Kernen

Vergewaltigung in Rommelshausen: Das Amtsgericht hat geurteilt

Amtsgericht Waiblingen Symbolfoto
Symbolfoto. © Joachim Mogck

Das Schöffengericht des Waiblinger Amtsgerichts unter Vorsitz von Richter Steffen Kärcher hat am Montag sein Urteil gefällt. Einem 50-Jährigen war vorgeworfen worden, im April in einer Gartenhütte in Kernen-Rommelshausen eine ebenfalls 50 Jahre alte Frau vergewaltigt zu haben. Die beiden hatten zuvor eine Beziehung. Die Strategie der Verteidigung: Den Angeklagten zum Opfer machen, der Frau niedere Absichten unterstellen.

Nun ist das Urteil gesprochen - das Amtsgericht hält den Mann für schuldig: Zwei Jahre und acht Monate Freiheitsentzug, Übernahme der Kosten des Verfahrens und der notwendigen Ausgaben der Nebenklägerin wegen Vergewaltigung in Tateinheit mit Körperverletzung und Nötigung. 

Beim ersten Teil der Hauptverhandlung Anfang November war eine Audiodatei vorgespielt worden, auf der – so die Annahme der Staatsanwaltschaft – zu hören ist, wie das Opfer, das als Nebenklägerin auftrat, im April in ihrer Gartenhütte in Rommelshausen von ihrem Ex-Freund nach einem Streit zum Oralverkehr gezwungen worden war. Er habe die Frau in die Hütte gestoßen, zu Boden gerungen, an den Armen gepackt und nach unten gedrückt, sie an Hals und Unterkiefer gepackt, ihren Mund mit Gewalt geöffnet und den Verkehr bis zum Samenerguss vollzogen.

Als „Unsinn“ bewertete der Staatsanwalt die Behauptung des Angeklagten, das Opfer habe den Angeklagten in eine Falle gelockt, um als dessen Nachmieterin in seine Wohnung einzuziehen. Die Aussagen der Frau, die bis heute unter dem Geschehen und dessen Folgen leide, seien konsistent und schlüssig, frei von Belastungseifer. Durch den Versuch der Angeklagtenseite, sie vor Gericht als Lügnerin hinzustellen, sei sie ein zweites Mal zum Opfer gemacht worden. „Unterste Schublade“, sagte dazu der Anwalt der als Nebenklägerin an dem Verfahren beteiligten Frau. Das Wimmern und Flehen des Opfers, das auf der Audiodatei zu hören sei, die barschen Drohungen des Täters, würden nur ansatzweise das Martyrium wiedergeben, das das Opfer durchlitten habe.

Wie schon während der Beweisaufnahme am 2. November wandte sich der Verteidiger des Angeklagten erneut vehement gegen die Verwertung der von der „angeblichen Geschädigten“ gespeicherten Audiodatei. Dadurch seien die Persönlichkeitsrechte seines Mandanten massiv verletzt worden, sowohl sein Recht am eigenen Wort, seine Intimsphäre und sein Recht, selbst zu bestimmen, wem er Einblicke in sein Sexualleben gewährt. An der Aufklärung der Tat bestehe kein besonderes öffentliches Interesse, denn anders als bei Mord, Totschlag und dem Bilden einer kriminellen Vereinigung handle es sich hier um eine Beziehungstat, „ein Verbrechen minderer Qualität“.

Sein Mandant bestreite die Vorwürfe. Der Oralsex habe in Wirklichkeit auf Wunsch der angeblichen Geschädigten stattgefunden. Somit würden sich hier zwei unterschiedliche Aussagen gegenüberstehen, und im Zweifelsfall müsse zugunsten seines Mandanten, des Angeklagten, entschieden werden. Die beiden 50-Jährigen seien auf der Terrasse gesessen und hätten „miteinander gekuschelt“, dann seien sie zusammen in die Gartenhütte gegangen. Nach Ansicht des Anwalts hat der Angeklagte zudem weder „starke Gewalt über die gesamte Zeit hinweg“ noch „massive Drohungen“ gegenüber der Frau ausgeübt. Sie am Hals zu fassen und Druck auf ihren Kiefer auszuüben, um den Mund zu öffnen, reiche nicht aus, um den Tatbestand der Vergewaltigung nach Paragraf 177 des Strafgesetzbuchs zu erfüllen. Bei einer Vergewaltigung müsse Gewalt als Mittel zur Überwindung von Widerstand eingesetzt werden, zudem, so der Verteidiger, gehe eine „normale Vergewaltigung“ so vor sich, dass sich der Täter mit dem gesamten Körper auf das Opfer lege und sie mit den Händen festhalte. Im vorliegenden Fall sei die Frau auf dem Boden gesessen, der Mann habe vor ihr gestanden. Sie hätte somit jederzeit aufstehen, während des Verkehrs den Mund schließen, den Kopf zur Seite drehen oder seinen Penis wegschieben können.

