Kernen

Vom Kampf für die Gleichberechtigung in der Kirche

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Der ganzen Gemeinde den Segen erteilen: Pfarrerin Karin Pöhler aus Rommelshausen macht das heute ganz selbstverständlich. Vor 50 Jahren wäre das noch nicht möglich gewesen. © Ramona Adolf

Kernen. Erst seit 50 Jahren dürfen Frauen in der evangelischen Kirche vollwertige Pfarrerinnen sein mit allen Rechten, wie sie die Männer auch haben. Zum Beispiel dem Recht auf Ehe und Familie. Karin Pöhler, Rommelshäuser Pfarrerin und Vorsitzende des Theologinnenkonvents Württemberg, erinnert an die Zeit, in der die Frauen kämpften.

„Ich will meinen pfarramtlichen Dienst im Gehorsam gegen Jesus Christus nach der Ordnung unserer Landeskirche tun und das Beichtgeheimnis wahren.“ Karin Pöhler, evangelische Pfarrerin in Rommelshausen hat dies vor 13 Jahren bei ihrer Ordination in Pfullingen „vor Gott und dieser christlichen Gemeinde“ gelobt. Seither darf sie vor ihrer Gemeinde predigen, den Segen erteilen, Kinder taufen, die Beichte abnehmen und alles andere machen, was eine Pfarrerin eben so macht.

Wäre Karin Pöhler etwas älter, als sie ist, es geht um gar nicht viele Jahre, tatsächlich nur um so viele, als dass sie vor gut einem halben Jahrhundert hätte arbeiten können, und damit um einen Wimpernschlag in der schon langen Geschichte des geregelten Gottesdienstes, wäre alles anders.

Die große Freiheit nach Luther galt nur für Männer

Karin Pöhler könnte, wenn das so wäre, zwar Pfarrerin sein, aber nur für Kinder und Frauen. Den Männern dürfte sie ihre Botschaft nicht verkünden. Und sie müsste zölibatär leben, wie ein katholischer Priester quasi, obwohl sie ja dem Herrn Luther und seiner Reformation verpflichtet ist. Mit einer Hochzeit und eigenen Kindern wäre alles vorbei gewesen. Die Neuerungen der Reformation vor 500 Jahren hätten ihr zwar eine Tür in die Theologie geöffnet, doch die große Freiheit galt damals nur für Männer. Martin Luthers Überzeugung, dass der Pfarrer nicht vor oder über seinen Schäfchen, sondern in einer Reihe mit allen Gläubigen steht, dass eigentlich alle, die das Sakrament der Taufe erhalten haben, auch pfarrerliche Tätigkeiten ausüben dürfen und es der ausgebildete Pfarrer wegen seiner Ausbildung einfach nur richtig und „nach der Ordnung“ macht, kurz, dass auch Pfarrer „ganz normale Menschen“ sind, gälte nicht für sie. Männer waren halt über viele, viele Jahre noch ein bisschen normaler als Frauen.

Dann aber rollte ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Frauenbewegung übers Land und riss die festgefügte Ordnung um. Anfang des 20. Jahrhunderts durften deutsche Frauen plötzlich wählen und den Texten der Bibel wurde ihre Wortwörtlichkeit genommen. Sie wurden in ihren historischen Kontext gewiesen. Da konnte Paulus dann so oft er wollte geschrieben haben, dass das Weib in der Gemeinde zu schweigen habe – die Weiber hielten den Mund nicht mehr.

Gleichberechtigt erst seit 1968

Am 15. November 1968 entschied die württembergische Landessynode nach heftigsten Diskussionen: Frauen sind ganz gleich. Und keiner ist gleicher. Viele Theologinnen waren für diesen Wandel durchs Land gereist und hatten vor Frauen für das Thema geworben.

Mit dabei war Lenore Volz. Sie war 1913 in Waiblingen geboren und machte ihrer Kirche im Jahr 1967 ordentlich Feuer: Ihre Schrift hieß „Frauen auf die Kanzel? Eine brennende Frage unserer Kirche“. Lenore Volz war eine der ersten Frauen, die in Württemberg als Pfarrerin tätig waren – 1970 übernahm sie die Krankenhauspfarrstelle in Bad Cannstatt.

Heute ist der Talar selbstverständlich

Frauen wie Lenore Volz bezeichnet Karin Pöhler als die „Hebammen der Frauenordination“. Ohne diese Kämpferinnen könnte Karin Pöhler nicht die sein, die sie heute ist. Sie wäre nicht Pfarrerin, sie wäre nicht Vorsitzende des Theologinnenkonvents Württemberg und hätte auch nicht die Gelegenheit gehabt, diesen speziellen Gottesdienst am Sonntag mitzuorganisieren: 50 Jahre Frauenordination. „Talar nicht vorgesehen“ betitelte Lenore Volz noch ihre Autobiografie.

Heute ist der Talar selbstverständlich – für Karin Pöhler, für alle anderen Pfarrerinnen.


Gleiche Rechte – gleiche Chancen?

Auch wenn seit 50 Jahren in der evangelischen Kirche Gleichberechtigung herrscht – gleich sieht es bei Männern und Frauen noch immer nicht aus. Da unterscheidet sich die Kirche in keiner Weise von allen anderen Institutionen und Unternehmen.

Erst 1984 wurde eine Frau in Württemberg Dekanin. Es war Marianne Koch aus Metzingen.

1992 wurde Dorothea Margenfeld aus Ludwigsburg erste Prälatin in Württemberg. Im gleichen Jahr wird die erste Frau, Maria Jepsen, in der evangelischen Kirche Deutschland zur Bischöfin geweiht. Im Juni 2010 trat sie von ihrem Amt zurück. Ihre Nachfolgerin im Sprengel Hamburg-Lübeck wurde Kirsten Fehrs. Sie und Ilse Junkermann aus der Mitteldeutschen Landeskirche sind aktuell die einzigen zwei Bischöfinnen in den 20 Landeskirchen in Deutschland. Der evangelischen Kirche Westfalens steht Annette Kurschus vor. Sie ist jedoch nicht Bischöfin, sondern Präses.

In der Evangelischen Kirche Württemberg gibt es bis heute keine Bischöfin.


Info

Am Sonntag, 23. September, 16 Uhr, beginnt die Feier anlässlich der 50 Jahre Frauenordination mit einem Festgottesdienst in der Stiftskirche in Stuttgart. Prälatin Gabriele Arnold wird die Festpredigt halten. Anschließend gibt es ab 17.30 Uhr einen Empfang im Hospitalhof, Büchsenstraße 33, mit Sekt und Kuchen sowie einigen Grußworten.