Kernen

Schicksal eines besonderen Mädchens aus Stetten

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Ihre Schwester Lina hat Elsa Dunkelmann (85, Mitte) nie kennengelernt. Das haben ihre Töchter Ruth Alice Dunkelmann (51, links) und Brigitte Wege (57, rechts) zum Anlass genommen, zu recherchieren – und schließlich ein Buch über Lina zu schreiben. © privat

Kernen-Stetten. Lina Bernhardt wuchs auf, als die Nazis an die Macht kamen – eine gefährliche Zeit für Menschen mit Behinderung. Mit nur 17 Jahren wurde die junge Frau, die neun Jahre lang in der heutigen Diakonie Stetten wohnte, getötet. Ruth Alice Dunkelmann und Brigitte Wege haben die Geschichte ihrer Tante im Buch „Lina“ aufgeschrieben. Es berichtet von einem persönlichen und zugleich beispielhaften Schicksal.

Ihre eigene Schwester hat die 85-jährige Elsa Dunkelmann nie kennengelernt. Sie wurde als achtes von zehn Kindern in Schwäbisch Hall geboren. Ihre Schwester, Lina Bernhardt, kam 1924 als viertes Geschwisterkind zur Welt. Ihren Eltern wurde sie bereits vor Elsas Geburt weggenommen. Über Lina war in der Familie wenig bekannt. Das nahmen die Töchter von Elsa Dunkelmann, Ruth Alice Dunkelmann und Brigitte Wege, zum Anlass, ein Buch zu schreiben: „Lina – Oder das kurze Leben eines besonderen Mädchens“ ist im Juli bei Books on Demand erschienen. Das Buch gibt es im Onlinehandel und in Buchhandlungen zu kaufen.

Zweijährige Recherche: Berichte, Briefe und Erzählungen gesammelt

Auf 156 Seiten schildern die Frauen Linas Schicksal. Ruth Alice Dunkelmann (51) ist Autorin des Buchs, Brigitte Wege (57) unterstützte sie bei der Organisation, Vermarktung und vor allem bei der zweijährigen Recherche. In der Diakonie Stetten, in der Lina Gebhardt neun Jahre lang lebte, fanden die Schwestern Originalberichte von Ärzten, Pflegerinnen sowie Briefe ihres Großvaters. Auch im Staatsarchiv Ludwigsburg stießen sie auf Aufzeichnungen über das kurze Leben von Lina.

Die Schwestern erzählen in dem Buch von einem freundlichen, lebenslustigen Mädchen, das sich nach jedem Schicksalschlag wieder aufrappelte. Das Einzelschicksal ordnen sie in den historischen Kontext des Nationalsozialismus ein.

Lina und ihre Geschwister wachsen in ärmlichen Verhältnissen auf – daran können sich Elsa Dunkelmann und ihre Geschwister noch erinnern. Der Vater Friedrich arbeitet in Fabriken und im Steinbruch, wo die Arbeit hart ist und der Lohn niedrig. Er und seine Frau Marie Luise werden alkoholkrank. Immer wieder wird Marie Luise schwanger. Ein Kind verliert die Familie mit zweieinhalb Jahren – Diagnose: Masern. Auch Lina bekommt die Masern und Kinderlähmung. Durch ihre Krankheit trägt sie eine leichte körperliche und geistige Behinderung davon.

Bericht aus dem Kinderheim: „liebesbedürftig“ und „freundlich“

Der Zustand vieler Familien zu der Zeit ähnelt sich, doch die Nachbarn und die Schulbehörde werden auf die Situation bei Familie Bernhardt aufmerksam. Sie rufen das Jugendamt, das Lina und ihre Geschwister Gertrud, Fritz und Liesl im Jahr 1929 in einem Kinderheim unterbringt. Dort wird Lina immer wieder mit ihrem Anderssein konfrontiert: „Ist die nicht ganz richtig im Kopf?“, heißt es. In einem Bericht wird ihr eine „geringe Psyche“ attestiert. Sie sei aber „liebesbedürftig, anschmiegsam, freundlich“.

Weil sie in einer normalen Schule den Unterricht stören würde, muss sie nach Stetten umziehen. Dort lebt sie von Juni 1931 an in der Heil- und Pflegeanstalt für Schwachsinnige und Epileptische, der heutigen Diakonie Stetten. Sie fühlt sich wohl und findet schnell viele Freunde. Nur Stricken macht ihr keinen Spaß. Mehrmals versuchen die Eltern, Lina nach Hause zu holen, doch noch immer hat sich ihre Lebenssituation nicht verbessert. 1933 leben sie mit dem jüngsten Kind in einem Armenhaus.

Ein Jahr später tritt das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ in Kraft, ein Sterilisationsgesetz. Im Nazireich diente das Gesetz der sogenannten Rassenhygiene durch Unfruchtbarmachung vermeintlicher Erbkranker. Rund 400 000 Menschen erlitten bis Kriegsende dieses Schicksal, rund 5000 starben an den Folgen der Operationen, heißt es in dem Buch.

Lina wird ein Intelligenzquotient von 45 attestiert, als „Schwachsinnige“ fällt sie unter dieses Gesetz. Im September 1938 wird sie im Krankenhaus Waiblingen zwangssterilisiert und leidet danach an schlimmen Schmerzen im Unterleib. Zwei Monate später werden Synagogen und Geschäfte von jüdischen Familien zerstört und hunderte Juden getötet.

Lina rappelt sich nach der Operation wieder auf, obwohl sie zunächst nicht versteht, warum sie unfruchtbar gemacht wurde. Ihr Leben in Stetten verläuft weiterhin glücklich, sie verliebt sich sogar.

Im September 1940 stehen die ersten grauen Busse vor der Stettener Anstalt, die zahlreiche Bewohner während der Aktion T 4 in Vernichtungslager transportieren. Linas Weg führt über Winnenden und Weinsberg. Im Alter von 17 Jahren wird sie in der Tötungsanstalt Hadamar ermordet.


Eine von 14 500

Während der Aktion „T4“ wurden von Januar 1940 bis August 1941 rund 70 000 Menschen ermordet, heißt es in dem Buch.

Als letzte der Tötungsanstalten wurde Hadamar eingerichtet. Allein dort starben bis Kriegsende 14 500 Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen in einer Gaskammer, durch tödliche Injektionen und Medikationen sowie durch vorsätzliches Verhungernlassen.