Kernen

Stettener versucht, Mount Everest zu bezwingen

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Rainer Müller aus Stetten ist im April in den Himalaya gereist, um den Mount Everest (der höchste Gipfel im Hintergrund) zu besteigen. © privat
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Das Basislager von oben – Zelte in der Steinwüste.
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Der Stettener Rainer Müller und sein Sherpa Mingma im Basislager.

Kernen-Stetten. Der Mythos Mount Everest zieht nach wie vor Hunderte Bergsteiger in seinen Bann – trotz Todesgefahr in eisiger Höhe. Auch der Stettener Gemeinderat und Unternehmer Rainer Müller hat versucht, den höchsten Berg der Erde zu besteigen. Das brachte ihn körperlich wie psychisch an seine Grenzen. Am Ende stand die Erkenntnis: Das Leben ist wichtiger als der Berg.

Eine Nacht mit dem Sensenmann - Auf 5900 Metern Höhe

Wer den höchsten Berg der Erde besteigen möchte, muss sich erst akklimatisieren. Die Route an sich ist nicht besonders schwierig zu bewältigen, aber die Höhe ist eine Herausforderung. Wochenlang geht es auf und ab, bevor sich die Bergsteiger an die finale Etappe wagen. Auf einer dieser Touren, in der Nacht auf 1. Mai, durchlebte Rainer Müller einen Albtraum. Es war der Anfang vom Ende seiner Mission, den Mount Everest zu erklimmen.

Gestartet waren der Stettener und seine Reisegruppe im Basislager auf etwas mehr als 5200 Metern Höhe. Ihr nächstes Zwischenziel, das vorgeschobene Basislager auf circa 6500 Metern, wollten sie am Tag darauf erreichen. Rainer Müller hatte dort schon eine Woche zuvor eine schlaflose Nacht verbracht, inklusive Schnappatmung und Herzrasen. Seinen Begleitern, darunter ein äußerst zäher Triathlet, war es aber ähnlich ergangen. Also hatte sich Müller nichts daraus gemacht.

Nun sollte es erneut hoch hinaus gehen. Wie bei der ersten Tour übernachtete Müller nach einer 13-Kilometer-Wanderung in einem Zelt auf circa 5900 Metern Höhe. Bis zu minus 20 Grad Celsius herrschten hier nachts. Der Sauerstoffgehalt ist um mehr als die Hälfte geringer als im Tal.

Dem Stettener war bereits der Aufstieg schwergefallen. Er fühlte sich schlapp, hatte seit Tagen mit einem leichten Husten zu kämpfen. Nun steckte er bis zum Hals in seinem Schlafsack „wie eine Mumie“ und tat kein Auge zu: „Du liegst da und kannst nicht schlafen, weil du zu wenig Luft kriegst. Du setzt dich hin, schnappst nach Luft, legst dich wieder hin. Das wiederholt sich alle fünf Minuten“, erinnert er sich.

Immer schlimmer wurde die Atemnot. In seinen Lungen schien nichts anzukommen: „Ich habe echt gedacht, der Sensenmann kommt und holt mich. Ich habe die volle Panik bekommen.“ Schließlich packte Müller ein heftiger Hustenanfall. Davon wurde der Bergführer aus Österreich wach, der die Touristen begleitete. Er maß Müllers Ruhepuls, der normalerweise bei circa 60 Schlägen pro Minute liegt, und den Sauerstoffgehalt im Blut – ein Wert zwischen 80 und 90 Prozent ist gesund. Müller hatte nur noch 62 Prozent Sauerstoff im Blut und einen Ruhepuls von 140. Der Österreicher funkte einen Arzt im Basislager an.

Der Mythos Mount Everest - Die Familie ist nicht begeistert

Rainer Müller, der vergangene Woche seinen 56. Geburtstag gefeiert hat, war nicht blauäugig in das Abenteuer gestartet. Bereits vor rund zehn Jahren hat er den fast 6000 Meter hohen Kilimandscharo erklommen, den höchsten Berg Afrikas. Einige Jahre später musste er nur 300 Meter unter dem Gipfel des fast 7000 Meter hohen Aconcaguas in Südamerika wegen eines Schneesturms umkehren. Den Traum vom Mount Everest, der mit 8848 Metern der höchste Berg der Erde ist, hegte der Stettener Bauunternehmer und Gemeinderat schon lange.

