Kernen

Ricos langer Weg zur eigenen Kneipe

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Das Wichtigste für Ricardo Mendes ist Respekt. Mit seiner offenen Art hat er schon einige Stammkunden für sein Bistro „Sintra“ am Bahnhof Rommelshausen gewonnen. Allerdings arbeitet der 49-Jährige, der früher Rettungssanitäter war, hart dafür, dass sein Laden läuft. Was hilft: Sein Optimismus. © ZVW/Alexandra Palmizi

Kernen-Rommelshausen. Seit Mai betreibt Ricardo Mendes das Bahnhofsbistro in Rommelshausen. Wie wurde der 49-Jährige vom Rettungssanitäter beim portugiesischen Militär zum Kneipier im Remstal? Und was hat der Brexit damit zu tun?

„Danke“, „Bitte“ und „Mein Deutsch ist leider nicht so gut“ – das waren die ersten Worte, die Ricardo Mendes nach seiner Ankunft im Jahr 2018 in Deutschland gelernt hat. Seit Mai dieses Jahres betreibt der 49-Jährige das Bistro „Sintra“ am Rommelshauser Bahnhof. Er verkauft Bier, Wein und Mittagsgerichte aus seinem Heimatland, aber auch mal Maultaschen – die mag er nämlich selbst sehr gern. Benannt ist sein Bistro nach der kleinen Stadt Sintra in Portugal, nahe Lissabon. Dort ist Mendes aufgewachsen. Neuerdings trägt das Bistro außerdem den Beinamen „Ricos kleine Kneipe“, weil Mendes das Wörtchen „Kneipe“ so schön findet. Er hat es aufgeschnappt, als ein Stammgast eines Abends den Hit von Peter Alexander auf der Gitarre spielte.

Doch wie wurde aus Rico, dem portugiesischen Armee-Sanitäter, der Römer Bistro-Betreiber?

Vor dem Afghanistan-Einsatz quittiert Ricardo Mendes den Dienst

Aufgewachsen ist Ricardo Mendes am westlichsten Zipfel Europas, eine halbe Autostunde entfernt von Lissabon. Er ging auf eine Militärschule, wurde Rettungssanitäter bei der Luftwaffe. „Ich glaube an das Gute im Menschen“, sagt Mendes in flüssigem Englisch, „ich mag es, Menschen zu helfen.“ Doch den Afghanistan-Feldzug nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York fand er ungerecht – und quittierte den Dienst. Nach 2003 arbeitete Mendes weiter als Rettungssanitäter, jetzt allerdings für das Rote Kreuz. Dass er einmal ein Bistro betreiben würde, daran dachte er noch nicht.

Doch in Portugal sahen er und seine Frau keine Zukunft. „Die Leute glauben gar nicht, wie korrupt dieses Land ist“, sagt Mendes heute. Ja, er vermisse seine Heimat – das Meer, die Menschen. Aber zurückkehren? „Keine Option.“ Auch wenn es dem Land wirtschaftlich heute wieder bessergeht als damals, Ende der 00er Jahre.

Zunächst aber verschlug es Ricardo Mendes, seine Frau Anna und Tochter Rita 2012 nach England. In der Arbeiterstadt Coventry suchte die Familie ihr Glück. Ricardo Mendes arbeitete nun als Pfleger. Er hatte sich für die Arbeit mit Menschen, die eine geistige Behinderung haben, weitergebildet. Wirklich willkommen fühlte er sich in England aber nie. Schon, dass er erst einmal einen Erste-Hilfe-Kurs absolvieren musste, empfand er als Hohn: „Ich bin aus Helikoptern gesprungen und habe Verletzte von Bergen gerettet“, sagt er und lacht. Das sei den Engländern aber egal gewesen. Immer wieder habe er sich auch Fremdenfeindlichkeit ausgesetzt gesehen. Hinzu kam die schlechte Bezahlung. „Der Brexit“, sagt Mendes, „war die Kirsche auf der Torte.“

Als die Pläne der Briten, die EU zu verlassen, konkreter wurden, entschieden Mendes und seine Frau, die Insel zu verlassen. „Ich wusste, dass es schlimm werden würde – und es ist schlimm geworden“, sagt der Portugiese über das Theater um den EU-Austritt. Aber wie landete er ausgerechnet im Remstal?

