Kernen

Urlaub zu Hause: Wie Kernen den Tourismus im Ort stärken will - ohne die Natur zu zerstören

Calleniustourismus
Die neue Tourismusbeauftragte im Rathaus von Kernen: Daniela Callenius. © Gaby Schneider

Sollte Kernen verstärkt auf die Karte Tourismus setzen? Absolut, findet Daniela Callenius, auch mit Blick auf den Strukturwandel in der Region. Seit März ist die 53-Jährige im Rathaus zuständig für die Veranstaltungsstätten und ein neues Tourismuskonzept. Im Interview spricht sie über Chancen, die sich aus der Corona-Krise ergeben, das Verkehrschaos bei der Kugelbahn und das Ziel, an den Touristen in Kernen auch Geld zu verdienen.

Frau Callenius, bei Ihrer Vorstellung im Kernener Gemeinderat haben Sie gesagt, Sie halten die Corona-Krise für eine Chance für den Tourismus in der Region.

Ja, definitiv. Auch wenn Reisen in EU-Länder wieder erlaubt sind, heißt das nicht, dass die Leute wirklich wieder dort hinfahren. Sehr viele werden ihre Freizeit und ihren Urlaub in diesem Jahr hier verbringen, im näheren Umfeld. Die Menschen gehen im Umkreis von 50, 60 Kilometern ihre Welt entdecken. Das ist definitiv eine Chance, gerade fürs Remstal. Wir haben als Zielmarkt zunächst einmal den Großraum Stuttgart, wo viele leben, die das Remstal immer noch nicht kennen. Kernen ist da in der Pole-Position.

Wie meinen Sie das?

Wir liegen direkt am Rand von Stuttgart, haben den S-Bahn-Anschluss, sind mit den Öffentlichen gut zu erreichen. Ich kann von Böblingen quasi durchfahren, muss nur einmal umsteigen. Und wenn die Leute einmal hierherkommen, kommen sie auch wieder, wenn sie sehen, wie toll es hier ist. Da haben wir noch die Errungenschaften der Gartenschau, wo viele tolle Dinge entstanden sind, zum Beispiel die Kugelbahn.

Wenn Sie von Tourismus in Kernen sprechen, meinen Sie damit Tagestourismus.

Tagestourismus und Freizeiterlebnis auch für die eigene Bevölkerung, für den Rems-Murr-Kreis, die angrenzenden Landkreise und den Großraum Stuttgart. Da gibt es ein richtig großes Potenzial. Die Leute bringen wirklich Wirtschaftskraft mit. Das Ziel ist es, in Kernen ein Tourismuskonzept zu entwickeln, mit dem man diese Wirtschaftskraft hier auch binden kann. Das ist Bürgermeister Benedikt Paulowitsch ein großes Anliegen. Ich war eine der Ersten, die er hier angestellt hat – mein Vorstellungsgespräch hatte ich an seinem zweiten Arbeitstag.

Was hat Kernen schon, was fehlt Kernen noch, um Leute anzulocken?

Wir haben mittlerweile eine gute Infrastruktur im Wanderbereich. Und wir haben den Remstalradweg, der durch Kernen führt. Sie sehen ja, was da für ein Betrieb herrscht am Wochenende. Wir haben die Herzogliche Kugelbahn, diverse kleinere Attraktionen, das Thema Wein als Kernthema, Veranstaltungen wie den Kulinarischen Weinweg, den Winterweinweg ... Darauf muss man aufbauen. Was fehlt: Aus meiner Sicht ist das Thema Mobilität noch nicht gelöst. Wie bringt man die Menschen zu diesen Orten, im Sinne einer nachhaltigen Mobilität, beispielsweise zu Fuß, per Fahrrad oder Bus und Bahn?

Das ist für die Menschen im Ort ein wichtiges Thema. Wenn immer mehr Touristen kommen, werden manche sagen: Eigentlich war ich ganz froh um die Ruhe, die ich hier hatte, bevor die Städter bei uns eingefallen sind ...