Im vergangenen Jahr hatte sich Müller bei einer Agentur in Österreich gemeldet, die Jahr für Jahr Touristen auf den Mount Everest führt – und zwar über die Nordroute, von der chinesischen Seite her. Sein erster Kontakt zum Reiseleiter glich einem Bewerbungsgespräch. Die Veranstalter nehmen nur mit, wem sie wirklich zutrauen, den Berg zu bezwingen. Im September 2018 stieg Müller auf den Ortler in Südtirol, Ende Oktober reiste er für eine Trekking-Tour in den Himalaya. Vom Renjo Pass aus sah er den Mount Everest vor sich aufragen: „Wenn du den Kamerad das erste Mal siehst, das ist brutal.“ Der Mythos Mount Everest hatte Müller vollends in seinen Bann gezogen.

Nach Weihnachten buchte er seine Reise und beantragte bei der chinesischen Verwaltung die Genehmigung, den Everest betreten zu dürfen. Seine Söhne und die Tochter waren nicht begeistert. „Ich habe gesagt: Das ist mein Wunsch, ich muss das machen. Wenn ich es jetzt nicht mache, denk’ ich mein Leben lang: Ach, hätte ich doch ...“ Bis zum Start des Abenteuers im April trieb Rainer Müller sechsmal pro Woche Sport: Joggen, Radfahren, Schwimmen – alles für die Ausdauer. An der Vorbereitung sollte es nicht scheitern. Im Frühjahr erteilten die Chinesen ihm die Genehmigung, seinen Traum in Angriff zu nehmen.

50 Helfer für neun Touristen - Langeweile in der Steinwüste

Am 7. April flog Müller nach Kathmandu und von dort aus weiter nach China, wo er und seine Reisegruppe jeweils mehrere Tage an immer höher gelegenen Orten verbrachten. Am 16. April ging’s ins Basislager auf 5200 Metern. Wirklich spannend war es dort nicht: „Du hockst in einer Steinwüste, da ist nichts. Du langweilst dich zu Tode“, erinnert sich Rainer Müller. Es waren viele kleine und größere gelbe Zelte aufgestellt, in denen gekocht, geschlafen, aber auch TV geschaut wurde. Das Essen, das die Nepalesen zubereiteten, schmeckte lecker, überwiegend wurde vegetarisch gekocht, manchmal gab es Hühnchen.

Insgesamt 70 000 Euro hat den Stettener die Reise gekostet, davon 1500 Euro Müllgebühren. Weil auf chinesischer Seite eine Straße bis ins Basislager führt, ist die Entsorgung von Unrat dort nicht ganz so aufwendig wie auf der nepalesischen Seite. Für seine neunköpfige Gruppe waren am Everest rund 50 einheimische Sherpas, Köche und andere Helfer im Einsatz, überwiegend Nepalesen. 135 Yaks, asiatische Rinder, transportierten die Ausrüstung Müllers und seiner Gefährten vom ersten ins zweite Basislager. Jeder in der Gruppe hatte seinen eigenen Sherpa zugeteilt bekommen, der spätestens ab 7500 Metern nicht mehr von seiner Seite weichen sollte. Ein Sherpa, berichtet Müller, bekommt für die acht Wochen am Berg rund 5000 US-Dollar. Hinzu kommen 1200 bis 1500 Dollar Gipfelprämie, falls der Bergsteiger es ganz nach oben schafft – ein kleines Vermögen für einen Menschen in der bitterarmen Region.

Sobald die Sonne gegen 16.30 Uhr hinter den Felsen verschwand, herrschte im Basislager schlagartig Eiseskälte. Vier Tage Zeit hatte Rainer Müller, um sich an das unwirtliche Klima zu gewöhnen, dann starteten die ersten Trips: rauf, runter, noch weiter rauf, wieder runter ... Rotation nennen die Bergsteiger das. Am Ende sollte der große Triumph stehen: eine gute halbe Stunde auf dem Dach der Erde.

Was ist wichtiger: Leben oder Berg? - Die richtige Entscheidung

Doch während der zweiten größeren Tour, im Lager auf 5900 Metern, kurz nach Mitternacht, schlug Rainer Müllers Körper Alarm. Der Arzt im Basislager, den sein Bergführer um Hilfe gebeten hatte, empfahl per Funk Blutverdünner und Sauerstoff. Nach einer Viertelstunde unter der Sauerstoffmaske hatte sich Müllers Puls beruhigt. „Halber bedeppert“ lag er nun da. Aber immerhin: Die Panik war gewichen. Sein Zeltnachbar, ein Zahnarzt aus Österreich, schaute alle paar Minuten nach, ob er noch atmete, erinnert sich Müller: „Der hat sich echt Sorgen gemacht.“

Am nächsten Morgen stieg der Stettener mit einem Koch hinab ins Basislager, während seine Reisegruppe an Höhe gewann. Am Ende sollten es alle von ihnen auf den Gipfel schaffen, außer Rainer Müller.