„Ricos kleine Kneipe“ soll keine Spelunke sein

Mendes hat zwei Schwestern. Beide wohnen seit vielen Jahren in Deutschland, die Liebe hat sie hierher verschlagen. Die eine hatte den Kiosk am Bahnhof von der Gemeinde gepachtet. 2018 zog die mittlerweile vierköpfige Familie Mendes (in England war Töchterchen Kika zur Welt gekommen) nach Rommelshausen. Dort wohnten sie einige Monate lang bei der Schwester. Der Plan: Mendes sollte sich zunächst einarbeiten, ein Konzept entwickeln und den Kiosk, der zuletzt fast immer geschlossen hatte, neueröffnen. Dabei galt es vor allem, den Ruf als Spelunke loszuwerden.

Das ist gelungen. Ein halbes Jahr lang betreibt Mendes den Laden nun, mit Kaffee und Gebäck, Mittagstisch und kleineren Imbissen. Ein Palast, das Wahrzeichen von Sintra, ziert das Logo, an den Wänden hängen Bilder mit portugiesischen Motiven, im Kühlschrank stehen „Superbock“ und „Sagres“, portugiesische Biermarken.

Kaum Zeit, Deutsch zu lernen

An diesem Montag zur Mittagszeit kommen ein Bauarbeiter und zwei junge Elektriker in das Bistro. „Hallo Ritchie“, ruft der eine, bestellt einen Schweinebraten und versichert dem Zeitungsreporter: „Das ist der beste Laden hier“. Derweil schmeißt Ricardo den Gasherd in der Küche hinter dem Tresen an. Einen anderen Gast, der auf einen Kaffee vorbeischaut, umarmt Ricardo Mendes zur Begrüßung. Es ist der Rentner Reiner Wolf – der mit der Gitarre und dem Lied von Peter Alexander. „Am Samstag hatten wir hier eine kleine Party“, berichtet der 68-Jährige. Toll sei das gewesen, alle hätten gemeinsam gesungen – von den Beatles bis Biene Maja.

„Die Menschen hier sind großartig“, schwärmt Bistro-Betreiber Mendes. Einer seiner Gäste hat ihm und seiner Familie eine kleine Wohnung in Stetten vermittelt. Seine Frau Anna macht die Buchhaltung fürs Bistro, kümmert sich um die Einkäufe und die junge Tochter. Er selbst arbeitet jeden Tag 14 bis 17 Stunden. Fürs Deutschlernen bleibt kaum Zeit. Er sei ein Optimist, sagt Mendes, aber die Kunden von sich zu überzeugen, gerade in den Wintermonaten und mit dem Lärm der Baustelle nebenan, das sei schon ein harter Job. Beklagen will er sich nicht, er habe zu viele Menschen gesehen, denen es viel schlechter geht.

Ob er einen Traum hat? „Ich werde hier nicht reich. Ich will ein ruhiges Leben. Wenn wir jeden Tag etwas zu essen haben, danke ich Gott. Wenn ich den Mädchen am Ende etwas hinterlassen könnte, das wäre perfekt.“


Kernen-Rommelshausen. Seit Mai betreibt Ricardo Mendes das Bahnhofsbistro in Rommelshausen. Wie wurde der 49-Jährige vom Rettungssanitäter beim portugiesischen Militär zum Kneipier im Remstal? Und was hat der Brexit damit zu tun?

„Danke“, „Bitte“ und „Mein Deutsch ist leider nicht so gut“ – das waren die ersten Worte, die Ricardo Mendes nach seiner Ankunft im Jahr 2018 in Deutschland gelernt hat. Seit Mai dieses Jahres betreibt der 49-Jährige das

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