Kernen

Vom Flüchtling zum Adoptivsohn: Familie aus Kernen adoptiert Saidou aus Gambia

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Klara und Lothar Fischer mit ihrem Adoptivsohn Saidou. © Benjmain Büttner

Wenn Klara Fischer von den Erfolgen erzählt, die ihr Adoptivsohn Saidou Fischer erzielt hat, dann leuchten ihre Augen stolz. „Wir haben keine Sekunde bereut, dass wir Saidou adoptiert haben“, sagt die 80-jährige Kernenerin und tätschelt und klopft mütterlich auf Saidous Bein. Ihr Ehemann Lothar Fischer (84) ist gleicher Meinung. „Wir haben ihm das Gefühl gegeben, hier zu Hause zu sein“, sagt er. Mutter, Vater und Sohn sitzen auf dem Sofa – strahlende Gesichter, stiller Einklang.

In Gambia geboren und aufgewachsen

Zu Hause bei den Fischers fühlt sich auch der 25-Jährige wohl, der in Gambia geboren und aufgewachsen ist. Nach dem Tod seiner Mutter lebte er mit seinen Geschwistern, dem Vater und dessen neuer Frau zusammen. Fischer zufolge gab es „Spannungen innerhalb der Familie“ und massive Probleme, weshalb der junge Mann alles hinter sich ließ und für eine bessere Zukunft aus seiner Heimat floh. Teilweise zu Fuß, teilweise mit Bus oder Bahn sowie auf einem Boot begab er sich auf eine lange und gefährliche Reise. Über Senegal, Mali, Burkina Faso, Niger, Libyen und Italien gelangte er schließlich im Jahr 2014 nach Deutschland. In Kernen kam der Gambier in dem ehemaligen Diakonie-Dorf „Hangweide“ unter, wo die Asylbewerber zunächst untergebracht wurden.

Saidou konnte weder lesen noch schreiben

„Ich wusste gar nicht, dass es Geflüchtete im Ort gab“, sagt Klara Fischer. Durch eine Informationsveranstaltung der Gemeinde Kernen habe sie über die aktuelle Situation der Asylbewerber erfahren und sich dazu entschlossen, sich im Arbeitskreis Asyl zu engagieren. Dort versorgte die pensionierte Buchhalterin die Flüchtlinge, die am Deutschkurs teilnahmen, mit Tee und Gebäck. „Saidou war immer dabei“, erinnert sie sich, „er war sehr aufmerksam und immer pünktlich da.“

Doch dann fiel ihnen etwas auf – der junge Mann konnte weder lesen noch schreiben, weshalb er Schwierigkeiten hatte, Deutsch zu lernen. Die Suche nach einem Platz in einem Alphabetisierungskurs blieb erfolglos. So krempelte das Ehepaar Fischer die Ärmel hoch. Nachhilfe gab es auch von dem pensionierten Professor Lothar Schächterle sowie dem praktizierenden Arzt Dr. med. Siegfried Herschlein. „Es hat Freude gemacht, mit ihm zu lernen“, sagt Klara Fischer. Sie schlossen den jungen Mann ins Herz und entschieden sich dazu, Saidou zu adoptieren.

Im Jahr 2019 offiziell adoptiert

Zunächst reiste das Paar im Jahr 2017 nach Gambia, um mit dem leiblichen Vater Saidous darüber zu sprechen, dieser hatte nichts dagegen. Im Jahr 2019 wurde Saidou Fischer offiziell der Sohn des Kernener Ehepaars. „Eine Adoption verhindert keine Abschiebung“, sagt Klara Fischer und wiederholt die Worte des Notars. Doch daran möchte sie nicht denken: „Saidou ist einmalig für uns“, sagt sie, „wir möchten ihn nicht mehr hergeben.“ Mit Hilfe der Fischers startete der Gambier mit einer Lehre als „Fachkraft im Gastgewerbe“ bei der Metzgerei Schäfer in Beutelsbach, dem ehemaligen Arbeitgeber von Klara Fischer.

Gelernter Fachkraft im Gastgewerbe

Trotz intensiven Lernens fiel er jedoch bei der praktischen Prüfung durch. Dennoch hatte er Glück im Unglück: Einer seiner Prüfer war Michael Oettinger, „sein jetziger Chef“, sagt die Mutter. Der Inhaber von „Oettingers Restaurant“ im Hotel Hirsch in Fellbach bot Saidou Fischer seine Unterstützung an. Woraufhin der 25-Jährige in das Hotel Hirsch wechselte, dort seine restliche Lehre fortsetzte und schließlich im Juli erfolgreich die Prüfung zur Fachkraft im Gastgewerbe abschloss. Für den schulischen Teil seiner Ausbildung besuchte er die Maria-Merian-Schule in Waiblingen. Saidou Fischer ist glücklich: „Ich bin sehr zufrieden mit meiner Arbeit.“

Kulturelle und religiöse Unterschiede spielen keine Rolle

Auch für seine Adoptiveltern kocht der junge Mann gerne. „Seitdem habe ich sonntags frei“, sagt Klara Fischer. Dann gehöre die Küche allein ihrem Sohn. Er verbringe viel Zeit mit ihnen, komme täglich vorbei, um nach ihnen zu schauen, oder rufe an, sagt sie. Hier findet er immer ein offenes Ohr. Die kulturellen, religiösen, anfangs auch sprachlichen Unterschiede hätten im Umgang miteinander nie ein Problem bedeutet. „Saidou bereichert unser Leben sehr“, sagt sie. „Wir hoffen, dass wir lange das Gemeinsamsein genießen können.“

Wenn Klara Fischer von den Erfolgen erzählt, die ihr Adoptivsohn Saidou Fischer erzielt hat, dann leuchten ihre Augen stolz. „Wir haben keine Sekunde bereut, dass wir Saidou adoptiert haben“, sagt die 80-jährige Kernenerin und tätschelt und klopft mütterlich auf Saidous Bein. Ihr Ehemann Lothar Fischer (84) ist gleicher Meinung. „Wir haben ihm das Gefühl gegeben, hier zu Hause zu sein“, sagt er. Mutter, Vater und Sohn sitzen auf dem Sofa – strahlende Gesichter, stiller Einklang.

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