Verteidigung bleibt bei ihrer Linie

Da dies alles nicht erfolgte, müsse von einvernehmlichem Oralverkehr ausgegangen werden. Das Sträuben der Frau musste der Angeklagte nach Darstellung seines Anwalts nicht ernst nehmen. Er sei davon ausgegangen, dass die Frau einverstanden war; er habe sie zwar mit „Ich bring’ dich um“ angeherrscht, aber nicht, um den Verkehr zu erzwingen, sondern weil ihn das Weinen und Schreien der Frau gestört habe und er erreichen wollte, dass sie nicht weiter „eine Szene macht“.

Wer, stellte der Anwalt in Bezug auf die Audiodatei in den Raum, sei im Kino, Theater oder in der Oper nicht schon von einer intensiv gespielten Szene beeindruckt worden? Und schließlich gebe es auch Laienschauspieler. Motor für das Weinen und Schreien sei es gewesen, Beweise für eine angebliche Straftat zu konstruieren, um den Angeklagten „hereinzulegen“. Vielleicht habe sich das angebliche Opfer auch geschämt und sich selbst Vorwürfe dafür gemacht, dass sie sich wie bei einem One-Night-Stand auf ein Sexabenteuer eingelassen habe. Weder sei erkennbar, führte der Anwalt weiter aus, dass die Frau noch an dem Geschehen gravierend leide, noch seien auf den von der Polizei angefertigten Beweisfotos ernsthafte Verletzungen zu erkennen. Den auf einem der Fotos erkennbaren roten Strich auf dem Rücken könnte sie sich auch selbst zugefügt haben, so der Verteidiger. Da nichts Gravierendes geschehen sei, handle es sich allenfalls um einen minderschweren Fall, nicht um ein Verbrechen. Somit komme auch eine Einstellung des Verfahrens in Betracht.

Ohne die Audiodatei, räumte Richter Steffen Kärcher in seiner mündlichen Urteilsbegründung ein, wäre es, wie so oft, wenn zwei Personen allein sind, tatsächlich schwer gewesen, dem Angeklagten die Tat nachzuweisen. Deren Anfertigung und Verwendung sei deshalb zulässig, weil sich das Opfer in einer „Notstandssituation“ befunden habe, als sich ein Streit wegen der Eifersucht des Angeklagten immer mehr aufschaukelte. Aus der Datei gehe hervor, dass es ausgeschlossen sei, „dass er davon ausgehen konnte, was hier passiert, ist freiwillig, und sie macht mit. Er zog es durch, gegen den eindeutig erkennbaren Willen des Opfers, und hatte keine Berechtigung, den Geschlechtsverkehr zu erzwingen“. Dies sei in der Summe zweifelsfrei, so der Vorsitzende des Schöffengerichts. Er bedauerte, dass der Angeklagte es dem Opfer nicht durch ein Geständnis ersparte, durch die Gerichtsverhandlung und den zu erwartenden Gang durch die Instanzen erneut zum Opfer gemacht zu werden. Falls innerhalb einer Woche Rechtsmittel eingelegt werden, geht der Prozess am Landgericht weiter.

Das Schöffengericht des Waiblinger Amtsgerichts unter Vorsitz von Richter Steffen Kärcher hat am Montag sein Urteil gefällt. Einem 50-Jährigen war vorgeworfen worden, im April in einer Gartenhütte in Kernen-Rommelshausen eine ebenfalls 50 Jahre alte Frau vergewaltigt zu haben. Die beiden hatten zuvor eine Beziehung. Die Strategie der Verteidigung: Den Angeklagten zum Opfer machen, der Frau niedere Absichten unterstellen.

Nun ist das Urteil gesprochen - das Amtsgericht hält den Mann

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