Kernen

Stelen in Rommelshausen und Stetten eingeweiht: Zwei Mahnmale erinnern an Zwangsarbeiter im Dritten Reich

Zwangsarbeiter Denkmal
Bürgermeister Benedikt Paulowitsch sprach ein Grußwort zur Enthüllung der Stele vor der Glockenkelter in Stetten: Die Veranstaltung wurde als Livestream übertragen. © Gabriel Habermann

143 Namen befinden sich auf den zwei übermannshohen Stelen, die seit Samstag in Rommelshausen beim ehemaligen Rathaus und in Stetten bei der Glockenkelter stehen. Bei den Trägern dieser Namen handelt es sich um Männer und Frauen, deren Lebenslinien zwischen 1939 und 1945 abrupte Brüche erlitten haben, sie aus ihrem Umfeld herausgerissen wurden und es sie ins heutige Kernen verschlug. Sie stehen stellvertretend für 13 Millionen „überwiegend nicht deutsche Menschen aus unterschiedlichen Gruppen und aus allen besetzten Gebieten“, so Christine Glauning vom Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit, die zwischen 1939 und 1945 größtenteils unfreiwillig Zwangsarbeit leisteten und dazu beitrugen, die Kriegswirtschaft aufrechtzuerhalten.

Feier nur im kleinen Rahmen, dafür Livestream

Bürgermeister Benedikt Paulowitsch eröffnete die Enthüllung des Mahnmals vor der Glockenkelter am vergangenen Samstag mit einem Grußwort: Er freue sich namens des Gemeinderats, aber auch in seinem eigenen, die Gäste begrüßen zu können, die Feierstunde könne allerdings aufgrund der erschwerten Rahmenbedingungen nur in kleiner Runde abgehalten werden. Besonders an der Feierstunde sei, dass man sie trotz der Pandemie nicht vertagt habe und damit zeige, dass selbst eine derart fundamentale Krise, die jeden betreffe, nur einen kleinen Ausschnitt im Fenster der Geschichte zeige.

Bemerkenswert sei ferner, dass die Veranstaltung livegestreamt wurde und damit wahrscheinlich weit mehr Menschen erreicht wurden, als wenn sie in herkömmlicher Form stattgefunden hätte. Paulowitsch erinnerte daran, dass es viele Auseinandersetzungen und kontroverse Diskussionen gegeben hat, bevor der Gemeinderat dem Erinnerungsort seinen politischen Segen erteilte. Auch ein zentrales Denkmal für alle Opfer des Krieges und der Gewaltherrschaft hätte eine denkbare, respektable Lösung dargestellt, rief er ins Gedächtnis.

Einblick in einer Massenphänomen der NS-Zeit

Doch die auf den Stelen eingravierten Namen schaffen eine Betroffenheit, die auch das Leid vieler anderer Gruppen – wie der Gefallenen, der Bombenopfer und der Vertriebenen – greifbar mache. Die Entscheidung im Gemeinderat für die Mahnmale „Erinnerungsorte Zwangsarbeit“ sei nicht einstimmig gefallen, räumte Paulowitsch ein, aber mit einer breiten Mehrheit, die als solche akzeptiert werde. Ausdrücklich bedankte er sich bei den Initiatoren Jürgen Wolfer und Andreas Stiene und deren Mitstreiter von der Interessengemeinschaft Erinnerungsort Zwangsarbeit, ebenso bei Eberhard Kögel, der mit seiner historischen Forschung den Anstoß lieferte, bei den Eicher Werkstätten sowie dem Künstler Michael Schäfer, nicht zuletzt den Mitarbeitern des Bauamts.

Unter dem Stichwort „Mittendrin und außen vor. Zwangsarbeit in der NS-Gesellschaft“ gab Christine Glauning in ihrem online übertragenen Vortrag Einblick in ein Massenphänomen des Dritten Reichs, in dem 13 Millionen Menschen, davon 8,4 Millionen Menschen aus besetzten Gebieten in allen Branchen der deutschen Wirtschaft, aber auch in Haushalten als letzte Reserve eingesetzt wurden. Darunter waren 2,8 Millionen Menschen aus der Sowjetunion und 1,7 Millionen aus Polen, aber auch deutsche Juden, Sinti, Roma, 1,7 Millionen KZ- und Arbeitslagerinsassen, 200 000 Straf- und 4,6 Millionen Kriegsgefangene.