Das Thema hatten wir ja schon bei der Gartenschau, dass die Menschen gesagt haben: Wir sind uns selbst genug. Wir haben aber auch die Aufgabe, die Kommune weiterzuentwickeln. Wir haben in der Region Stuttgart diese starke Abhängigkeit von der Automobilindustrie und den Zulieferern. Da wird sich ein Strukturwandel vollziehen. Wir werden auf Sicht einen Rückgang an Arbeitsplätzen in der Region haben. Als Kommune muss man frühzeitig daran denken, das aufzufangen. Und wir haben nun mal in Kernen den Vorteil dieser schönen Landschaft. Wir liegen in der Metropolregion, und zugleich gibt es eine tolle Natur zu erleben.

Diese Natur gilt es aber zu schützen.

Genau. Dadurch, dass wir die Wanderwege- und Radwegestruktur haben, gibt es die Möglichkeit, die Leute zu lenken. Damit sie auf diesen Wegen unterwegs sind und nicht nebendran im Naturschutzgebiet. Eine nachhaltige Besucherlenkung wird ein Hauptteil des Tourismuskonzepts sein müssen.

Hätte man für diese Infrastruktur nicht sorgen müssen, bevor man die Anziehungspunkte geschaffen hat? Beispiel Kugelbahn: eine schöne Anlage, viel gelobt, viel genutzt – auf der anderen Seite sind jetzt die Weinbergwege zugeparkt und die Menschen, die sich hier erholen wollen, beklagen den vielen Autoverkehr.

Die Dinge, die da sind, sind da. Wir haben diese Lage bei der Kugelbahn, dass sie einerseits ein Wahnsinnserfolg ist – wir haben jetzt 60 000 Kugeln verkauft da oben. Aber wir müssen die Problematik lösen, die drum herum herrscht. Die Verbotsschilder interessieren die Autofahrer nicht. Aber wir können den Weg nicht sperren, wegen des Sängerheims. Das ist ein ganz kompliziertes Thema. Mein erster Ansatz ist: Wir prüfen die Einrichtung eines Shuttleverkehrs von der S-Bahn-Haltestelle ab, mit Halt an einem großen Parkplatz.

Vielleicht braucht es einen Sessellift ...

(lacht) Nein, das ist nicht mein Ziel. Eher denke ich daran, dass wir die Leute aufs Fahrrad setzen und dafür geeignete Abstellanlagen schaffen. Es geht um naturverträglichen Tourismus.

Müsste man nicht Eintritt verlangen oder Karten im Vorverkauf anbieten?

Das ist nach der Autoproblematik das nächste Thema: Wie kann ich die Wirtschaftskraft auf die Straße bringen? Wenn ich 60 000 Kugeln verkaufe, habe ich annähernd so viele potenzielle Besucher, die hier eigentlich irgendwo einkehren sollten – essen und trinken und vielleicht noch einen Wein kaufen bei einem unserer vielen erfolgreichen Weingüter.

Werden Sie auch verstärkt ins Marketing für Kernen als Tourismusziel einsteigen?

Wir betreiben das im Moment nicht aktiv. Wir sind ja auch Mitglied im Verein Remstal-Tourismus, da gibt es eine einheitliche Linie, dass wir derzeit nicht aktiv Leute von jenseits von Stuttgart herlocken. Man sieht’s an der Kugelbahn und den Wander- und Radwegen. Die Leute zieht es nach draußen, sie kommen auch so.

Diese Strategie wird sich in Zukunft aber ändern?

Das muss sich ändern. Wir wollen in Kernen strategisch vorgehen und ein Tourismuskonzept erarbeiten, in das die Gremienmitglieder und örtliche Leistungsträger im Tourismus eingebunden werden. Das soll kein Konzept werden, das wir im geheimen Kämmerle entwickeln und dann den Leuten vorsetzen. Im Tourismuskonzept des Landes sind ziemlich genau die Aufgaben der Kommunen definiert. Das Hauptthema ist, die touristische Infrastruktur zu erhalten, zu verbessern und gegebenenfalls auszubauen. Aber ausbauen? Ganz ehrlich, wir müssen jetzt erst mal nutzen, was wir haben. Dabei ist die Verbindung zu den Leistungsträgern, wie den Weingütern, der Gastronomie, dem örtlichen Einzelhandel und anderen, ganz essenziell. Wir müssen auch beobachten, wie sich die Corona-Krise auswirkt auf diese Branchen.

