Kernen

So dreist gehen WhatsApp-Betrüger vor: Dieter Binder aus Kernen schreibt mit vermeintlicher Tochter

FriseurBinder
Dieter Binder. © Gaby Schneider

„Hallo mama/papa, mein Handy ist kaputt. Das ist meine neue nummer. Bitte schreib mir eine nachricht auf Whatsapp“ - diese Kurznachricht von einer unbekannten Handynummer mit deutscher Vorwahl, vermeintlich von seiner Tochter, hat den Stettener Dieter Binder vergangene Woche zu Recht stutzig gemacht, er witterte sofort einen Betrug: „Ich lese des Öfteren, dass wieder jemand abgezockt wurde“, so der 72-Jährige. Aus Neugierde, wie so ein Dialog abläuft, lässt er sich auf eine Unterhaltung mit dem Betrüger im Messenger-Dienst WhatsApp ein - und schnell fragt der Unbekannte ihn prompt nach Geld.

Schnell fällt auf: Angaben können nicht von der echten Tochter kommen

„Hallo meine Liebe, wo bist du gerade“, fragt der Friseurmeister im Ruhestand seine vermeintliche Tochter. Die Antwort auf diese Frage kennt er eigentlich: Die Tochter, die sonst bei ihm in Stetten im Haus wohnt, ist zu diesem Zeitpunkt gerade Urlaub machen in den Bergen.

„Hallo Papa, ich bin jetzt in der Stadt“, erfolgt prompt die Antwort. Der Stettener traut der Aussage keine Sekunde lang, spinnt den Faden aber fort: „Ich will ihn reizen“, habe er sich gesagt, „das hat richtig Spaß gemacht.“ Die Nachfrage, welche Stadt das sei und wie sie es denn geschafft habe, dass das Handy „schon wieder“ kaputt sei, übergeht die vermeintliche Tochter einfach. Auch, als Dieter Binder sie mit einem frei ausgedachten Vornamen anspricht, erfolgt keine Reaktion.

Betrüger will Geld - Stettener gibt sich ahnungslos

Stattdessen kommt der Betrüger zur Sache: „Okay kannst du mir kurz helfen?“, schreibt die falsche Tochter: „Ich muss vor 16:00 ein rechnung überweisen, aber weil das handy kaputt ist komme ich nicht bei den dateien. Könntest du das für mich überweisen?“ Es folgt ein Herzchen-Emoji. Exakt 1980,10 Euro möchte der Betrüger gerne haben und verspricht, dem Papa das Geld gleich am nächsten Tag zurück zu überweisen. Natürlich.

Dieter Binder gibt sich trotz immer schlechter werdender Grammatik des Unbekannten weiterhin ahnungslos: Warum das denn jetzt so eine Eile habe, es sei Feiertag, leider hätten die Banken das ganze Wochenende zu. Der unbekannte Absender wird ungeduldig, fragt schließlich, ob Dieter Binder eine Kredit- oder Mastercard habe.

Persönliche Erfahrung: Es gibt viele Betroffene, zu wenige melden es

Als der Stettener das verneint, wird die vermeintliche Tochter sehr einsilbig, zieht sich aus der Unterhaltung zurück. Offensichtlich entspricht der 72-Jährige doch nicht so ganz dem Beuteschema, vielleicht auch, weil er zu hartnäckig ist: „Hat sich dein Geldproblem gelöst, weil du dich nicht mehr meldest?“, bohrt Binder nämlich noch einmal nach. „Nein“, schreibt die unbekannte Nummer. Dann antwortet sie nicht mehr.

Für Dieter Binder ist die Sache damit aber nicht vergessen: Er erstattet unverzüglich bei der Polizei Anzeige gegen unbekannt und stellt die Nummer des Betrügers wie auch den Chat-Verlauf im Internet öffentlich. Er wünscht sich, dass mehr Betroffene ihre Erfahrung publik machen. Aus seinem Bekanntenkreis habe er so viele Rückmeldungen bekommen, wer alles schon von solchen Nummern kontaktiert worden sei: „Aber niemand zeigt es an“, ärgert sich der 72-Jährige.

Einige Betrugsfälle über WhatsApp in den vergangenen Monaten

Die Polizei kennt diese Masche längst. „Betrugsdelikte über Messengerdienste kommen inzwischen leider, ähnlich wie der Enkeltrick oder der falsche Polizeibeamte, regelmäßig vor“, so Polizei-Pressesprecher Robert Kauer auf Anfrage unserer Redaktion. Auch im Rems-Murr-Kreis gab es allein in den zurückliegenden Monaten mehrere Fälle, die bei der Polizei auch angezeigt wurden.

