte und auch bevor die erste Therapiestunde anstand, schrieb er bereits die Nachrichten, die ihn nun wieder vor Gericht brachten.

Dass er eine weitere Bewährungsauflage des Landgerichts nicht erfüllen kann, dafür kann der 25-Jährige nur bedingt etwas: Niemand möchte ihn in einer betreuten Unterbringung aufnehmen – aufgrund seiner Vorgeschichte. Nun hat die Bewährungshelferin wenigstens einen Verein gefunden, der sich fünf Stunden in der Woche um ihn kümmert. Auch die vage Aussicht auf eine Wohnung gibt es.

Therapie als Opferschutz

Das alles bewegte die Staatsanwältin dazu, in ihrem Plädoyer beide Augen zuzudrücken: „Wenn man ganz konsequent ist, müssen sie jetzt ins Gefängnis“, sagte sie, „ich glaube aber, es ist verkehrt sie ins Gefängnis zu stecken, weil sie dort erst recht untergehen.“

Dem Antrag auf acht Monate auf Bewährung schloss sich der Verteidiger des Angeklagten an. „Die Straftaten haben schon Risikopotenzial“, gab er zu. Der beste Opferschutz sei aber die richtige Arbeit mit dem Täter: „Wenn er nicht wieder zum Täter wird, gibt’s auch keine zukünftigen Opfer mehr.“ Eine auf seinen Klienten zugeschnittene Therapie gebe es im Gefängnis aber kaum. Nachdem nun Therapie und Betreuung immer besser anliefen, wage er eine vorsichtig positive Prognose.

Richter geht von Revision aus

Die sah der Richter nicht – noch nicht. In seinem Urteil machte er deutlich, dass er mit einer Revision seiner Entscheidung rechne. Es komme nun darauf an, dass der Angeklagte die kommenden Monate nutze, um dann bei der Berufungsverhandlung am Landgericht „eine gute Figur zu machen“.