Kernen

Querdenker stellen Kernens Bürgermeister Benedikt Paulowitsch an Online-Pranger

BM Bendikt Paulowitsch
„Das gehört in den Ämtern heute leider einfach absolut dazu, dass man derart angefeindet und angeprangert wird“, sagt Benedikt Paulowitsch, Bürgermeister von Kernen. Er stand schon in der Vergangenheit im Fokus der Querdenker-Szene. © Benjamin Büttner

Zwischen dem 25. und 26. Mai ist der Name des Kernener Bürgermeisters Benedikt Paulowitsch auf einem Online-Pranger aufgetaucht. In der Querdenker-Szene erfreut sich der Pranger, der durch den Hashtag #IchHabeMitgemacht bekannt wurde, großer Beliebtheit. Wieso wird der Rathauschef aus dem Remstal dort aufgeführt?

Aufgelistete Menschen und Institutionen werden als „Täter von heute“ bezeichnet

Bereits im April haben wir eine ausführliche Recherche zu diesem Online-Pranger veröffentlicht. Die Website versteht sich als „Dokumentationszentrum für Corona-Unrecht“, die aufgelisteten Menschen und Institutionen werden als „Täter von heute“ bezeichnet. Darunter finden sich prominente Politiker wie der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann ebenso wie unbekannte Hausärzte.

Indirekt stellen sich die Betreiber in eine Tradition mit der Verfolgung von NS-Verbrechen – ein absurder, aber in der Querdenker-Szene weit verbreiteter Vergleich. Verantwortlich für den Pranger ist laut Website ein „Kreis besorgter Archivare“. Im Impressum findet sich der Name eines Journalisten: Burkhard Müller-Ullrich. Ullrich war für diverse öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten und, bis vor kurzem, für den rechten Blog „Achse des Guten“ tätig. Zu seinem Pranger äußerte er sich im Rahmen unserer Recherche nicht.

Mittlerweile zählt die Liste über 1150 Einträge

Aber wie kommt Paulowitschs Name auf den Pranger? Das ist schwer nachzuvollziehen, was am angeblichen Vorgehen der Betreiber liegt: Jeder kann anonym Menschen oder Institutionen für die Liste vorschlagen. Immer wieder wird in Telegram-Kanälen der Querdenker-Szene dazu aufgerufen, genau das zu tun. Die „besorgten Archivare“ übernehmen laut Website dann die Prüfung und erstellen den Eintrag. Mittlerweile zählt die Liste über 1150 Einträge.

Einen Hinweis bietet der Eintrag selbst: Der Inhalt des Listen-Eintrags über Benedikt Paulowitsch verweist auf die Querdenker-Szene. Er enthält den Kommentar des Kernener Bürgermeisters zu einem offenen Brief der Bürgerinitiative „Freiheit und Gesundheit Kernen“. Diese hat in der Gemeinde Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen veranstaltet.

Paulowitschs Kommentar wird zitiert

Zu einer dieser Demonstrationen wurden auch Paulowitsch und weitere Vertreter der Gemeinde eingeladen. Dem erteilten sie in einem offenen Brief eine Absage – einem Brief, der von einem breiten Bündnis an Parteien unterzeichnet wurde. Nicht der Brief selbst wird nun von dem Online-Pranger zitiert, sondern Paulowitschs Kommentar dazu. Er schrieb: „Bei den Demonstrationen wurden nicht nur Menschen wie der Landtagsabgeordnete Heinrich Fiechtner eingeladen, sondern auch Verschwörungstheorie verbreitet. Die Initiative bezieht sich auf Informationsquellen und Internetseiten, die absurdeste Verschwörungstheorie propagieren.“

Bürgermeister nicht überrascht

Nachdem wir auf den Eintrag gestoßen sind, haben wir den Kernener Bürgermeister davon in Kenntnis gesetzt. Er reagierte nicht überrascht. „Das ist schon seit Jahren bekannt, dass solche Methoden immer mehr aufkommen – insbesondere aus dem extremistischen Lager“, sagt er auf Anfrage unserer Redaktion.

Auch angesichts der Tatsache, dass Benedikt Paulowitsch sich zu Corona-Themen klar positioniert, werden seine Zitate auf entsprechenden Querdenker-Plattformen unter anderem aber auch in impfkritischen Telegram-Gruppen häufig verbreitet. „Das gehört in den Ämtern heute leider einfach absolut dazu, dass man derart angefeindet und angeprangert wird“, sagt Benedikt Paulowitsch.

Doch fest steht für ihn: „Wenn die Hoffnung von solchen Leuten ist, dass Menschen wie ich, so etwas nicht mehr tun und sich gar nicht mehr klar positionieren, dann täuschen sie sich gewaltig.“

Auffällig findet Benedikt Paulowitsch zudem, dass sich solche Fälle in letzter Zeit häufen. Zuletzt wurde die Fragestunde für Bürger in der vergangenen Sitzung des Gemeinderats von einer offensichtlich impfkritischen Gruppe gestört. Die Situation eskalierte, woraufhin Personen aus der Gruppe sowohl den Bürgermeister als auch Gemeinderatsmitglieder beschimpften, ehe sie den Saal im Bürgerhaus verließen. Dass nun eine Woche nach diesem Vorfall der Bürgermeister namentlich in dieser Liste auf der besagten Online-Plattform auftauche, sei keine Überraschung für ihn.

Rathauschef erhält "unschöne Zuschriften"

Darüber hinaus erhalte er in den vergangenen Wochen „unschöne Zuschriften“, sagt der Kernener Rathauschef. Doch je mehr sich die negativen Ereignisse in letzter Zeit häufen, umso mehr erhalte er aber auch positive Rückendeckung und Unterstützung von Bürgern, die ihn auf offener Straße auf „solche Ereignisse“ etwa im Bürgerhaus ansprechen und ihm ihre Solidarität zeigen. Auch über den Rückhalt der Gemeinderäte freut sich Bürgermeister Benedikt Paulowitsch. „Das ist sehr positiv und das gibt einem auch sehr viel Kraft“, sagt er.

Paulowitsch: Für die demokratischen Werte stehen

Des Weiteren beobachtet der Bürgermeister, dass die Entwicklungen, die bereits in den vergangenen Jahren vor der Corona-Pandemie zu sehen waren, weiter voranschreiten. Umso wichtiger sei es, „klare Kante zu zeigen“, findet Paulowitsch. „Es ist schlichtweg die Verteidigung von unseren Werten, unserem demokratischen Miteinander“, sagt der Rathauschef. „Und das ist keine Hetze gegen andere, gegen Einzelpersonen oder gegen Gruppen.“ Sondern es sei schlichtweg die Bitte und der Aufruf, dass man gemeinsam die Demokratie verteidigen solle, so der Bürgermeister.

Benedikt Paulowitsch stand schon in der Vergangenheit im Fokus der Querdenker-Szene. Wie bereits berichtet, zogen Ende Januar sogenannte „Montagsspaziergänger“ an seinem Privathaus in Stetten vorbei.

Zwischen dem 25. und 26. Mai ist der Name des Kernener Bürgermeisters Benedikt Paulowitsch auf einem Online-Pranger aufgetaucht. In der Querdenker-Szene erfreut sich der Pranger, der durch den Hashtag #IchHabeMitgemacht bekannt wurde, großer Beliebtheit. Wieso wird der Rathauschef aus dem Remstal dort aufgeführt?

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Aufgelistete Menschen und Institutionen werden als „Täter von heute“ bezeichnet

Bereits im April haben wir eine ausführliche Recherche zu diesem

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