Acht Stunden dauerte dessen gemächlicher Abstieg ins Basislager. „Da tappst du alleine durch die Berge, kein Mensch da. Du machst dir viele Gedanken. Du lebst dein Leben noch mal, weil du so viel Zeit hast. Die ganze Zeit hirnst du über dein Leben nach“, erinnert er sich. Unten im Basislager diagnostizierte der Doktor ein Höhenlungenödem bei Müller – also Flüssigkeit in der Lunge. Das beste Gegenmittel: der Abstieg in menschenfreundlichere Gefilde.

Rainer Müller haderte mit sich. Sollte er es noch einmal probieren? Schließlich beschloss er schweren Herzens, abzubrechen – in Anbetracht der Todesgefahr die einzig richtige Entscheidung, davon ist er heute überzeugt. „Ich habe immer gesagt: Ich habe keine Angst vor dem Sterben, jeder ist irgendwann dran. Aber wenn’s so weit ist, dann ist das noch mal eine andere Nummer.“ Was wäre passiert, wenn sein Körper die Warnsignale erst auf mehr als 8000 Metern gesendet hätte? „Dann kommst du nicht mehr selber runter. Dann bleibst du halt dort oben“, sagt Müller.

Abwegig ist dieses Szenario nicht. Jedes Jahr sterben Menschen am Mount Everest: In dieser Saison zwischen Ende April und Ende Mai haben es elf Bergsteiger nicht zurück ins Tal geschafft. Rainer Müller sagt: „Ich habe aufgehört, weil mir das Leben wichtiger war als der Berg. Aber die Enttäuschung war natürlich brutal.“

Gipfel-Fotos in der Whatsapp-Gruppe - „Ich gönn’ das denen“

Als er Anfang Mai zurück war in Stetten, einen Monat früher als geplant, habe er eine Woche lang sein Haus nicht verlassen, sagt Rainer Müller. Die meiste Zeit sei er einfach nur dagesessen, wollte niemanden sehen. „Du bist körperlich komplett fertig. Der Berg zehrt an dir, du nimmst sieben Kilo ab. Dann kommt die Enttäuschung hinzu, und alle fragen dich: Und, wie war’s?“ Zu allem Überfluss schickten die anderen Bergsteiger nun Gipfel-Fotos in die Whatsapp-Gruppe. „Ich gönn’ das denen“, sagt Müller. Aber er wäre halt gern dabei gewesen.

Bei aller Kritik am Everest-Tourismus, vor allem auf nepalesischer Seite, wo kilometerlange Staus auf dem Weg zum Gipfel Menschenleben kosten und die Bergsteiger tonnenweise Müll zurücklassen – die Einnahmequelle Mount Everest sprudelt. Eine ganze Region ist davon abhängig. „Das Rad kannst du nicht zurückdrehen“, sagt Rainer Müller. Er geht davon aus, dass der Tourismus auch auf chinesischer Seite noch zunehmen wird.

Ob er selbst noch einmal einen Versuch starten wird? „Aus heutiger Sicht tät’ ich sagen: Das mach’ ich nicht mehr“, sagt Rainer Müller. Dem ersten Impuls, seine gesamte Bergsteigerausrüstung zu verkaufen, hat er aber nicht nachgegeben. Wer weiß, was die Zukunft bringt?


Kritik

Die Kritik am Ansturm von Touristen am Mount Everest ist wegen der vielen Todesfälle in diesem Jahr besonders groß. China hat 2019 laut Rainer Müller rund 140 Touristen auf den Mount Everest gelassen. Auf die Südroute in Nepal durften an die 400. Elf Bergsteiger kamen ums Leben, neun auf nepalesischer Seite, zwei auf chinesischer. Nepals Premierminister will nun die Richtlinien und Gesetze zur Besteigung prüfen lassen.

Seit der Mount Everest 1953 zum ersten Mal bestiegen wurde, haben laut Spiegel Online mehr als 5000 Männer und Frauen den Gipfel erklommen. Dabei wurden mehr als 300 Todesfälle gezählt.