Schicksal der Zwangsarbeiter jahrzehntelang ausgeblendet

Jeder zweite Beschäftigte in der Landwirtschaft und jeder dritte im Bergbau habe im Sommer 1944 zu dieser Gruppe gehört, und ohne diese Millionen „Fremdvölkische“, „Arbeitsscheue“, „Untermenschen“, „Erbfeinde“ und „Verräter“ hätte der Krieg nicht so lange dauern können. Diese Menschen und die circa 44 000 Lager, in denen sie untergebracht waren, seien im Kriegsalltag unübersehbar gewesen, so Glauning.

Dennoch habe man deren Schicksal im Nachkriegsdeutschland jahrzehntelang ausgeblendet – auch in Kernen, wo erst 2001 der Gemeinderat erste Recherchen beschloss und 2018 das Aufstellen der Gedenktafeln genehmigt wurde. Christine Glauning ist der Ansicht, dass es notwendig sei, zwischen den einzelnen Gruppen der Kriegsopfer zu differenzieren: um so Unterschiede sichtbar zu machen und den folgenden Generationen die Spurensuche zu ermöglichen. Gedenkstätten wie diese Stelen dürften als Erinnerungsorte kein Endpunkt sein, sondern Startpunkte, die zur Nachahmung anregen.

Zwangsarbeiter waren im Gasthof "Löwen" und der alten Turnhalle untergebracht

An keinem anderen NS-Verbrechen seien so viele Menschen als Opfer, Täter oder Zuschauer beteiligt gewesen, und gerade diese Sichtbarkeit habe so lange die Aufarbeitung verhindert, betonte Daniel Schulz von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. So seien die Zwangsarbeiter in Stetten in einem Nebenzimmer des ehemaligen „Löwen“ untergebracht gewesen, in Rommelshausen in der alten Turnhalle.

Von dort aus habe ein bewaffneter Posten sie täglich durch den Ort zu ihren Arbeitsstätten geführt. Dieses Thema eigne sich besonders für das Herausarbeiten gesamtgesellschaftlicher Aspekte der NS-Zeit und die Stelen in Kernen ergänzen die vielfältige Gedenkstättenlandschaft in Baden-Württemberg, indem sie Schicksale für alle sichtbar machten und in Erinnerung brächten. Dadurch leisteten sie einen essenziellen Beitrag für ein kritisches Geschichtsbewusstsein und den Erhalt der lebendigen Demokratie.

Mit 14 aus der Ukraine nach Esslingen verschleppt

Der Historiker Uwe Reiff griff aus der Masse der Millionen Zwangsarbeiter das Schicksal der Mutter von Jürgen Wolfer heraus, die als 14-Jährige daheim in der Ukraine nachts aus dem Bett geholt, in einen Güterwagen verfrachtet und dann über Ulm nach Esslingen gebracht worden war, um dann in Aichelberg auf einem Bauernhof arbeiten zu müssen. Im Unterschied zu den anderen Frauen und Männer, die nach Kriegsende in ihre Herkunftsländer zurückkehrten und so aus dem Ortsbild und dem öffentlichen Bewusstsein verschwanden, wurde für sie das Remstal zur Heimat.

Keiner der in Kernen 151 dokumentierten eingesetzten Zwangsarbeiter habe je eine Entschädigung erhalten, so die Initiatoren Wolfer und Stiene, aber sechs von ihnen seien zwischen 1939 und 1945 hier verstorben. Für sie alle habe man die Stelen errichtet, um an das Unrecht zu erinnern, das sie erlitten. Mit einer in mehreren Sprachen online verschickten Bitte um Vergebung und einem gemeinsamen Gebet endete die bemerkenswerte Feierstunde.

143 Namen befinden sich auf den zwei übermannshohen Stelen, die seit Samstag in Rommelshausen beim ehemaligen Rathaus und in Stetten bei der Glockenkelter stehen. Bei den Trägern dieser Namen handelt es sich um Männer und Frauen, deren Lebenslinien zwischen 1939 und 1945 abrupte Brüche erlitten haben, sie aus ihrem Umfeld herausgerissen wurden und es sie ins heutige Kernen verschlug. Sie stehen stellvertretend für 13 Millionen „überwiegend nicht deutsche Menschen aus unterschiedlichen

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