Kernen

Wenn der Staatsschutz bei Gras-Deals mithört

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Symbolbild. © ZVW

Waiblingen/Kernen. Im Prozess gegen Kernener Kiffer, die ins Visier des Staatsschutzes geraten sind, gibt es drei weitere Urteile. Ein 22-jähriger Algerier bleibt in Haft, zwei Männer haben die Chance auf Bewährung. Monatelang war das Handy des Algeriers vom Staatsschutz abgehört worden, um islamistische Umtriebe im Auge zu behalten. Die gab es nicht, dafür wurden zahlreiche kleine Marihuana-Deals mitgeschnitten.

Die Tonaufnahmen wurden am zweiten Verhandlungstag abgespielt, der sich über fast einen ganzen Tag erstreckte. Es handelt sich dabei um Telefonate zwischen dem Algerier, anderen Angeklagten sowie weiteren Unbekannten. Der Inhalt: Viel „Bruder“-Genuschel und Begriffe aus der Kifferszene: Auf die Frage „Soll ich was holen, Bruder?“ folgte zum Beispiel die Antwort „Ja, einen Zehner“ – also einen Beutel Gras für zehn Euro. Mal besorgte der eine den Stoff, mal der andere. Der Begriff „Bedarfsgemeinschaft“, den einer der Verteidiger verwendete, trifft es wohl ganz gut. Nur in einem Fall ging es um eine größere Menge Drogen, rund 300 Gramm für circa 450 Euro. Die Ware beschaffte der Algerier für einen mitangeklagten 21-jährigen Mechaniker-Azubi. Das haben beide zugegeben. Am Ende wurde der vielfach vorbestrafte Algerier zu zwei Jahren Haft wegen des großen und mehrerer kleiner Deals verurteilt. Die sechs Monate, die er bereits in Untersuchungshaft sitzt, werden ihm darauf angerechnet. Der junge Auszubildende kommt mit einer Bewährungsstrafe davon: Ein Jahr und zwei Monate lautete das Urteil des Schöffengerichts um Steffen Kärcher.

Ein ebenfalls angeklagter 28-jähriger Zahntechniker, der mit dem Algerier kleinere Grasdeals im Bereich von zehn bis 20 Euro durchgezogen hat – was er bis zuletzt bestritt –, wurde zu fünf Monaten auf Bewährung und 2000 Euro Strafe verurteilt.

Plötzlich überwacht

„Dumm gelaufen“ sei das Ganze für die Stettener Kiffer, sagte der Verteidiger des Algeriers in seinem Plädoyer. Sein Mandant sei durch verschiedene Unterkünfte in Europa getingelt, habe viele Menschen kennengelernt, darunter eben auch einen Islamisten, der mittlerweile in Spanien inhaftiert ist. Es landete einschlägiges Foto- und Videomaterial auf dem Handy des Algeriers, er selbst posierte auf einem Foto in Kampfmontur – der Staatsschutz wurde auf ihn aufmerksam. Die Beamten hörten fortan mit, wenn er telefonierte. Vor seiner Wohnung in Stetten wurde sogar eine Videokamera aufgestellt. Der Verdacht, bei dem 22-Jährigen handle es sich um einen gefährlichen Islamisten, verhärtete sich aber nicht. Stattdessen hatte die Polizei nun vergleichsweise harmlose Stettener Kiffer auf dem Schirm. Wären sie nicht über Monate beobachtet und abgehört worden, sie flögen mit ihren unspektakulären Deals noch immer unter dem Radar.

Stattdessen sahen sie sich plötzlich auf der Anklagebank wieder, hörten sich stundenlang ihre kleinkriminellen Verabredungen noch einmal an und schauten sich auf dem Bildschirm eines Ermittlers dabei zu, wie sie die Wohnung des Algeriers betraten oder verließen. Ein eher untypischer Aufwand in einem solchen Fall – allerdings existiert auch von den wenigsten Marihuana-Deals Beweismaterial des Staatsschutzes. Trotzdem hätte es so weit nicht kommen müssen, was auch an den Angeklagten lag. Bereits am ersten Verhandlungstag war ein 26-Jähriger aus der Gruppe zu einer geringen Geldstrafe verurteilt worden – er hatte gestanden, zweimal beim Algerier geringe Mengen Gras gekauft zu haben. Der Fall war rasch erledigt. Der 28-jährige Zahntechniker aber stritt selbst dann noch ab, Gras gekauft und verkauft zu haben, als die Indizien sich immer weiter verdichteten. Schon zum Prozessauftakt hatte ihn der Algerier belastet: Ja, man habe sich ab und zu ein paar Gramm geteilt. Der 28-Jährige hielt schon damals dagegen, sie hätten lediglich Tee getrunken. Als in einem mitgeschnittenen Telefonat zwischen den beiden von „zwei Stück“ die Rede war, behauptete er, es ging um zwei Flaschen Limonade. Obwohl in seiner Wohnung fünf abgeerntete Marihuana-Pflanzen gefunden worden waren, stritt er ab, etwas mit dem Rauschmittel zu tun zu haben. Besser wäre er wohl gefahren, wenn er – wie der 21-jährige Azubi – von Anfang an reinen Tisch gemacht hätte. Denn wirklich schwerwiegend waren die Vorwürfe nicht. Weil er aber nach den Worten des Staatsanwalts „Blödsinn“ verzapfte, verbaute er sich schon früh die Chance auf eine Einstellung oder Geldstrafe, wie von seinem Verteidiger angeregt.

Es wird weiter ermittelt

Nach monatelanger Observation und zwei Verhandlungstagen sind nun vier der ursprünglich fünf angeklagten Kiffer verurteilt. Ganz am Ende angelangt ist der Prozess allerdings noch immer nicht. Ein 35-jähriger Obdachloser muss im April noch einmal vor Gericht erscheinen. Er konnte auf einem Telefonmitschnitt über einen unbestimmten Deal – möglicherweise geht’s um Koks – nicht eindeutig identifiziert werden. Die Polizei bekam von Richter Kärcher den Auftrag, erneut zu ermitteln.