Viele Wengerter sind gar nicht so begeistert, wenn sie Veranstaltungen mitorganisieren sollen und ihre Weinberge umgenutzt werden zu Party-Locations ...

Aber wir wollen ja gar keine Party-Locations, sondern ein naturverbundenes, nachhaltiges Freizeiterlebnis schaffen. Deswegen ist es mir ja ein Anliegen, dass wir die Leute in die Planung miteinbeziehen. Wenn jemand mitarbeiten kann an einem Konzept, dann steht er nachher auch dahinter. Ich war ja Tourismusbeauftragte für den Landkreis und habe den Landrat im Vorstand der Remstalroute vertreten. Da hatten wir immer das Dreieck Gastronomie – Weinbau – Kommunen. Da habe ich mitbekommen, was es für Diskussionen geben kann. Aber wir haben immer eine Lösung gefunden, weil die Leistungsträger selbst aktiv Entscheidungen vorangetrieben und mitgetragen haben.

Wie wichtig ist es, mit den anderen Remstalkommunen an einem Strang zu ziehen?

Da legen wir sehr viel Wert drauf, dass wir uns eingliedern ins touristische Konzept vom Remstal-Tourismus, von der Region Stuttgart. Innerhalb dieser großen Strategie müssen wir dann sagen: Wir stehen für dieses und dieses. Und auch ganz wichtig ist: Man darf nicht alles tun wollen. Sie müssen auch Dinge sein lassen.

Mit Blick auf Kernen und seine beiden Ortsteile: Wird Stetten für den Tourismus eine größere Rolle spielen als Rommelshausen?

Schlosspark, Yburg, Museumsweinberg, Kugelbahn, Klettergarten – in Stetten ist natürlich viel Potenzial da. Das soll aber nicht heißen, dass Rommelshausen unter den Tisch fällt. Wichtig ist auch die Einbindung der drei Veranstaltungshäuser, für die ich jetzt zuständig bin: die Glockenkelter in Stetten, aber auch die Alte Kelter und das Bürgerhaus in Rommelshausen. Oder der Bürgergarten, der jetzt von Ehrenamtlichen bepflanzt wurde, von Bürgern für Bürger. Wir haben dort Kräuter und Gemüse. Kinder sollen sich das angucken, wir dürfen jetzt wieder kleinere Führungen anbieten. Vielleicht könnte man dort auch mal Smoothies machen ...

Tourismus bedeutet für Sie nicht nur, Leute von außerhalb anzulocken, sondern auch Angebote für die Leute im Ort zu schaffen.

Tourismus ist in meinem Verständnis neben einem Wirtschaftsfaktor auch ein entscheidender Standortfaktor für die Kommune. Das heißt: Tourismusinfrastruktur ist gleichbedeutend mit Freizeitinfrastruktur für die Einwohner. Sie können auch mal als Stettener nach Rommelshausen fahren, und umgekehrt. Die Ortsteile sind ja ganz unterschiedlich. Natürlich müssen wir auch wirtschaftlich denken, aber es ist auch eine Aufgabe der Kommune, den Menschen einen Erholungsfaktor zu bieten. Die Natur ist etwas, was womöglich heute sogar mehr wertgeschätzt wird als noch vor der Corona-Krise.

Sollte Kernen verstärkt auf die Karte Tourismus setzen? Absolut, findet Daniela Callenius, auch mit Blick auf den Strukturwandel in der Region. Seit März ist die 53-Jährige im Rathaus zuständig für die Veranstaltungsstätten und ein neues Tourismuskonzept. Im Interview spricht sie über Chancen, die sich aus der Corona-Krise ergeben, das Verkehrschaos bei der Kugelbahn und das Ziel, an den Touristen in Kernen auch Geld zu verdienen.

Frau Callenius, bei Ihrer Vorstellung im Kernener

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