So wurde eine Frau aus Remshalden kurz vor Weihnachten ebenfalls von ihrer vermeintlichen Tochter über einen Messengerdienst kontaktiert, die Betrüger brachten sie um 2400 Euro. Die Täuschung wurde laut dem Polizeibericht erst zu spät bemerkt. Ähnlich ging es im November einer 59-Jährigen aus Fellbach, hier erbeuteten die unbekannten Täter 1500 Euro. Schon im September 2022 erwischte es ein Ehepaar aus Backnang: Insgesamt 6200 Euro wurden auf zwei fremde Konten überwiesen, nachdem der angebliche Sohn per WhatsApp um die Überweisungen gebeten hatte. „Nachdem der Ehemann der Geschädigten den Sohn später telefonisch nicht unter der angegebenen Nummer erreichen konnte, flog der Betrug auf“, berichtet die Polizei. Ein 61-jähriger Schorndorfer überwies nur eine Woche später seinem vermeintlichen Sohn wegen einer angeblichen Notlage sogar stolze 9000 Euro auf ein fremdes Konto. Auch hier erfolgte die Kontaktaufnahme über WhatsApp.

Polizei bittet: Betrugsversuche immer anzeigen

Doch wie stehen die Chancen, dass die Polizei den Betrügern auf die Spur kommt? Die Ermittlungen in diesem Deliktbereich würden sich aus mehreren Gründen schwierig gestalten, so Robert Kauer: „Die Täter agieren meist aus dem Ausland und die angezeigten Handynummern sind in der Regel nicht rückverfolgbar.“

Im Falle eines tatsächlich stattgefundenen Betrugs lasse sich am ehesten noch über die Bankverbindung etwas ermitteln, wobei man hier aber meist „nur“ an den Geldwäscher und nicht an die Täter selbst gelange. „Dennoch rät die Polizei in jedem Fall zur Erstattung einer Anzeige, da jeder Fall einzeln betrachtet werden und geprüft werden muss, ob die Täter digitale Spuren hinterlassen haben und Ermittlungsansätze vorhanden sind“, betont der Polizei-Pressesprecher. „Die strafrechtlichen Ermittlungen könnten in einem eventuell späteren Verfahren die Grundlage für zivilrechtliche Forderungen sein.“

Bei neuen Nummern von bekannten Personen ist Vorsicht geboten

Die Polizei versucht, für solche und ähnliche Betrugsmaschen, zu denen auch der bei Betrügern beliebte „Enkeltrick“ gehört, zu sensibilisieren: „Bitte seien Sie vorsichtig, wenn Sie solche oder ähnliche Nachrichten erhalten. Überweisen Sie kein Geld ohne Rücksprache mit Ihren Angehörigen“, so die dringende Empfehlung. „Kontaktieren Sie sie mit der Ihnen bekannten Telefonnummer oder wenn möglich auch persönlich! Nehmen Sie im Zweifel externe Hilfe in Anspruch oder kontaktieren Sie die Polizei und bitten um Rat!“

Um sich vor Betrug über WhatsApp oder andere Messenger-Dienste zu schützen, empfiehlt die Polizei, neue Nummern von bekannten Personen nicht einfach abzuspeichern und bei dem vermeintlichen Absender unter der alten Nummer nachzufragen. „Anfragen nach Geld über WhatsApp und andere Messenger sollten immer misstrauisch machen und überprüft werden“, betont die Polizei. „Informieren Sie im Schadensfall auch umgehend Ihre Bank.“ Außerdem solle man auf die Sicherheitseinstellungen des verwendeten Nachrichtendienstes achten.

„Hallo mama/papa, mein Handy ist kaputt. Das ist meine neue nummer. Bitte schreib mir eine nachricht auf Whatsapp“ - diese Kurznachricht von einer unbekannten Handynummer mit deutscher Vorwahl, vermeintlich von seiner Tochter, hat den Stettener Dieter Binder vergangene Woche zu Recht stutzig gemacht, er witterte sofort einen Betrug: „Ich lese des Öfteren, dass wieder jemand abgezockt wurde“, so der 72-Jährige. Aus Neugierde, wie so ein Dialog abläuft, lässt er sich auf eine Unterhaltung mit

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