Kernen

Thilo Gaiser aus Kernen möchte Kulturverein für Menschen mit Behinderung gründen

ThiloGaiserStetten
Thilo Gaiser (42) mit seiner Partnerin Seher Göhül (41), mit der er den Verein gründen will. © Gaby Schneider

Thilo Gaiser zitiert gerne William Shakespeare. Besonders das Stück „Romeo und Julia“ hat es dem 42-jährigen Stettener angetan. Überhaupt interessiert er sich für Kultur, das Theaterspiel und alles, was damit zusammenhängt. Es fasziniert ihn schon, seit er als Grundschüler selbst als Till Eulenspiegel auf der Bühne stand. Menschen wie er, die ein Handicap haben, sind im kulturellen Bereich aber noch zu wenig involviert, es gibt zu wenige Angebote, findet Thilo Gaiser. Mit „Regenbogenherz“, dem neuen Verein für kulturelle Inklusion, will er dagegen etwas unternehmen.

Thilo Gaiser hat ein Handicap, das ihn körperlich und manchmal auch geistig beeinträchtigt. Wer sich mit ihm unterhält, merkt bald: Für ihn war das Leben nicht immer leicht. Oft fühlt er sich von den „gesunden“ Menschen im Regen stehengelassen, aufs „Abstellgleis“ gestellt, vom Leben und den Menschen unfair behandelt.

Die Suche nach dem Schuldigen

Immer noch fragt er sich jeden Tag, wieso er eine Behinderung hat, wieso er nicht gesund sein darf. Auch seine Eltern, inzwischen fast 80 Jahre alt, suchen immer noch nach dem Grund für die Spastik ihres Sohnes. Kurz nach seiner Geburt erlitt Gaiser einen Sauerstoffmangel.

Seine Mutter sieht die Schuld bei dem Krankenhaus, in dem sie ihn zur Welt gebracht hat. Thilo Gaiser kennt die Geschichte ganz genau, seine Mutter hat sie ihm oft erzählt. Allein sei sie gelassen worden vor der Geburt. Die Mutter glaubt, die Ärzte hätten ihren Sohn fallen lassen. Eine Bescheinigung über eine standardmäßige Untersuchung fehle, wenig später sei auf der betreffenden Station auch der Chefarzt entlassen worden, erzählt Thilo Gaiser, von Emotionen überwältigt. 42 Jahre nach der Geburt des Sohnes hält die Suche nach einem Schuldigen für seine Familie immer noch an.

Er ist ehrenamtlich aktiv

Vielleicht möchte der Stettener ganz genau deshalb etwas bewegen, beweisen, dass Menschen mit Handicap auch vollwertige Mitglieder der Gesellschaft sind. Seit längerer Zeit schon engagiert er sich ehrenamtlich. Er verwaltet die nun seit knapp 15 Jahren aktive Selbstbestimmungsinitiative Kernen und bringt sich beim Arbeitskreis Barrierefreiheit ein. Bei Barrierefreiheit geht es ihm um mehr als nur offensichtliche Hindernisse in seinem Alltag, wie steile Treppen.

Er möchte auch gegen die Hürden in den Köpfen der Menschen angehen: zum Beispiel, wenn es darum geht, dass bei Kulturveranstaltungen fast immer nur Menschen ohne Handicap auf der Bühne oder auch an der Bühnentechnik stehen. Deshalb hat er die Idee, mit seinem neuen Verein vielleicht das neue Mehrgenerationenhaus an der Seestraße in Rommelshausen zu nutzen. Dort könnte ein inklusives Café entstehen, „Menschen in allen Lebenslagen“, egal ob mit oder ohne Handicap, könnten dort zusammenfinden, sich austauschen, kennenlernen. Und, nicht zuletzt, Kultur gemeinsam erleben. Mit der Gemeinde gesprochen hat er in Hinblick auf die Nutzung des Mehrgenerationenhauses aber noch nicht.

Er plant eine Aufführung von Shakespeares „Romeo und Julia“

„Ich möchte gerne mit Menschen hier in Stetten, diesem wunderschönen Ort, das Stück von William Shakespeare, Romeo und Julia, aufführen“, sagt Thilo Gaiser. Ansonsten könnte er sich auch gut vorstellen, dass der Verein für interkulturelle Inklusion Ausflüge organisieren könnte. Zum Beispiel zum Staatstheater nach Stuttgart. Bei einer Führung könnten dann auch Menschen mit Handicap einmal die Bühnentechnik und die anderen Finessen im großen Schauspielhaus bewundern. Auch gemeinsame Koch-Aktionen oder inklusives Yoga kann sich der 42-Jährige gut vorstellen.

Thilo Gaiser arbeitet im Theater

Für ihn persönlich hat das Theater einen sehr großen Stellenwert in seinem Leben. Gerne erinnert er sich daran, wie er als Neunjähriger in seiner Grundschule beim Klassenspiel den Till Eulenspiegel spielen durfte. Nach seinem Schulabschluss hat Gaiser eine Ausbildung zum Bürofachhelfer gemacht, arbeitet auf 450-Euro-Basis beim Bandhaus-Theater in Backnang. Vollzeit arbeiten kann er aufgrund seines Handicaps nicht, er erhält eine Erwerbsminderungsrente.

Der zurückliegende Backnanger Kultursommer habe ihm wieder die Wichtigkeit der Kultur vor Augen geführt, erzählt der 42-Jährige. Bei den Veranstaltungen seien auch viele Menschen mit Behinderung Gast gewesen. „Die haben gesagt: Mensch, das ist so etwas Schönes“, erinnert er sich. Auf der Bühne standen aber nur gesunde Menschen. Ein junger Mann mit Handicap habe sich besonders für die Bühnentechnik interessiert. Der würde sehr gerne lernen, wie man so etwas bedient, sagt Thilo Gaiser.

"Regenbogenherz" soll im Oktober gegründet werden

„Menschen mit Handicap sollen sich entfalten können“, wünscht er sich. Egal, ob es darum geht, zum ersten Mal im Leben selber auf einer Bühne vor Publikum zu spielen. Oder darum, die Technik zu bedienen, Kostüme zu nähen, Requisiten zu bauen. Sein neuer Verein „Regenbogenherz“, den er Anfang Oktober gemeinsam mit seiner Freundin Seher Göhül gründen möchte, soll das ermöglichen.

Der Zeitpunkt für die Vereinsgründung ist nicht zufällig gewählt: Die Corona-Krise habe Menschen mit Behinderung hart getroffen, sie seien bei den Regelungen vergessen worden. Gerade deshalb müsse nun erst recht etwas getan werden. Das „Regenbogenherz“ ist übrigens nicht seine erste Vereinsgründung: 2019 hatte Thilo Gaiser versucht, den Verein „Freundeskreis für Menschen mit Behinderung Kernen“ ins Leben zu rufen. Dieser Verein existiert nicht mehr.

Thilo Gaiser zitiert gerne William Shakespeare. Besonders das Stück „Romeo und Julia“ hat es dem 42-jährigen Stettener angetan. Überhaupt interessiert er sich für Kultur, das Theaterspiel und alles, was damit zusammenhängt. Es fasziniert ihn schon, seit er als Grundschüler selbst als Till Eulenspiegel auf der Bühne stand. Menschen wie er, die ein Handicap haben, sind im kulturellen Bereich aber noch zu wenig involviert, es gibt zu wenige Angebote, findet Thilo Gaiser. Mit „Regenbogenherz“,

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